Erika Eichenseer hebt Märchenschatz
Schönwerth erobert die Welt

Das Titelblatt des im Penguin-Verlag erscheinenden Buches.

Seit die britische Tageszeitung "The Guardian" über die wiederentdeckten Märchen Franz Xaver von Schönwerths berichtete, quillt Erika Eichenseers E-Mail-Postfach über. Viele Nachrichten löschte sie, doch auf eine wartete sie sehnlichst. Bis Freitag.

"Wir haben es geschafft", freut sich die 80-Jährige. Am Freitag traf endlich die langersehnte E-Mail aus Massachusetts ein. Die englische Übersetzung der Märchen, die Franz Xaver von Schönwerth im 19. Jahrhundert zwischen Waldsassen und Amberg gesammelt hat, ist nun endlich fertig. Noch einmal Korrektur lesen, dann kann das Werk in Druck gehen.

Im Penguin-Verlag

Erika Eichenseer hatte den Märchenschatz gehoben. Sie sichtete die Schriftstücke aus dem Nachlass, wählte die Geschichten aus und überarbeitete sie. Penguin-Books - der weltweit größte Publikumsverlag für Literatur und Sachbücher mit Sitz in New York - kündigt die Neuerscheinung auf seiner Internetseite bereits für Februar nächsten Jahres an. "The Turnip Princess and Other Newly Discovered Fairy Tales" (Die Rübenprinzessin und andere neu entdeckte Märchen) ist der 368 Seiten starke Wälzer betitelt. Eichenseer freut sich sehr. "Wer hätte gedacht, dass unser lange verkannter Volkskundler noch einmal so groß rauskommt?" Der Coup in den Vereinigten Staaten bedeutet nichts anderes als den internationalen Durchbruch für Franz Xaver von Schönwerth, den Oberpfälzer Volkskundler, fast 130 Jahre nach seinem Tod.

Eichenseer hat erlebt, welche Faszination die bisher kaum beachteten Sagen und Legenden aus der Region vor allem auf das englischsprachige Publikum ausüben. Wohl noch nie hatte es ein Wort aus dem Oberpfälzer Dialekt in die britische Tageszeitung "The Guardian" geschafft. Bis vor zwei Jahren der "Roßzwifl" (Mundartausdruck für Mistkäfer) kam. Dem gleichnamigen Märchen widmete das renommierte Blatt vor zwei Jahren fast eine ganze Seite.

"500 new fairytales discovered in Germany" (500 neue Märchen in Deutschland entdeckt) lautete der Titel des Artikels, der sich mit dem in Vergessenheit geratenen Vermächtnis Schönwerths befasste. "Damals ging es richtig rund bei uns daheim", erzählt die Regensburgerin. "Die ganze Welt wollte anscheinend wissen, was es mit dem geheimnisvollen Märchenschatz aus dem Land der Gebrüder Grimm auf sich hat." Die ganze Welt - bis auf Deutschland, Bayern und auch die Oberpfalz. "Es ist anscheinend wirklich so, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt."

Die Story konnte für die Briten schöner nicht sein: 30 verstaubte Kisten auf einem Regensburger Dachboden, die Frau des ehemaligen Bezirksheimatpflegers, die nachts die Papiere sichtet und ein von Jakob Grimm überliefertes Zitat über den Verfasser der alten Schriftstücke: Nirgendwo in ganz Deutschland seien Märchen "umsichtiger, voller und mit so leisem Gespür gesammelt worden". Seit Veröffentlichung des Artikels gingen bei den Eichenseers Anfragen für Übersetzungen in 15 Sprachen ein.

Authentische Erzählungen

Die nun vorliegende englische Fassung ist die erste. Angefertigt hat sie eine Koryphäe auf dem Gebiet der Märchen-Forschung in den USA: Professor Maria Tatar (69) von der Harvard University in Cambridge. Ihr Forschungsschwerpunkt ist Kinderliteratur, vor allem jene aus Deutschland. Bisher beschäftigte sie sich vor allem mit den Märchen der Gebrüder Grimm, seit einigen Monaten nun auch mit Schönwerth. "Es sind authentische Erzählungen aus der Oberpfalz", sagt Erika Eichenseer. "Er hat aufgeschrieben, was die kleinen Leute auf den Dörfern draußen vor 150 Jahren ihren Kindern erzählt haben."

Variationen altbekannter Märchen sind darunter, aber auch etliche neue. Erika Eichenseer kann nun eine weitere märchenhafte Geschichte hinzufügen: die von Schönwerths Wiederentdeckung.

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Die Internetseiten der 2010 gegründeten Schönwerth-Gesellschaft: www.schoenwerth.de
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