"Kommen schon wieder heim"

Nur lobende Wort hat Maria Baier für die Familie Reil. Thomas und Maria Reil (im Bild) nahmen die Familie Scharnagl nach deren Flucht auf.
 
Den Hof in Tholl mussten die Familie Scharnagel 1945 von einem Tag auf den andern verlasen. Das Bild zeigt Josef und Anna Scharnagl mit Sohn Josef im Herbst 1937. Repros: rti

Die Gedanken und Erinnerungen an ihre Heimat lassen Maria Baier nicht los. Obwohl sie erste sechs Jahre alt war und die Flucht aus ihrem Geburtsort schon 70 Jahre zurückliegt, denkt sie täglich an ihre Kindheit im Sudetenland zurück.

"Je älter ich werde, desto mehr trauere ich um meine verlorene Heimat", sagt die 76-Jährige. Sie lebt mittlerweile seit 1955 in Altenstadt. "Hier bin ich zu Hause. Mir geht es gut und ich habe alles, aber meine Heimat wird immer Tholl bleiben."

Tholl war eine kleines Dorf mit rund 150 Einwohnern in der Nähe von Haid (Bor), das zum Landkreis Tachau gehörte. Baiers Eltern, Josef und Anna Scharnagl, bewirtschafteten dort einen Bauernhof. Ende 1945 musste die Familie aber ihr Haus fluchtartig verlassen. "Uns drohte die Deportation in den russischen Sektor, mein Vater wollte dort aber nicht hin." Da er in Roggenstein Bekannte hatte, beschloss die Familie, sich nach Bayern durchzuschlagen. Dabei waren auch ihre Großmutter Katharina und ihr achtjährige Bruder Josef.


Da alles sehr schnell gehen mussten, konnten sie auch fast nichts aus ihrem Haus mitnehmen. "Wir hatten nur das dabei, was wir tragen konnten." Für die rund 50 Kilometer brauchten die fünf drei Wochen. An die Flucht hat Baier, die damals sechs Jahre alt war, kaum Erinnerungen. "Ich weiß nur noch, wie wir durch ein Waldstück gewandert sind und dabei meine Füße nass wurden. Meine Mutter hat mich dann auf einen Baumstumpf gesetzt und mir die Socken gewechselt."

Zwei Zimmer auf Reil-Hof

Am 29. November 1945 traf die Familie in Roggenstein ein. Sie fand Unterschlupf auf dem Hof von Thomas und Maria Reil. "Herr Reil fand meinen Vater sympathisch, daher hat er uns aufgenommen", weiß die 76-Jährige aus späteren Gesprächen. Zehn Jahre lang teilte sich die fünfköpfige Familie dann zwei Zimmer. In einem Raum schliefen ihr Bruder und die Oma und in der Küche die anderen drei.

"Es war zwar eng, aber wir waren zufrieden. Zudem waren die Hausleute sehr gut zu uns." Als Gegenleistung packten ihre Eltern und die Großmutter mit auf dem Reil-Hof an. Dafür hatte die Scharnagl-Familie Essen und eine Wohnung. "Ich denke oft an die Reils zurück, die uns in so schwerer Zeit aufnahmen", hebt Baier hervor. Sie und ihr Bruder sprachen die Hausleute später als Onkel und Tante an. Zudem wurden die Reils die Firmpaten der beiden.

Spruch als Hoffnung

Trotz der herzlichen Aufnahme "haben wir viel um unsere verlorene Heimat geweint". Besonderes erinnert sich Baier an eine Aussage ihrer Oma: "Kindala tun wir nur fest beten. Wir kommen schon wieder heim. Unser Herrgott verlässt uns schon nicht. Was die Tschechen runtergewirtschaftet haben, das richten wir schon wieder zusammen." Diese Worte seien "jahrelang unser Spruch und unsere Hoffnung gewesen".

Nur die Hoffnung auf das Wiederheimkommen und der starke Glaube habe das Durchhalten in dieser Zeit ermöglicht. Die ersten Schultage in der neuen Umgebung seien schwer gewesen. "Aber mit der Zeit wurden mein Bruder und ich immer besser integriert." Auch an den Dialekt hätten sich beiden Kinder immer mehr angepasst. "Man wollte ja nicht auffallen oder verspottet werden." Besonders ihre Großmutter hätte aber gelitten, da sie das Grab ihre Mannes, der sechs Wochen vor der Flucht starb, nie mehr besuchen konnte. Letztendlich habe sich aber der Spruch "Unser Herrgott verlässt uns schon nicht" bewahrheitet.

Denn durch Fleiß, Arbeit und Sparsamkeit habe die fünfköpfige Familie es geschafft, 1955 in Altenstadt ein Haus zu bauen. Und 1979 errichtete Maria mit ihrem Mann Fritz Baier ein weiteres Haus in Altenstadt. Seit der Grenzöffnung 1990 kehrt sie regelmäßig in ihre Heimat zurück. Dabei hatte die 76-Jährige auch schon einige Male die Möglichkeit, ihr Geburtshaus zu besichtigen. Die jetzigen Bewohner hätten sie ohne Probleme hineingelassen. "Das sind nette Leute, die können für die Geschichte ja auch nichts." Oft holt Baier in Tholl auch Palmkätzchen und legt diese auf das Grab der Eltern und Großmutter. "Das gibt mir ein wenig Halt."

Auch mit Blick auf ihrer Lebensgeschichte kann die 76-Jährige nicht verstehen, warum Menschen in Deutschland Flüchtlingsunterkünfte anzünden. Leute, die so etwas machen, wüssten nicht, wie schlimm eine Flucht sei. "Was Heimat ist, kann nur ermessen, wer sie verloren hat, doch nie vergessen", sagt sie mit Blick auf ihren Geburtsort.
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