Das Recht zu schweigen

Jetzt muss er doch kommen: Anfangs nicht auf der Zeugenliste, soll der heuer in Weiden zu elf Jahren Haft verurteilte "Mallorca-Betrüger" Wolfgang S. in dieser Woche bei einem Prozess in Amberg aussagen. Dabei trifft der 68-Jährige auf seinen einstigen Chefberater (54).

Diesem wird vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts vorgeworfen, eine Reihe von Darlehensgebern um rund vier Millionen Euro gebracht zu haben. Bei Wolfgang S. ist von vornherein klar: Er besitzt ein Aussageverweigerungsrecht, weil sein eigenes Verfahren sich noch im Stadium einer laufenden Revision zum Bundesgerichtshof befindet. "Trotzdem wird er geladen", ließ die Strafkammervorsitzende Roswitha Stöber wissen.

Bei der Verhandlung in Amberg mussten sich bisher schon mehrere andere Zeugen nicht äußern, weil ihnen per Gesetz das Recht zum Schweigen zustand. Darunter war auch ein 62-Jähriger, der aus der Nähe von Hamburg anreiste.

Der Mann galt nach Meinung von Prozessbeobachtern als "graue Eminenz" in einem Kreis von Leuten, die anderen vorgaukelten, es gebe ein Gelddepot in Höhe von 500 Millionen Euro, das allerdings nur unter Zahlung von Gebühren abgerufen werden könne. Dafür würden, so hieß es in den Offerten, kurzfristige Darlehen benötigt. Viele überwiesen daraufhin hohe Summen, die mit Renditen bis zu 1000 Prozent belohnt werden sollten. Bis heute warten sie auf ihre Einlagen nebst Zinsen und Bonuszahlungen. Wo die Gelder hinkamen, weiß keiner.

Der 62-Jährige, gegen den noch behördliche Ermittlungen laufen, spielte in dem Verbund der Darlehensnehmer offenbar die Rolle eines "Diplomaten". Er soll mit besten Verbindungen in hohe Kreise renommiert haben und tätig geworden sein, wenn beunruhigte Geldgeber nachfragten.

Persönliche Begegnungen gab es allem Anschein nach nie. Der Mann schrieb lieber und betrieb hinhaltende Taktiken. In Amberg konnte er den Sitzungssaal nach Nennung seiner Personalien wieder verlassen. Er sei auch schwer erkrankt, hieß es.

Anwälte wollen Freilassung

Die Verteidiger des aus Amberg stammenden Finanzmaklers verlangen unterdessen vehement die unverzügliche Freilassung ihres Mandanten. Er sitzt seit über einem Jahr in U-Haft. Während der 54-Jährige nach wie vor schweigt, gehen seine Anwälte davon aus, dass er selbst zu den Geschädigten zählt und keine strafbaren Handlungen beging, als er Darlehensgeber ansprach und mit ihnen Verträge schloss.
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