Die Oberpfalz hilft
Abschreckende Bürokratie

"Wir sind dankbar, dass die Leute uns helfen", sagen Tanja (rechts) und Nikolaj (Mitte) aus der Ukraine. Michael Geiss, Chef der Bürgerinitiative "Amberg hilft Menschen" unterstützt das Paar bei seinem Kampf um eine Arbeitserlaubnis. "Wir möchten uns hier etwas aufbauen", erklärt Tanja. Die beiden möchten ihr Geld selbst verdienen. Bilder: Herda (3)
 
"Das ist Teil der bayerischen Abschreckungsstrategie." (Werner Konheiser, Amberg hilft)

Die Oberpfalz hilft - ob in Amberg, Nabburg, Pfreimd oder Weiden: Bürger kümmern sich um Flüchtlinge. Manchmal verhindern Bürokratie und Willkür schnelle und günstige Lösungen. Erfahrungsberichte von vor Ort.

Manchmal fragt sich Michael Geiss schon: "Was habe ich mir da wieder aufgehalst?" Der Amberger Fotograf ist Vorsitzender der Bürgerinitiative "Amberg hilft Menschen". Er und seine zwei Vorstandskollegen, Petra und Werner Konheiser, sind Tag und Nacht im Einsatz für die rund 300 Asylbewerber, die in der Stadt untergebracht sind. "Wir sind an unserer Leistungsgrenze angelangt", sagt Pressesprecher Werner Konheiser. "Aber wenn man sieht, wie sich die Kinder freuen, wenn die Familie in eine Wohnung einzieht, weiß man, wofür wir das alles machen."

Die ursprüngliche Idee des Trios aus der Vilsstadt: die Vernetzung der bestehenden Hilfsangebote. "Wir haben uns ein wenig was davon abgeschaut, was Jost Hess seit 30 Jahren in Weiden macht", erklärt Kassiererin Petra Konheiser. "Zur Gründung der gemeinnützigen Bürgerinitiative kamen 30 Leute von der Caritas, Diakonie und Vereinen." Inzwischen schicken die Mitgliedsinitiativen Flüchtlinge in allen Lebenslagen zu Konheiser & Co.: "Und wir fragten uns zu Beginn, wie wir an die Asylbewerber rankommen sollen", lacht sie.

Die Redakteurin drängt auf den Aufbruch. Im Winkler "Bräuwirt" wartet eine Frau, die der Initiative Wohnungen anbieten möchte. Das Gespräch läuft gut. Die gebürtige Pakistani möchte sich nicht an der Not anderer bereichern, sondern stellt ihre Immobilien sehr kostengünstig zur Verfügung: "Wir würden gerne so viele Flüchtlinge wie möglich in Wohnungen unterbringen", sagt Geiss. "Das ist besser für die Integration und würde dem Staat viel Geld sparen." 22 Euro pro Tag und Person kostet die Gemeinschaftsunterkunft - das summiert sich in einem Amberger Wohnhaus, in dem 15 Personen untergebracht sind, auf 9900 Euro im Monat. Eine stolze Summe für eine bescheidene Behausung - 150 Quadratmeter auf zwei Etagen, kärglich möbliert, pro Etage eine Waschmaschine, Küche und ein Gemeinschaftsraum. "Mietet man für die drei Familien Wohnungen mit 90 Quadratmetern am freien Markt, kosten die 2400 Euro warm", erläutert Konheiser. "Eine Mietkostenersparnis von 7500 Euro pro Monat."

Billig wohnen unerwünscht

Man sollte meinen, es bestehe größtes öffentliches Interesse an möglichst günstiger Logis. Doch die Signale aus den Behörden sind widersprüchlich: "Beim ersten Anruf sagte uns jemand im Ausländeramt, jeder könne nach vier Monaten ausziehen", erzählt Geiss. Allerdings dauert die Bearbeitungszeit zwei Monate. "Die Entscheidung wird in Regensburg getroffen und die Erfahrung zeigt, dass selbst anerkannte Flüchtlinge Jahre in Unterkünften wohnen." Für die Amberger Helfer steht fest: "Das ist Teil der bayerischen Abschreckungsstrategie." Wenn das stimmt, ist das eine teuere Strategie auf Kosten des Steuerzahlers.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Arbeitsgenehmigungen. "Das Problem ist nicht die Gesetzeslage", sagt Konheiser, "das Problem ist die Grauzone - vieles ist Ermessensfrage." Manche Beamte entschieden pragmatisch, manche im vorauseilenden Gehorsam nach dem Motto: "Auszug und Arbeit werden von oben nicht gewünscht." In anderen Bundesländern würde das großzügiger gehandhabt. Ihr Geld selbst verdienen, das wollen Tanja und Nikolaj (Name der Redaktion bekannt) aus Czernowitz in der West-Ukraine. Das Paar ist geflüchtet, weil es befürchtet, der Berufssoldat werde an die Front geschickt. "Ich hatte ein Angebot als Putzhilfe einmal die Woche", sagt Tanja in einwandfreiem Deutsch.

Das Engagement der studierten Philologin scheitert nicht daran, dass sie einem Deutschen die Arbeit wegnehmen würde - der einzige gesetzliche Hinderungsgrund. "Zuständig ist neuerdings die Arbeitsagentur München", erklärt Werner Konheiser, "und die lehnt so gut wie alle Anträge ohne Begründung ab." Nikolaj, ein Spitzenjudoka und Tischtenniscrack, ist ganz krank vor unerfülltem Tatendrang. "Der stemmt den ganzen Tag Gewichte", lacht Geiss, "weil er es kaum aushält, nicht selbst für den Lebensunterhalt sorgen zu dürfen."

Dabei rufen ständig Arbeitgeber an, die händeringend nach Personal suchen: "Bis aus Neumarkt kommen die Leute auf uns zu, ob wir jemanden für die Gastronomie wissen - in Hirschau finden sie keine Kräfte für den Versand." Das Ergebnis: eine für alle Seiten unzumutbare Situation. Tanja, die gerade erst eine Krebskrankheit halbwegs überwunden hat, und Nikolaj engagieren sich ehrenamtlich in der Freiwilligenagentur: "Wir helfen einer 80-jährigen Frau, deren Tochter fast blind ist", sagt die Ukrainerin. "Das macht uns Freude." Sie möchten zurückgeben, was sie selbst an Unterstützung erfahren hat. Und Personal im Pflegebereich ist bekanntlich Mangelware.

Todesdrohung der Taliban

Den Teufelskreislauf Bürokratie durchläuft auch Ezat Mir Mohammed, ein 21-jähriger Afghane mit dramatischem Lebenslauf: "Sein Onkel ist Taliban und will die Familie in deren Kampf einspannen", schildert Petra Konheiser. "Der Vater wird vermisst, ein Bruder kam tot zurück, da kratzte die inzwischen verstorbene Mutter alles zusammen, um den Jungen nach Deutschland zu schicken." Der unbegleitete Jugendliche absolvierte ein viermonatiges Praktikum, ein unterschriftsreifer Vertrag liegt vor. "Aber er bekommt keine Arbeitserlaubnis, weil er keinen Pass hat", seufzt Konhäuser.

Mittlerweile hätte sie ihn davon überzeugen können, einen Ausweis beim Konsulat zu beantragen, obwohl er panische Angst hat, dass die Taliban seinen Aufenthaltsort erfahren - nicht unbegründet: Gegen den jungen Mann liegen zwei schriftliche Todesdrohungen vor. "Der ist so ein feiner, lieber Kerl", sagt die Ambergerin, "macht alles mit, spielt Fußball bei der DJK - aber er dreht uns im Asylheim noch durch."

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.oberpfalznetz.de/wie-helfen
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