"Na, das war's wohl" - mit der DDR

Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin spricht auf der Pressekonferenz am 9.11.1989 die entscheidenden Worte, die zum Fall der Mauer führen. Bild: dpa

"Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich." Günter Schabowski ist sich der Mauer sprengenden Kraft seiner Worte nicht bewusst.

20.15 Uhr: Laut Lagebericht der Volkspolizei haben sich 80 Ostberliner an den Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße eingefunden. Die Grenzoffiziere, die die Pressekonferenz im Fernsehen verfolgt haben, versuchen, telefonisch Anweisungen einzufordern. Die Stasi-Zentrale weist die Grenzwächter an, sie sollen die Bürger auf den nächsten Tag vertrösten und nach Hause schicken. 20.19 Uhr:"Kollege Ernst Hinsken stimmte als Erster das Deutschlandlied an", erinnert sich Ambergs MdB Rudolf Kraus. "Das bei der Debatte halbleere Bundestagsplenum füllte sich sofort."20.45 Uhr: Oberstleutnant Harald Jäger erfährt von seinem Vorgesetzten, dass der "Genosse Mielke, obwohl seit zwei Tagen nicht mehr im Amt, Krenz angerufen und über die Lage an der Grenze berichtet hat - der weiß von nichts." 21.30 Uhr: Tausende skandieren vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße "Macht das Tor auf" und "Wir wollen rüber". Die Autos stauen sich bereits auf einem Kilometer Länge. 21.40 Uhr: Die Staatssicherheit setzt auf eine "Ventillösung". Besonders "provokative Bürger" dürfen in den Westen - aber nicht wieder zurück. Die Grenzer machen bei ihnen einen Stempel übers Passfoto.

22 Uhr: "Das war total irre", erinnert sich Ritter, der im Weiherhammer Sportheim mit seinen Kumpels das Geschehen verfolgt. "Ich dachte ja immer, ich sehe meine Familie und meine Freunde nie wieder." Was wäre, wenn er gewusst hätte, dass nur wenige Tage nach seiner Flucht durch die Donau die Mauer fällt? "Ich hätte es wieder so gemacht", ist er sich sicher. "Im September war davon nichts zu spüren - keine Anzeichen, dass die Mauer fallen würde."

22.20 Uhr: Die Stimmung an der Bornholmer Straße ist gereizt. Als Reaktion auf die zunehmend panischen Zöllner singen die Bürger: "Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt 'ne kleine Wanze, seht euch mal die Wanze an, wie die Wanze tanzen kann ..."

22.42 Uhr: "Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskieren", eröffnet Moderator Hanns Joachim Friedrichs die ARD-"Tagesthemen". "Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen." In Wirklichkeit sind diese zu diesem Zeitpunkt noch geschlossen. Nach den Tagesthemen setzt ein Massenansturm auf die Grenzübergänge ein. DDR-Funktionäre hätten kein besseres Zerrbild der West-Medien entwerfen können: Die Falschmeldung schafft eine neue Realität.

23 Uhr: "Macht den Schlagbaum auf! Macht den Schlagbaum auf! Macht den Schlagbaum auf!", singen die Leute in der Bornholmer Straße. Die Lage für die über 30 Kontrolleure und Grenzposten wird immer bedrohlicher. Die "Ventillösung" für einige Drängler verschärft die Wut der Zurückgewiesenen.

23.15 Uhr: Oberstleutnant Harald Jäger nimmt die die Schranke selbst in die Hand, "wir fluten jetzt", und dreht sie nach innen. Die Zöllner sind fassungslos. 20 000 Menschen drängen durch den Engpass.

23.40 Uhr: Im Ministerium für Staatssicherheit ordnet Oberst Rudi Ziegenhorn - nach Rücksprache mit dem stellvertretenden Stasi-Minister Gerhard Neiber - die Öffnung der restlichen sechs Berliner Grenzübergänge an. "Na, das war's wohl", sagt ein Kollege zu Jäger. "Was meinst'n?" - "Na, mit der DDR."

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Langversion mit interaktiven Grafiken:

http://www.oberpfalznetz.de/grenzoeffnung
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