Shanghai statt Streichelzoo

Volker Häring (rechts) kennt alle Facetten Chinas. Die kargen Lebensbedingungen in der Provinz ebenso, wie die wuchernden Glitzermetropolen. (Bild: privat)
 
Volker Häring (rechts) auf einer seiner Touren. Bild: privat

Urlaub mit zwei Kleinkindern. Für manche kommt dafür höchstens ein Ziel in Frage, wo der nächste Kinderarzt zehn Minuten entfernt wohnt. Volker Häring ist mutiger. Der ehemalige Altenstädter radelt mit Frau und Töchtern (6 und 3 Jahre) zwei Monate lang von Shanghai nach Peking. Am 1. April geht's los.

Häring gibt zu, dass es für Otto Normaltourist etwas tollkühn klingt: Erholung suchen zwischen zwei Megacities bei einer 3000-Kilometer-Tour in 60 Tagen auf einem Tandem samt Jungvolk im Anhänger. Doch der 46-Jährige ist vorbelastet. Er ist studierter Sinologe, spricht fließend Mandarin und hat das Reich der Mitte zigmal bereist. Das ist sein Beruf.

Häring hat im Jahr 2001 zusammen mit einem Freund in Berlin den Reiseveranstalter "China by bike" gegründet, der Radexkursionen durch Burma, Vietnam, Indien, Malaysia und Thailand anbietet. Die meisten Touren führen aber durch alle Winkel Chinas.

"Damit sind wir bis heute weltweit die einzigen Spezialanbieter", sagt Häring. Er und sein Kompagnon beschäftigen zwei fest angestellte Bürokräfte und 15 Reiseleiter auf Honorarbasis. Diese freien Mitarbeiter sind wie der Chef Sinologen. Pro Jahr bringen sie rund 250 Menschen in 40 Gruppen das Riesenland im Fahrradsattel näher.

Die Gründer hatten die Idee dazu 1990 während des Studiums, als China zum Industrieriesen wuchs. "Damals wurden quer durchs Land unheimlich viele Autobahnen gebaut. Dort spielt sich der ganze Verkehr ab. Die alten Staats- und Dorfstraßen sind deshalb sehr gemütlich", erklärt der gebürtige Nürnberger, dessen Vater bei der Deutschen Bank in Weiden gearbeitet hat.

Blog und Buch

Nun also will er die Sache "so halb privat" angehen. "Aber wer weiß: Vielleicht nehmen wir auch mal eine zwei- bis dreiwöchige Tour für Familien ins Angebot." Denn etliche Stammkunden von "China by bike" seien inzwischen Eltern geworden. Klar ist indes, dass während der Reise ein Blog (Link zum Blog) und später ein Buch entsteht.

Was die Familienfahrt so besonders macht, ist, dass die Etappen keine Konditionswunder verlangen. "Die längste ist 85 Kilometer lang, die anderen zwischen 50 und 60." Der Vorteil: Es sind kaum Höhenmeter zu bewältigen. "Normalerweise sind wir in drei Stunden durch und können uns den Rest des Tages etwas anschauen oder faulenzen."

Das alles klingt exotischer als es der Kepler-Abiturient empfindet. "Die medizinische Versorgung ist gut, und wir haben jede Nacht ein festes Dach über dem Kopf." Aber wie hält man zwei Kinder den ganzen Tag bei Laune? "In China gibt es so viele Spielplätze wie bei uns. Jeder Marktplatz hat eine Hüpfburg oder ein Fahrgeschäft." Im Übrigen bringe das digitale Zeitalter familiären Segen. "Über die Aktiv-Box im Handy können wir den Mädchen jederzeit Hörspiele oder Musik besorgen."

"In Berlin ist es gefährlicher"

Bleibt der Verkehr in Großräumen wie Shanghai oder Peking mit über 20 Millionen Einwohnern. "In Berlin ist es gefährlicher, weil jeder auf seiner Vorfahrt beharrt." An die chinesische Stoßzeit-Anarchie auf den Straßen gewöhne man sich dagegen schnell. Ansonsten gelten die üblichen Vorsichtsmaßnahmen wie in Altenstadt, Berlin oder New York.

"Mir ist in 25 Jahren Chinareisen nur ein einziges Mal was geklaut worden, aber da war ich selber schuld. Ich hab ein Handy gut sichtbar in der Tasche vor mir hergetragen." Gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Dass die Tour machbar ist, haben Häring und seine Frau auf einer ganz anderen Strecke getestet. Im Sommer 2010 sind sie zum ersten Mal im Gespann verreist: von Berlin über den Spreewald und Dresden, das Sibyllenbad und einen Zoiglstopp in Windischeschenbach nach Altenstadt. Dort leben Härings Eltern, die er zwei- bis dreimal im Jahr besucht.

Beziehungstest im Sattel

Seit dieser Erfahrung, wissen die Härings, dass sie Tandemurlaub können. Volkers aus Bulgarien stammende Frau Zornica beschreibt es im Internet so: "Es ist der ultimative Test einer jeden Ehe. Du denkst, dass das wöchentliche Aufsammeln dreckiger, über die Wohnung verteilter Socken, der Flirt deines Mannes mit der Rothaarigen auf der letzten Party, die verdächtige SMS, die er letzte Nacht bekommen hat, ein Grund für eine Ehekrise ist? Dann warst du noch nie auf dem hinteren Sitz eines Tandems."

China By Bike Imagevideo from China By Bike on Vimeo.

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