Mit Angst im Bauch

Im Klinikum St. Hedwig in Regensburg wurden seit 2001 neun Babys in die Babyklappe gelegt. Eine anonyme oder vertrauliche Geburt setzt schon früher an: "Wir wollen nicht nur den Kindern, sondern auch den Müttern helfen, sagt Hilde Forst, Leiterin der Beratungsstelle von Donum Vitae. Bild: uax

Eine heimliche Schwangerschaft geht an die Substanz – allein im Kreißsaal, allein mit allen Ängsten. Frauen, die sich zur anonymen oder vertraulichen Geburt durchringen, haben triftige Gründe. Alles ist besser, als eine Verzweiflungstat.

„Liebe Franzi, ich hoffe, du verzeihst mir eines Tages, dass ich dich weggegeben habe“, schreibt Petra (Namen der Fallbeispiele von der Redaktion geändert). „Ich habe es getan, weil ich denke, dass es dir besser gehen wird in einer Familie, die sich schon lange ein Kind wünscht ... Ich wünsche dir, dass du es mal besser machst als ich. Ich liebe dich, deine Mutter.“ Ein Brief in die Zukunft. Eines Tages wird die kleine Franzi einen Umschlag öffnen, die Worte ihrer Mutter lesen, erfahren, dass ihre Eltern sie adoptierten. Es sind herzzereißende Zeilen, die ein Gefühl davon vermitteln, wie schwer es sich werdende Mütter machen, ihr Kind wegzugeben. Und dennoch sehen sie keinen anderen Ausweg.

„Seit 1999 begleiteten wir 23 anonyme Geburten“, sagt Hilde Forst, Sozialpädagogin und Leiterin der staatlich anerkannten Beratungsstelle für Schwangerschaften bei Donum Vitae in Amberg. „Seit Mai 2014 auch zwei vertrauliche.“ Die Frauen kommen aus ganz Deutschland, um Hilfe zu finden. „Meistens haben sie sich über das Internet informiert und wissen genau, was auf sie zukommt.“

Petra

Petra ist 25 Jahre alt und erwartet ein zweites Kind. „Mit 17 wurde ich das erste Mal schwanger, mein Sohn ist jetzt sieben.“ Die alleinerziehende Mutter ist schockiert. „Ich war völlig durch den Wind“, erzählt sie, „ich komme ja mit Tommy nur knapp über die Runden. Wie soll das mit einem zweiten Kind gehen?“ Eine Abtreibung kommt für sie nicht in Frage. Sie möchte, dass ihr Kind eine Chance in einer Adoptivfamilie bekommt. „Mein Arzt hat mir geraten, mich an Donum Vitae zu wenden.“ Von der Schwangerschaft erzählt Petra niemandem. Sie fürchtet, das Jugendamt könne ihr den Sohn wegnehmen, wenn es erfährt, dass sie ihr Baby abgeben will. Das Kind bringt sie Hunderte Kilometer von zu Hause auf die Welt. „Ich habe Freundinnen erzählt, ich mache eine Fortbildung in einer anderen Stadt.“

Der Großteil der Frauen kommt einen Monat vor der Entbindung zu Donum Vitae, sagt Michaela Mußemann, eine von zwei Bevollmächtigten des Vereins. „Die Frauen stehen unter enormem Druck“, beschreibt sie die Seelenlage der Hilfesuchenden. „Wir versuchen ihnen so viel wie möglich abzunehmen.“ Donum Vitae stellt kostenlos eine Wohnung bereit, begleitet die Frauen auf Wunsch zum Arzt und in den Kreißsaal. „Unsere Sozialpädagogin ist für sie da, wenn sie Ängste und Zweifel plagen.“

Hürrem

Hürrem ist 19. Ihr Name bedeutet „Freudenbringerin“. Ihrem Vater hat sie keine Freude bereitet. „Er kann mit der Schande nicht leben“, sagt sie. Wichtiger als die „Ehre“ der Familie ist ihm ihr guter Ruf. „Ich sollte für einige Zeit von der Bildfläche verschwinden.“ Ihre Legende: Sie sei zu Besuch in der Türkei, helfe bei der Aprikosenernte. Die junge Frau fühlt sich zerrissen zwischen Gehorsam gegenüber dem Vater und tiefer Trauer, ihr Kind weggeben zu müssen. „Ich glaube nicht, dass ich das ohne den Trost hier überstanden hätte.“

Frauen, die sich für eine vertrauliche oder anonyme Geburt entscheiden, kommen aus allen Gesellschaftsschichten – wohlhabende Gattinnen, alleinstehende und arbeitslose, werdende Mütter. Religion sei in den wenigsten Fällen ursächlich für den Entschluss, sagt Hilde Forst. „Einmal kam eine Frau mit streng katholischem Hintergrund. Niemand durfte etwas von ihrer Schwangerschaft erfahren.“

Viele Hilfesuchende wollen ihren Kindern eine Beziehung, die von Gewalt beherrscht wird, ersparen. Aber auch ein Seitensprung mit Folgen könne als existenzielle Bedrohung wahrgenommen werden: „Es kommt vor, dass sich Frauen voller Scham an uns wenden, weil sie ihre Beziehung nicht aufs Spiel setzen möchten.“

Martina

Martina, 34, ist ein Nervenbündel. Die Mutter eines dreijährigen Mädchens muss sich beherrschen, nicht zu rauchen. Nikotin beruhigt die Nerven. Das fehlt ihr. „Ich kann das nicht noch einem Kind zumuten“, sagt sie leise. Ihr Mann hat sie mehrfach schwer misshandelt. Auch Jennifer bekam die Wut ihres Vaters schon zu spüren. Martina weiß, dass sie sich trennen sollte. „Aber ich schaffe es nicht“, flüstert sie, „er bringt uns um, wenn er das erfährt.“ Bei aller Verschiedenheit der Fälle, eines haben alle Frauen gemeinsam: Niemand weiß von ihrer Schwangerschaft. „Die Frauen machen die neun Monate alleine durch.“, erzählt die Leiterin der Beratungsstelle.

Das Erstaunliche: „Vielen Frauen sieht man nicht mal an, dass sie schwanger sind.“ Medizinisch sei das nicht zu erklären, sagt Dr. Otto Reindl, Gynäkologe aus Amberg. Die Angst, ihre Schwangerschaft könne entdeckt werden, scheint biochemische Prozesse auszulösen, die die Entwicklung eines Babybauchs hemmen. „Verdrängung wirkt sich offenbar ähnlich aus wie bei Frauen, die nicht merken, dass sie schwanger sind.“

Gabi

Gabi, 23, kam vergangenes Jahr völlig aufgelöst in die Beratungsstelle. Das Opfer einer Vergewaltigung wollte eine anonyme Geburt. „Ich hatte Angst, dass ich meine negativen Gefühle auf mein Kind projiziere.“ Auch die Vorstellung, in 16 Jahren ihrem Kind sagen zu müssen, wer ihr Erzeuger ist, schien ihr unerträglich. „Ich habe mich überzeugen lassen, mir die Option der vertraulichen Geburt offenzuhalten, mein Kind kennenzulernen und umgekehrt.“ Niemand wisse, wie man sich in einem Jahrzehnt entwickle.

Die Beratungsstelle für Schwangerschaften bei Donum Vitae versucht, die Neugeborenen in einer Pflegefamilie unterzubringen. Bis zum Abschluss des Adoptionsverfahrens hat die Mutter die Möglichkeit, das Kind zurückzuholen. „Das passiert sehr selten“, sagt Forst. „Solche Fälle sind enorm belastend für die Pflegeeltern, die das Kind ja auch lieb gewinnen.“

Die Sozialpädagogin rät den Adoptiveltern, dem Kind so früh wie möglich die Wahrheit zuzumuten: „Es ist leichter, wenn es gleich damit aufwächst.“ Anders als bei der anonymen Geburt, kann es mit vollendetem 16. Lebensjahr den Kontakt zur leiblichen Mama suchen: „Aber auch dann hat die Mutter das Recht, dies abzulehnen“, sagt Michaela Mußemann.
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