"Kamingespräch" des Wirtschaftsbeirats
„Lodern“ bei beruflicher Bildung

Im harmonischen Gleichklang: MdB Uli Grötsch, Wirtschaftsbeirat-Vorsitzender Helmut Hör, MdL Annette Karl, MdL Tobias Reiß und MdB Albert Rupprecht (von links). Bild: cf

Beim "Kamingespräch" des CSU-nahen Wirtschaftsbeirats loderte zwar kein Feuer: Doch die Emotionen entzündeten sich an angeblich mangelhafter Ausstattung der Schulen und Vernachlässigung der beruflichen Bildung.

Altenstadt. In Bayern ist wahrscheinlich keine Region für Industrie 4.0 so hervorragend aufgestellt wie die Nordoberpfalz. Theoretisch. Und eigentlich beinhaltet die Digitalisierung gerade für den Mittelstand viele Chancen. Für den gastgebenden Wirtschaftsbeirat rückte Vorsitzender Helmut Hör die Industrie 4.0 in den Fokus. In der "d'Wirtschaft" war am Montagabend die Missbilligung aus der Unternehmerschaft deutlich zu hören: An "vorsintflutlichen" IT-Einrichtungen der Berufsschulen als Hindernis für die Digitalisierung; an den Gymnasien ("die schleusen alle durch, nur um die Schülerzahl oben zu halten") und an der Marktferne der akademischen Ausbildung in Deutschland mit 15 600 Studiengängen ("eine Idiotie"). Derart massive Schelte ging Landtagsabgeordnetem Tobias Reiß (CSU) zu weit. In der Region seien die Übertrittsquoten von der Mittelschule auf das Gymnasium noch gesund. "Wir dürfen das Schulsystem nicht schlechter reden, als es ist." Die hochmoderne Ausstattung der EDV-Schule in Wiesau sei im Freistaat einmalig.

Vor "riesigen Problemen"


Auch als Elternbeirat des Stiftland-Gymnasiums wies der Vorstand der Sparkasse Oberpfalz Nord, Hans- Jörg Schön, die pauschale Schelte zurück. "Nur wenige Regionen in Bayern haben so gute Voraussetzungen für die Digitalisierung", betonte Schön mit Blick auf Fraunhofer und das geplante Digitale Gründerzentrum. Eingangs appellierte Bundestagsabgeordneter Albert Rupprecht (CSU), bei der Digitalisierung "zeitnah Gas zu geben". "Die Amerikaner sind uns hier einen Schritt voraus." Die Firmen nutzten die Förderprogramme noch zu wenig, einschließlich des Zugangs zu Netzwerken und Verbundprojekten. "Wir brauchen auch in Deutschland Silicon Valleys", warnte Rupprecht vor "riesigen Problemen" in der Autoindustrie - auch für die vielen Zulieferer aus der Region - sollten Innovationen wie das selbstfahrende Auto ausbleiben.

Gleichwohl unterstrichen die Nordoberpfälzer Politiker Rupprecht, Reiß, Landtagsabgeordnete Annette Karl und Bundestagsabgeordneter Uli Grötsch (beide SPD) die Gleichwertigkeit der beruflichen Bildung - und eine Neuausrichtung der Berufsorientierung an den Gymnasien. Die Diskussion zeigte, dass der immer eklatantere Mangel an Facharbeitern die Unternehmer mindestens so beschäftigt wie die Digitalisierung. Die wirtschaftspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion mahnte, bei der Breitband-Offensive nicht veraltete Technik zu installieren. Sie stellt "Berührungsängste" von kleinen und mittleren Betrieben bei Industrie 4.0 fest und fordert deshalb eine verstärkte Beratung durch den Staat - mit zielgerichteter Unterstützung durch Risikokapital.

Uli Grötsch ist die Cyber-Sicherheit ein Anliegen. Tobias Reiß sieht die Logistik als den großen Gewinner der Digitalisierung. Beim Digitalen Gründerzentrum erwartet er eine stärkere Beteiligung der regionalen Wirtschaft: "Hier treten wir auf der Stelle." Der Unternehmer Stefan Rank gab den Politikern noch eine Hausaufgabe mit, nämlich die "Existenz-bedrohenden" Rückforderungs-Fristen beim Insolvenzrecht von bis zu zehn Jahren zu verkürzen.

Ohne den Stellenwert der beruflichen Bildung ist der Mittelstand nicht zu halten.MdB Albert Rupprecht


Ich nehme an, dass die Wirtschaft in der Region weiblicher ist.MdL Annette Karl als einzige Frau beim "Kamingespräch" des Wirtschaftsbeirats
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.