Michael Golinski fotografiert in Tschernobyl
In der verbotenen Zone

Die Ruine des Kernkraftwerkes Tschernobyl (Bildmitte) und der sogenannte Sarkophag (links), der im nächsten Jahr über den explodierten Atommeiler geschoben werden soll, damit keine weiteren radioaktiven Stoffe in die Atmosphäre entweichen. Alle Bilder: Michael Golinski
Von Uli Piehler

Michael Golinski war gerade ein Jahr alt, als das Atomkraftwerk in Tschernobyl in die Luft flog. Zeit seines Lebens hat das Gespenst dieser Reaktorkatastrophe den Amberger begleitet. Jetzt ist er hingefahren, um es sich aus nächster Nähe anzusehen.

1500 Kilometer Luftlinie trennen Amberg und die immer noch klaffende Wunde des schlimmsten Atomunfalls der Geschichte. 29 Jahre nach dem Super-Gau trat der Amberger Fotograf Michael Golinski (30) der monströsen Reaktor-Ruine gegenüber, die er nur aus den Nachrichten kannte.

Herr Golinski, statt zur Apfelblüte nach Südtirol fahren Sie ins radioaktiv verstrahlte Sperrgebiet. Wie kommen Sie denn dazu?

Golinski: Es war die Neugier, die mich getrieben hat. Mich ziehen Orte an, an die nicht jeder hinfährt. Tschernobyl stand schon vier oder fünf Jahre auf meiner Liste.

Und dann setzt man sich ins Auto und fährt einfach 1500 Kilometer Richtung Osten?

Golinski: In Berlin gibt es jemanden, der solche Touren organisiert. An den hab ich mich gewandt. Ich bin dann nach Warschau geflogen. Von dort ging es mit dem Bus weiter. Insgesamt waren etwa 15 Leute dabei.

Hatten Sie wegen des Krieges im Donbass ein ungutes Gefühl?

Golinski: Nein. Im Norden ist es relativ friedlich. Dazwischen liegen etwa 700 Kilometer. Ich war auch einen Tag in Kiew. Dort ist von Krieg kaum etwas zu spüren.

Was haben Sie zuerst gesehen, nachdem Sie den Checkpoint zur Sperrzone passiert haben?

Golinski: Ein verlassenes Dorf. Zerfallene Häuser, verwilderte Gärten. Es sieht so aus, als sei die Zeit einfach stehen geblieben.

Und Tschernobyl ist eine Geisterstadt...

Golinski: Ja, aber es leben auch wieder Menschen dort. Es gibt ein Hotel, einen Supermarkt, eine Poststelle und Polizei ist auch unterwegs.

Wie nahe kamen Sie dem havarierten Reaktor?

Golinski: 200 Meter vielleicht. Ich stand direkt vor dem Gebäude. Wir hatten mehrere Geräte dabei, um die Radioaktivität zu messen und wir wussten natürlich auch, wann es Zeit wird, zu gehen.

Was war das beeindruckendste Erlebnis der Reise?

Golinski: Weniger der Reaktor selbst, als vielmehr die nicht weit entfernt gelegene Radarstation Duga-3. Das Atomkraftwerk kennt man von vielen Bildern, die Station war dagegen eine echte Überraschung. Nicht nur wegen der enormen Größe!

Sie haben jede Menge Bilder gemacht. Wozu eigentlich?

Golinski: Hauptsächlich als private Erinnerung. Ich bin erstaunt über das große Interesse daran. Vielleicht mach ich mal eine Ausstellung oder geb einen kleinen Bildband heraus.

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Der Super-Gau in TschernobylAm Sonntag jährt sich der Tag der Nuklearkatastrophe in der ukrainischen Stadt Tschernobyl zum 29. Mal. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor in Block 4 des Atommeilers, nachdem die Werksleitung einen vollständigen Stromausfall simuliert hatte. Bei dem Experiment kam es zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, der schließlich dazu führte, dass sich der Reaktorkern so stark erhitzte, dass er in die Luft flog. Eine große Menge radioaktiver Stoffe gelangte in die Erdatmosphäre. Sie kontaminierte infolge radioaktiven Niederschlags hauptsächlich die Region nordöstlich von Tschernobyl sowie viele Länder in Europa.

Auch Bayern war und ist bis heute betroffen. Rund 600.000 Menschen wurden einer starken Strahlenbelastung ausgesetzt, von den Helfern sind nach Informationen der Weltgesundheitsorganisation heute rund 125.000 schwer erkrankt. Mindestens 10.000 Menschen sollen bis jetzt an den Folgen der
Katastrophe gestorben sein.
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