Allzeit Stoßzeit

An Altenstadts sensibelster Stelle sind täglich über 20 000 Fahrzeuge unterwegs. Fachleute von Gemeinderat, Polizei, Staatlichem Bauamt und eines Münchner Planungsbüros zermartern sich seit Jahren die Köpfe, wie sie das Straßengeflecht aus der Gefahrenzone bringen. Grafik: NT/AZ

Mitten in Altenstadt treffen zwei Bundesstraßen aufeinander. Genau dort lockt eine Jet-Tankstelle, die für günstigen Sprit bekannt ist. Eine höchst unfallträchtige Konstellation. "Aus polizeilicher Sicht glaube ich nicht, dass das heute noch einmal so genehmigt würde", vermutet Hauptkommissar Alfred Arnold.

Arnold ist der Verkehrsexperte der Polizeiinspektion Neustadt. Er weiß genau, wo es im Landkreis kracht. Das Areal rund um die Egerländer- und die Karl-Hofbauer-Straße, den Haidmühlweg, den Forstweg, die Jahnstraße und die beiden Bundesstraßen ist ganz vorn mit dabei. Dass es so oft scheppert, dürfte bei den Zahlen der letzten Verkehrszählung 2010 nicht weiter wundern: 13 000 Autos, Laster und Motorräder drücken pro Tag auf der B 15 nach Altenstadt rein, 9500 Fahrzeuge düsen über die B 22 zum Kreisverkehr nahe der Autobahn.

Am Donnerstag, 13. November, kam Alessandro Paul von der Arbeit. Der 16-Jährige lernt bei Witron in Parkstein und ging gegen 16.50 Uhr zu Fuß vom Pendlerparkplatz nahe des Sauerbachtals entlang der B 22 Richtung Tankstelle. Dort, wo der Rad- und Fußweg aufhört, etwa in Höhe des Feuerwehrhauses, überquerte er die Fahrbahn. "Dann habe ich ein paar Rücklichter gesehen und war ohnmächtig", schildert er den Moment, an den er sich zuletzt erinnert.

"Verdammt viel Glück"

Als er wieder bei Sinnen war, lautete die Bilanz sechs Tage Krankenhaus, Schädelbasis-, Unterarm- und Jochbeinbruch. "Er hat verdammt Glück gehabt", sagt Alessandros Vater Ingo Paul, der via Facebook Zeugen gesucht hat. Gemeldet hat sich niemand. Die Polizei kam zu dem Schluss, dass der relativ dunkel gekleidete junge Mann wohl einen Opel Corsa übersehen hat, auch wenn sich der 16-Jährige das nicht erklären kann.

Immerhin ist Alessandro noch am Leben. Ein 14-jähriger Gymnasiast nicht mehr. Am ersten Tag der Sommerferien 2012 wollte er am helllichten Tag mit seinem Mountainbike von der Tankstelle aus die B 22 überqueren und offensichtlich auf dem gegenüberliegenden Radweg weiterfahren. Von rechts kam ein tschechischer Laster, der den Buben frontal erfasste. Die Stelle liegt nur 200 Meter von derjenigen entfernt, wo Alessandro angefahren wurde. Alfred Arnold gehen die Fälle nicht aus dem Kopf. Zusammen mit Armin Wildenauer vom Straßenbauamt und dem Leiter der Verkehrsbehörde beim Landratsamt, Karl Lukas, gehört er einer von 107 bayerischen Unfallkommissionen an.

Die drei Fachleute gestehen, dass ihnen das Straßengeflecht rund um die Tankstelle weiter Rätsel aufgibt. Zwischen 2009 und 2011 hat es eher an der B 15 Verletzte gegeben. Die Folgejahre bis zum Oktober 2014 war es vor allem im Bereich der B 22 brenzlig. "Unterschiedliche Unfälle, unterschiedliche Stellen", bilanziert Wildenauer. Das Vertrackte: Es fehlt ein Muster, um gezielt anzusetzen. Mal war der Abstand zu gering, mal war Alkohol im Spiel, mal hat jemand beim Abbiegen nicht aufgepasst. "Zu 80 Prozent waren Ortskundige beteiligt", sagt Arnold. Sie sind verantwortlich, dass es zwischen 2009 und 2014 sage und schreibe 31 Mal Blechschäden und zum Teil Schwerverletzte gegeben hat.

Pächter ratlos

Nicht mitgerechnet sind die Zusammenstöße beim Rangieren an der Tankstelle, da es sich dort um Privatgrund handelt. Achtmal hat die Polizei so etwas 2014 registriert. Nicht zuletzt, weil die Tankstelle vor einiger Zeit um einige Zapfsäulen aufgerüstet hat. Eine Frau wurde angefahren, als sie aus dem Verkaufsraum trat und ein Autofahrer gerade die Tankstelle als Abkürzung zwischen B 15 und B 22 nutzen wollte.

Die Tankstation existiert seit Jahrzehnten und genießt daher Bestandsschutz. Mit der Lage und den Zufahrten am Scheitelpunkt von zwei Bundesstraßen hätte sie beim heutigen Verkehrsaufkommen kaum Chancen zu eröffnen, meinen die Experten der Unfallkommission.

Der Pächter will zu den Karambolagen nichts sagen. "Ich kann es auch nicht begründen." Ein Verdacht heißt Reizüberflutung. "Kann sein, dass die Leute an der Leuchtreklame sehen, der Benzinpreis ist schon wieder gesunken und sich spontan entschließen, zum Tanken abzubiegen", spekuliert Arnold.

Doch kaum jemand dürfte zugeben, dass er sich hat ablenken lassen, wenn ein Malheur passiert ist. Wildenauer: "Aus Unfallberichten ist eine Reizüberflutung nicht ersichtlich." Und selbst wenn es so wäre, hätten die Behörden keine Handhabe, erklärt Arnold: "Ich kann dem Pächter nicht sagen, bau mal deine Benzinpreisanzeige ab."

Ampel und Radweg

Zusammen mit der Gemeinde wollen Polizei und Straßenbauer 2015 reagieren. Wo heute der Geh- und Radweg an der B 22 aufhört, soll eine Fußgängerampel mit Anforderungstaste sicheres Überqueren möglich machen. Auf der anderen Seite wird der Fußweg dann etwa 200 Meter bis zur Tankstelle weitergeführt. Dafür bekommt die Gemeinde 290 000 Euro vom Bund.

Hätte es das schon im November gegeben, wäre Alessandro Paul vielleicht einiges erspart geblieben. Doch Genehmigungsverfahren haben ihre Tücken und ihre Längen. Was danach bleibt, um die Situation in Altenstadt zu entschärfen, sind vor allem Appelle. Zum einen, dass Fußgänger und Radler sich besonders im Winter hell anziehen. "Die Kreisverkehrswacht gibt kostenlos reflektierende Klickbänder ab", empfiehlt Hauptkommissar Arnold als zusätzlichen Schutz. Zum anderen sollten Altenstädter, die es aus der Ortsmitte Richtung Sportheim, Schützenheim oder Arztpraxen Richtung Gewerbegebiet zieht, den winzigen Umweg über die Ampel auch in Kauf nehmen.

Bürgermeister Ernst Schicketanz und sein Gemeinderat lassen zurzeit ein Ortsentwicklungskonzept erstellen. Ein zentraler Punkt ist der Verkehr. Dazu hat die Gemeinde ein Fachbüro aus München eingeschaltet. Eine Lösung ist noch nicht in Sicht, gibt der Rathauschef zu. Das Ziel hat er aber sehr wohl formuliert: "Wir wollen aus Richtung Weiden 2500 Fahrzeuge pro Tag auf die Autobahn bringen." Er legt den Fahrern ans Herz, in Weiden bei ATU auf die A 93 umzuschwenken, oder auch in Höhe der Supermärkte in der Unteren Bauscherstraße. Vorerst bleibt das nur ein Neujahrswunsch, weiß Schicketanz: "Ich kann ja niemanden zwingen."
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