Junger Iraker schockiert über Ablehnung seines Asylantrags
Zurück in Kriegsgebiet

Jabar Mahmud Abdel, geboren 1993 in Bagdad, soll zurück in den Irak. Dabei liegt die Anerkennungsquote nach Auskunft des Bundesamtes für Migration bei Irakern in diesem Jahr bisher bei 87 Prozent. Bild: ca

Tausende gelbe Kuverts liegen in diesen Tagen in den Briefkästen von Flüchtlingen. Das Bundesamt für Migration (BAMF) hat 2016 schon über mehr als 100 000 Anträge entschieden. Post bekam auch der Iraker Jabar Mahmud Abdel (23) aus Altenstadt - und versteht die Welt nicht mehr.

Die Anerkennungsquote seiner Landsleute liegt eigentlich sehr hoch: Bundesweit wurden seit Januar 3800 Iraker eine Aufenthaltserlaubnis (83 Prozent). 100 bekamen eine Ablehnung. Darunter Jabar. "Ausgerechnet er", kann es seine Vermieterin Andrea Hacker "gar nicht fassen". Gerade Jabar sei fleißig, ruhig, freundlich, ordentlich.

In seinen nicht einmal anderthalb Jahren in Deutschland hat der 23-Jährige schon einiges geschafft. Im Herbst hat er ein Praktikum bei Fahrrad Fritsch in Neustadt/WN absolviert. Dort ist man voll des Lobes über den freundlichen, zurückhaltenden Iraker. Jabar hat erfolgreich seinen Deutschkurs bei der Volkshochschule absolviert und kann heute auf einen Dolmetscher verzichten. Seit September ist er Schüler der Integrationsklasse an der Berufsschule. Eine Schreinerlehre - das wär's.

Sunniten auf der Flucht


Nur: Integrationsleistung spielt keine Rolle bei den Entscheidungen des Bundesamtes für Migration. Das ist, was seine Freunde beklagen. Sie haben den Ablehnungsbescheid samt Anhörungsprotokoll genau studiert. Da steht: "Der Antragsteller hat seine begründete Furcht vor Verfolgung nicht glaubhaft gemacht." Sein Bericht sei "detailarm", seine Zeitangaben zu vage. "Er ist halt keine Plaudertasche", sagt Andrea Hacker.

In der Anhörung berichtete Jabar von einem Drohbrief der Schiiten-Miliz, der Anfang August 2014 in das Haus seiner sunnitischen Familie in Bagdad geworfen worden sei. Dem BAMF-Entscheider ist die Zeitangabe zu ungenau: "Es ist zu erwarten, dass bei einem derart emotional prägenden Ereignis eine genauere Zeitangabe gemacht werden kann." Laut Jabar wurden damals alle Sunniten im Viertel aufgefordert, den Stadtteil innerhalb von 48 Stunden zu verlassen. Jabar und sein jüngerer Bruder flohen mit der alleinstehenden Mutter in das Haus der Großmutter, ehe die Brüder im September den Irak verließen. Die Einreise in Deutschland erfolgte im Dezember. Über Zirndorf kam Jabar nach Altenstadt/WN: "eine schöne, kleine, gute Stadt."

Crash-Kurs-Entscheider


Nach NT-Recherchen hat über Jabars Schicksal ein 29-jähriger Arbeitsvermittler entschieden. Er gehört zu den hastig rekrutierten "Entscheidern", die das BAMF ab November in Sechs-Wochen-Crashkursen umschulte. Der Mitarbeiter sieht für Jabar im Irak "keine Gefahr für Leib und Leben". Auf zwei Seiten schildert er die demokratischen Wahlen nach dem US-Abzug 2004, seit denen ein schiitisches Bündnis regiert. Seit 2005 seien die demokratischen Grundrechte in der Verfassung verankert. Der "Entscheider" beruft sich auf das Auswärtige Amt 2013.

Nur: Was folgte, das erwähnt er nicht. Seit 2014 fordert das Auswärtige Amt zur sofortigen Ausreise auf, auch aus dem Großraum Bagdad. Die Zentralregierung hat die Kontrolle über weite Teile des Landes verloren, 13 Prozent des Staatsgebiets sind von der ISIS besetzt. Laut "Iraq Body Count" schnellten die zivilen Todesopfer von 8900 im Jahr 2014 auf über 20 000 im Jahr 2015 nach oben.

Jabar hat 30 Tage Zeit zur freiwilligen Ausreise und 14 Tage, um Klage beim Verwaltungsgericht Regensburg einzureichen. "Er ist in den letzten Tagen um zehn Jahre gealtert", sagt Vermieterin Andrea Hacker. Der junge Mann befindet sich wegen Schlaf- und Essstörungen schon seit längerem in ärztlicher Behandlung. Seine Freunde sorgen sich wegen seines massiven Gewichtsverlusts.

Betroffen sind damit erneut die Integrationsklassen der Europaberufsschule. "Zuletzt waren sechs Mazedonier und Albaner weg", sagt Fachbetreuer Manfred Wichmann. Damit hatte er noch rechnen können, auch wenn Wichmann das "sehr bitter" fand: "Das waren gute, motivierte Leute, die sehr gute Chancen auf eine Ausbildung hatten." Aber Irak? "Das ist mir ganz neu."

100 000 BescheideDas Bundesamt für Migration ist fleißig. Über 100 000 Asylanträge ist seit Jahresanfang entschieden worden. Die Anerkennungsquoten auf drei Jahre Flüchtlingsschutz sind für Syrer und Iraker hoch: 98,4 bzw. 83 Prozent. Das wirkt sich auch in der Region aus. Weiden meldet seit Januar 75 Anerkennungen (47 Syrien, 19 Irak), mehr als im ganzen Jahr 2015 zusammengezählt.

Ehrlicher Finder


Jabar hat kürzlich eine Geldbörse gefunden. Mit 200 Euro und jeder Menge Karten. Der 22-jährige Iraker gab das Portemonnaie im Altenstädter Rathaus ab - und prompt meldete sich der glückliche Finder in seiner Unterkunft. Der Neustädter bot 40 Euro Finderlohn an, die Jabar energisch ablehnte. "Dafür habe ich jetzt einen Freund." Noch heute steht er mit dem Neustädter in Kontakt.

Selbst hat er nicht so viel Glück: Jabar ließ seinen Laptop in der Sparkasse Weiden liegen. Die Tasche war weg - und wurde auch nicht abgegeben.
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