Kolumne aus Amberg
Millis Geburtstag

Mädchen und Einhörner gehören zusammen - aber auch in der Schule? (Foto: Archiv, dpa)

Kinder sehen ja bekanntermaßen die Welt mit ganz anderen Augen. Was uns Erwachsenen Kopfzerbrechen bereitet, ist für den Nachwuchs meist Pillepalle. Umgekehrt jedoch fällt es schwer, die Gedanken und Problemchen der lieben Kleinen immer nachzuvollziehen. Ein selbst erlebtes Beispiel gefällig? Na gut.

Meines hieß Brauni, war ein Bär und ich liebte dieses Kuscheltier. Das Ein und Alles meiner Tochter heißt Milli und ist - wie könnte es auch sonst sein - ein Pferdchen. Aber nicht irgendein Ackergaul, nein, ein Einhornpferd mit blütenweißem Plüschfell und rosa Puscheln an den Hufen. Das Hinterteil von Milli zieren kunstvoll mit glitzerndem Silberfaden eingestickte Herzen. Zwei an der Zahl.

Das Horn, das sich ebenfalls silberglänzend keck vom Kopf in die Höhe reckt, musste schon zweimal angenäht werden. Auch am Bauch gab es schon eine kleinere OP mit Nadel und Faden. Ausgeführt von Chefärztin Mama, assistiert von der Pferdebesitzerin und einigen anderen Plüschtieren, die als Pfleger, Tröster oder einfach als Besucher Milli beistanden.

Der letztendlich doch nur minimalinvasive Eingriff gelang, die Patientin erholte sich schnell. Kurz gesagt, Milli hat es gut. Sie war bereits mehrmals im Urlaub, schläft nachts im warmen Bettchen, darf fernsehen, wird gestreichelt und stets umsorgt. Alles passt. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, da zu sein. Geradezu beneidenswert, dieses sorgenfreie Leben. Dann jedoch zogen dunkle Wolken über dem Kinderzimmer auf. Wie eingangs erwähnt, kam es zu einem für Erwachsene unerwarteten Geistesblitz.

Meine Tochter hatte zwei Ideen. Die erste war: Milli soll auch Geburtstag haben. Na gut. Die zweite jedoch lautete: Wenn sie sechs wird, muss sie die Schulbank drücken. Um zu verhindern, dass für das arme kleine Einhorn nun der Ernst des Lebens beginnen sollte und es vor allem auch noch mit in den Unterricht geschleppt wird, war guter Rat teuer. Es kostete einiges an Fantasie und Süßigkeiten, das Kind zu überzeugen, dass Milli erst vier Jahre alt wird und somit keinesfalls schulfähig ist.

Es war dunkel und natürlich alles nur Einbildung, aber als ich in der Nacht an besagtem viertem Kuscheltiergeburtstag ins Kinderzimmer schlich, erschien es mir, als ob Millis Einhorn noch schöner funkelte als sonst.

markus.bleisteiner@derneuetag.de
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