Auch er arbeitet nach dem Prinzip Versuch und Irrtum
Der späte Luftfahrtpionier

Für Norman Bernschneider veranschaulicht dieses Modell eine luftfahrtgeschichtliche Sensation: Der Gustav Weißkopf zugeschriebene Doppeldecker-Gleiter als Weiterentwicklung eines Lilienthal-Entwurfs hat den Piloten und damit Schwerpunkt so tief angeordnet, dass das Fluggerät deutlich stabiler in der Luft gelegen sein dürfte als vorherige Konstruktionen. Ein Riemen diente als Sitz und ermöglichte zumindest theoretisch so eine Gewichtskraftsteuerung wie bei heutigen Flugdrachen. Bild: Hartl
 
Diese Aufnahme, die von 1896/97 stammen soll, war Ausgangspunkt der Rekonstruktion des Weißkopf-Gleiters. Repro: Bernschneider

Das Foto ist grobkörnig und unscharf. Dennoch erkennt jeder leicht einen historischen Gleitflug. Norman Bernschneider sieht viel, viel mehr. So viel sogar, dass er diese Aufnahme in die Nähe einer luftfahrtgeschichtlichen Sensation rückt.

Deshalb fummelt er schnell noch detailverliebt den Hut der Puppe zurecht, die an dem Modell seines jüngsten Projekts hängt. Eine völlige Nebensache ist das. Aber eine bezeichnende. Denn der Luftfahrtpionier Otto Lilienthal (1848-1896), dem bisher Bernschneiders ganze Passion galt, flog mit Mütze, nicht mit Hut. Gustav Weißkopf (1874-1927) - oder Gustave Whitehead - hingegen schon.

Spaß beiseite. Bernschneider ist gerade dabei, zusammen mit anderen Luftfahrthistorikern an einem für unumstößlich erachteten Monument der Fliegerei existenziell zu rütteln: dem ersten Motorflug der Menschheit. Der wird seit jeher den Gebrüdern Wright zugeschrieben und auf 17. Dezember 1903 datiert. Lange galt das als ein Naturgesetz der Geschichte der Fliegerei. Seit Jahren sind jedoch ernsthafte Zweifel angebracht, ob das so stehenbleiben kann. Dass er selbst und eine anfangs sektiererische kleine Schar von Weißkopf-Anhängern immer mehr aus dem Schatten des unfundierten Spinnertums heraustreten, beflügelt auch den luftfahrtgeschichtlichen Autodidakten Bernschneider.

Ein Monument wankt


Er sieht am Horizont den endgültigen Durchbruch von Weißkopf als erstem Motorflieger der Menschheit heraufziehen und die Wrights von dem ihnen zugeschriebenen Aviatiker-Olymp (ab-)stürzen. In einigen Expertenkreisen ist das im Gegensatz zur breiten Öffentlichkeit bis zu einem gewissen Maß schon geschehen. 2013 sprach das renommierte Nachschlagewerk der Aviatik, Jane's All the World's Aircraft, dem gebürtigen Deutschen Gustav Weißkopf für 14. August 1901 den ersten Motorflug zu. Absolviert in Fairfield im US-Bundesstaat Connecticut zu. Das war 855 Tage vor den Gebrüdern Wright, triumphiert die in Leutershausen bei Ansbach (Mittelfranken) ansässige Flughistorische Forschungsgemeinschaft Gustav Weißkopf, die lange als dilettierender Provizverein abgetan wurde. Das hat sich grundlegend geändert. Nicht zuletzt wegen dem australischen Luftfahrthistoriker John Brown. Er kam auf den Lilienthal-Experten Bernschneider zu, der sich einen Namen als Rekonstrukteur diverser Flugapparate des Berliner Aviatikpioniers gemacht hat.

Sinn fürs Praktische


Der Amberger arbeitet ähnlich wie Verfechter der experimentellen Archäologie, die unter anderem an der Universität Regensburg einen guten und anerkannten Stand hat. Bernschneider ist gelernter Bauzeichner und "ein kleiner Bautechniker", wie er sich selbst beschreibt. Umso ausgeprägter scheint er seinen Sinn fürs Praktische einsetzen zu können. So wurde er auch zum Lilienthal-Experten. Der Berliner Ingenieur gilt zwar mit der Veröffentlichung seines Buches "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst" (1889) als einer der Ersten, der sich mit naturwissenschaftlicher Systematik dem "Fliegen schwerer als Luft" (im Gegensatz zu Ballonen und Luftschiffen) fundiert auseinandersetzte. Detaillierte Konstruktionspläne seiner Gleiter hinterließ Lilienthal aber wenige.

Dann halt ausprobieren


An diesem Punkt setzte Bernschneider an. Aus allem, was er über die Flugapparate des Luftfahrtpioniers finden konnte, destillierte er Bauzeichnungen und schritt zur Tat. Sprich, der Amberger ging in den Keller und baute die Geräte aus Holz, Weidenruten, Baumwollstoff und Verspannungen nach. Es seien nicht die schönsten, aber die bisher wirklichkeitsgetreuesten Replikas, nimmt Bernschneider für sich in Anspruch. Bei Flugversuchen haben einige der Apparate sogar ein bisschen abgehoben. Gelandet sind die meisten danach in namhaften Museen, darunter auch das Otto-Lilienthal-Museum in Anklam. Eine Verbindung von Lilienthal zu Weißkopf - oder Whitehead - herzustellen, drängt sich unweigerlich auf. Der Wahlamerikaner hat nicht nur einmal behauptet, den am 10. August 1896 tödlich abgestürzten Berliner Gleitflug-Pionier gekannt und mit ihm zusammengearbeitet zu haben. Erwiesen ist das nicht.

Jetzt Weißkopf


Wie so vieles, was sich um Weißkopf rankt. Auch Bernschneider beschreibt ihn als eine eher "verkrachte Existenz, aber eine geniale". John Brown überließ dem Amberger eine unscharfe historische Aufnahme von 1896/97, die einen Gleitflug zeigt (Bernschneider: "Das war für mich der Ritterschlag"). Ihm sei 100-prozentig versichert worden, dass es sich um Weißkopf und einen von ihm gebauten Segelapparat handle, beteuert Bernschneider. Er hat die Aufnahme ebenso wie viele Lilienthal-Fotos analysiert und daraus einen Konstruktionsplan der Struktur entwickelt. Als diese Zeichnungen fertig waren, stand für den Amberger fest: "Das ist eine Sensation" und ein wichtiger Zwischenschritt zum ersten motorisierten Flug der Menschheit, absolviert von Weißkopf.

Denn dieser Weißkopf-Doppeldecker-Gleiter stelle unzweifelhaft eine konsequente Weiterentwicklung der Lilienthal-Geräte dar und überwinde einen bis dahin verhängnisvollen bis tödlichen Konstruktionsfehler: einen zu hohen Schwerpunkt des Piloten. Deshalb seien die Vorgängermodelle in der Querachse zu instabil gewesen und schnell über die Vorderkante abgenickt oder schwanzlastig in Steillagen bis zum Strömungsabriss gekommen. Zudem hänge der Pilot nun in einem Sitzriemen, der eine Gewichtskraftsteuerung ähnlich heutiger Flugdrachen ermögliche.

Vielleicht entscheidend


Diese grundlegenden Konstruktionsprinzipien und unverkennbare Lilienthal-Anlehnungen bei der Flügelkonstruktion, darauf beharrt Bernschneider, fänden sich auch im Weißkopf-Eindecker "Nr. 21" wieder. Damit sei die Luftfahrtgeschichte dem wahren Urknall des ersten Motorflugs um ein wichtiges historisches und aerodynamisches Indiz und mithin einen womöglich entscheidenden Schritt nähergekommen.

Er war eine verkrachte Existenz, aber eine geniale.Norman Bernschneider über Gustav Weißkopf


Ansatzpunkt ExperimentNorman Bernschneider sieht sich mehr als bestätigt. Er hat ein Exemplar bereits im Keller gehabt und auch ausprobiert. Das Institut für Aerodynamik und Strömungstechnik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) baute nun gleichfalls Otto Lilienthals Normalsegelapparat nach.

Kürzlich standen Windkanal-Versuche mit modernsten Messmethoden an, um die letzten aerodynamischen Rätsel, die sich um diesen Gleiter ranken, aufzuklären.

Im Grunde war das immer der Ansatz des Lilienthal-Spezialisten Bernschneider. Mit unvergleichlich bescheideneren Mitteln jedoch. Seine Nachbauten sind nicht als bloße Modelle konzipiert, sie sollten fliegen. Jetzt ist Lilienthals Großer Doppeldecker dran. Bernschneider zeigt ihn beim Luftmuseums-Fest am Sonntag, 5. Juni.


Das war für mich der Ritterschlag.Norman Bernschneider


HintergrundHistoriker noch nicht einig

Amberg. Noch heute schreibt das Deutsche Museum auf seiner Homepage unter anderem: "Am 14. August 1901 - zwei Jahre vor den Gebrüdern Wright - soll Weißkopf in Fairfield/Connecticut mit einem Eindecker, von ihm ,Nr. 21' genannt, eine Flugstrecke (...) zurückgelegt haben."

Es ist also nach wie vor auch unter etablierten Luftfahrtgeschichtlern mit wissenschaftlichem Anspruch umstritten, ob dem ausgewanderten Deutschen die Meriten des ersten Motorflugs gebühren. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die verkrachte Immigranten-Existenz Gustav Weißkopf nicht allzu gut beleumundet war, und die Wrights zu einem erheblichen Maß den amerikanischen Urmythos des alles Machbaren bedient und den USA gesichert haben.

Ein Wettlauf

Es darf nicht verkannt werden, dass um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert ein von Europa und Nordamerika angefeuerter, weltweiter Wettlauf um die Entwicklung der Aviatik schwerer als Luft in Konkurrenz zur Ballon- und Luftschifffahrerei eingesetzt hatte. Auch Weißkopf mischte als Gustave Whitehead offiziell und vorne mit. 1896 war er von der Boston Aeronautical Society nicht zuletzt wegen seiner Behauptung, Otto Lilienthal persönlich zu kennen, beauftragt worden, funktionstüchtige Gleitflugapparate zu bauen.

Mit dieser Aufgabe, so zumindest die Auffassung seiner Auftraggeber, scheiterte er, experimentierte aber weiter. Zwei große Problembereiche mussten damals in den Griff bekommen werden: die aerodynamische Instabilität, respektive Stabilität und Steuerbarkeit von Fluggeräten, sowie bei der angestrebten Motorfliegerei das Verhältnis Gewicht/Leistung. Weißkopf entwickelte deshalb eigene Motoren.

Die Geburtsstadt

Dass er bisher nicht unangefochten als erster Motorflieger anerkannt ist, hat auch mit den ursprünglichen Initiativen, ihn auf diesen Schild zu heben, zu tun. Sie kamen aus einem nichtakademischen Umfeld von Hobby-Luftfahrtgeschichtlern. Angestoßen von einem Verein aus Weißkopfs Geburtsort Leutershausen, der sich den Ruhm dieses Sohnes der 5500-Einwohner-Stadt sichern wollte.

Doch mit den Jahren interessierten sich auch anerkannte Luftfahrthistoriker für den Eindecker "Nr. 21" und kamen zu belastbaren Ergebnissen. Aktuell ist der in Deutschland lebende Aus-tralier John Brown einer der namhaftesten Verfechter, historisch korrekt den Gebrüdern Wright die Meriten des ersten Motorflugs entreißen zu müssen.

Offene Diskussion

Er hat ein demnächst erscheinendes Buch dazu mit neuen Belegen und Erkenntnissen angekündigt. Auch eine ZDF/arte-Produktion für die Sendereihe Terra X (Sendetermin 24. Juli) greift das Thema auf. Bisher galt die Beweislage als zu schwach, um die Geschichte der Luftfahrt umschreiben und Weißkopf den ersten Motorflug zuschreiben zu müssen.

Das kann sich bald ändern. Das Deutsche Museum und das bayerische Innenministerium haben für Oktober in die Flugwerft Schleißheim zu dem Symposium "Frühe Geschichte der Luftfahrt" eingeladen, um in einer international besetzten Expertenrunde der Frage nachzugehen, wem den nun die Ehren des ersten Motorflugs gebühren. Auch John Brown ist dabei, Bernschneider möchte zudem als Gast dabei sein.
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