Sportvorstand Matthias Sammer gewinnt Kampf gegen multiresistente Keime
Kampf den Keimen

Infektionsrisiko OP: Ein Ärzteteam im Deutschen Herzzentrum in Berlin operiert einen Patienten am offenen Herzen. Archivbild: dpa
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Amberg in der Oberpfalz
20.11.2014
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Ausbreitung multiresistenter Keime: Die dunklen Bereiche auf der Karte stellen Problemzonen dar.

Matthias Sammer hatte großes Glück. Nicht, weil er Sportvorstand des FC Bayern wurde. Der Ausnahmefußballer überlebte die Infektion mit einem multiresistenten Keim im Knie - als Sportinvalide.

Es war nur eine ambulante Knieoperation im Martin-Luther-Krankenhaus Berlin, linkes Knie - Sammers Schwachstelle. "Alles gut", hatte der Operateur gesagt. Nur wenige Stunden später fing das Gelenk an zu schmerzen, wurde dick, er bekam Fieber. Drei Wochen lag Matthias Sammer in einer Klinik in Dortmund. Es ging um sein Leben. "Die Ärzte haben schwierige Gespräche mit meiner Frau geführt. Alle Alternativen waren grauenhaft."

Die Keime wüteten im Körper des Fußballers, kein Antibiotikum schlug an. Das allerletzte war auch seine letzte Hoffnung: Und es hat gewirkt. Das war 1997 und das Ende von Sammers Fußballkarriere mit 30 Jahren. "Bis heute kann ich nicht joggen", sagt Sammer. Schon ein Job als Trainer wäre vermutlich schwierig. Sammer ist sich bewusst, dass er Glück im Unglück hatte. Nach offiziellen Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sterben jährlich 7500 bis 15 000 Menschen an den Folgen einer Keiminfektion.



Doch welche Relevanz besitzen diese Zahlen? Droht hier ein Stamm unaufhaltbarer Killerkeime unsere Krankenhäuser zu erobern? "Es wäre ein Kurzschluss, aus den Zuwachsraten bei den Krankenkassen zu folgern, dass die Fallzahlen dramatisch zunehmen", wehrt sich Dr. Thomas Egginger, Ärztlicher Direktor der Kliniken Nordoberpfalz AG vehement gegen jede Panikmache. Die dort verbuchten Steigerungen erklärten sich aus den massiv ausgebauten Screening-Maßnahmen der Kliniken: "Jeder Patient, der in die Klinik kommt, wird befragt. Bei denen mit besonderem Risiko - die mit Nutztieren in Berührung kommen, kürzlich im Krankenhaus waren oder aus Pflegeheimen kommen - werden Proben genommen." Da dieses Verfahren seit 2010 deutlich ausgeweitet worden sei, hätte man eben auch mehr Träger multiresistenter Keime entdeckt.



Egginger betont, dass die Kliniken der Nordoberpfalz AG statistisch sehr gut dastünden: "Wir haben zum Beispiel bei den Nasen-Rachen-Abstrichen von 3000 ausgewerteten Proben 125 positive Ergebnisse - das sind 4 Prozent." Weiden sei zudem Hygiene-Vorreiter: "Wir haben dafür eine Stabsstelle eingerichtet, die nichts anderes macht, als die Hygiene in unseren Häusern zu optimieren." Für die Steigerungsraten in Tirschenreuth gebe es eine weitere Erklärung: "Hier hat sich auch das Behandlungsspektrum verändert", sagt der Direktor, "Professor Rudolf Ascherl in Tirschenreuth beschäftigt sich mit der Wechselendoprothetik, das heißt, mit dem Austausch häufig infizierter Prothesen - allein dieser Spezialisierungsgrad führt dazu, dass die Zahl der Keime ansteigt."



Manfred Wendl, Vorstand des Klinikums St. Marien in Amberg, möchte zur Klärung des Sachverhalts eine weitere Kategorie einführen: "Es geistern so viele Zahlen durch die Debatte, aber ich kenne keine Studie, die untersucht hätte, wie viele Patienten durch vermeidbare Infektionen ums Leben kommen." Ein heißes Eisen, zweifelsohne, denn was bedeutet vermeidbar? "Wenn ein Patient in schlechtem Allgemeinzustand zu uns kommt und mit offenen Beinen, ist das Infektionsrisiko sehr hoch." Natürlich gebe es überall, wo Menschen arbeiten, auch Fehlerquellen. Aber: "Wir sind gut aufgestellt, weil wir seit Jahren in Schulungen, bauliche Maßnahmen und Personal investieren."



Gemessen an den Zahlen, welche die Kliniken an die Krankenkassen schicken, steht Sulzbach-Rosenberg am besten da. Im Vergleichszeitraum ist hier ein Rückgang von acht Prozent zu verzeichnen. Hygiene-Beauftragte Andrea Pfab informiert Patienten und Angehörige mit Aufklärungsflyern über die Erregerproblematik. "94 Prozent der Keimträger bringen den Erreger bereits von außen mit." Und nach Schätzungen trügen 15 bis 20 Prozent aller Bundesbürger beispielsweise den MRSA-Keim in sich, ohne daran zwangsläufig zu erkranken: "Brisant wird das erst, wenn er in offene Wunden gerät." Das zeige: "Die Krankenhäuser sind nicht primäre Ursache des Problems." Vielmehr seien die Verwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft und die immer noch zu großzügig verschriebenen Medikamente schuld an der Ausbreitung der multiresistenten Keime: "Da ist die Politik gefragt."
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