Junge Männer auf gepackten Koffern
Warum viele Afghanen kaum etwas zu Hause hält

Afghanistan-Kenner Reinhard Erös (links) berichtete über seine Arbeit und die Situation am Hindukusch. Bild: bey

Es gibt nicht die eine Fluchtursache, den einen Weg zur Integration, die eine Wahrheit. All dies machte Dr. Reinhard Erös bei seinem Vortrag in der "Wirtschaft" deutlich. Die Kreis-ÖDP hatte den Gründer der "Kinderhilfe Afghanistan" dazu eingeladen. Der Oberstarzt a.D. gab in seinem Referat Antworten auf die Frage, warum nach 14 Jahren westlichem Engagement jetzt Zehntausende Afghanen nach Deutschland fliehen.

Die Stichworte dazu lauten: Die jungen Bürger sehen keine Chance, in ihrem Land eine Familie durchzubringen und wissen, dass ihnen in der Bundesrepublik nur schwer die Abschiebung droht. Deutschland sei frei, achte die Menschenwürde, zahle gerechte Löhne und Richter und Polizisten seien nicht korrupt.

Klima bald Fluchtursache


Laut Erös wird es aber auch bei den Flüchtlingsströmen große Veränderungen geben, weil in 20 bis 30 Jahren rund 300 Millionen Klimaflüchtlinge aus Afrika ihre Länder verlassen. Dies habe Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits als zentrales Problem erkannt.

In Afghanistan habe es die Nato trotz vielen Geldes nicht geschafft, die Lage in den Griff zu bekommen. Jetzt würden überwiegend junge Männer das Land verlassen. Rund 80 Prozent der jungen Afghanen sind nicht älter als 20, von denen wiederum rund 50 Prozent in die Bundesrepublik wollen. Diese Flüchtlinge würden in ihrer Heimat verachtet, weil sie sich nicht dem Kampf gegen die Taliban stellen. Die rund 120 000 Afghanen, die zwischen 1979 und 1989 hierher kamen, seien wirtschaftlich gut integriert und tauchten in Kriminalstatistiken nicht auf.

Wer jetzt in Afghanistan lebt, 17 Jahre alt ist und über neue Medien verfügt, wird beim Blick ins Internet feststellen, wie es sich in anderen Ländern leben lässt. Deshalb sei es logisch, dass diese Menschen weg wollten, erklärte Erös. Brände in Asylheimen änderten daran kaum etwas. Allein in der Hauptstadt Kabul säßen rund 500 000 junge Männer auf gepackten Koffern.

Dabei spiele der Begriff des "sicheren Landes" eine große Rolle. Dieser Begriff lasse sich nicht definieren, weil er unterschiedlichen Betrachtungsweisen unterliege. Ein Poster der Bundesregierung, auf dem den Menschen die Frage gestellt wird, ob sie sich gut überlegt hätten, ihr Heimatland zu verlassen, sei restlos fehl am Platz gewesen, weil große Prozentanteile der Männer und Frauen überhaupt nicht lesen könnten.

Die Taliban würden wiederum die Hazara, zehn Prozent der Bevölkerung, verfolgen. Das entstehende Angstgefühl führe zur Flucht. Erös stellte auch den Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Frage. Die jungen Menschen würden in Deutschland anders behandelt als in ihrer Heimat, wo sie nicht erst mit 18 als erwachsen gelten.

Schleusung de luxe


In Afghanistan gebe es regelrechte Schleuser-Reisebüros mit unterschiedlichen Angeboten für die Flucht. Der Preis gehe von 6000 Euro in der "Economy-Class" bis hin zur 25 000 Euro für den Linienflug. In diesem Fall bekomme der Flüchtling eine Legende, ja sogar ein Visum, das korrupte Beamte ausstellen. Die deutsche Militärpräsenz in Afghanistan dürfe nicht zur Heroisierung der Soldaten führen, weil die überwiegende Zahl den deutschen Standort nie verlassen habe.

Der Weg zur Integration der Flüchtlinge im Westen sei steinig. Das zeige das vielgelobte Schweden. Dort seien Migranten nach 15 Jahren zu 40 Prozent arbeitslos und über 58 Prozent Sozialhilfeempfänger. Bei der Integration sei aber wichtig, den Afghanen, meist Analphabeten, ihre Muttersprache beizubringen, deren Kenntnisse bei einer Rückkehr in die Heimat unabdingbar sei.
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Gerald Schmid aus Mitterteich | 02.07.2016 | 21:02  
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