Der Applaus kommt von vorne
Das Stadttheater Amberg öffnet seine Türen - diesmal seine Hintertüren

In der Maske (Foto: Christian Gold)

Hier steht im Rampenlicht, was der Zuschauer nicht sieht: ein zynischer Theatermeister, Feuerwehrmänner, das 'Reich der tausend Knöpfe' und vieles mehr. Ein Blick hinter die Kulissen.

Der Vorhang ist zu. Hinter der Bühne hängen Kleider, Kisten stehen herum. Auftritt: Requisiteur.


Er zerbricht die Schokolade, welche die Schauspieler während einer Kiffer-Szene trösten wird. Er bereitet das Teeservice, das ohne Scheinwerferlicht viel weniger prachtvoll aussieht. Seit 30 Jahren macht George den Job. Über seine Aufgaben sagt er bescheiden: „Welche Räder am Auto sind wichtiger? Alle müssen in dieselbe Richtung fahren. Alle müssen zusammenarbeiten.“ Er zieht einen Kompressionsstrumpf straff, den ein Schauspieler später tragen wird. „Und der Applaus kommt von vorne.“


Die Theaterberaterin

Szenenwechsel. Auftritt: Theaterberaterin.


Sie führt in den Keller zu Garderoben und Maske. „Das ist der weniger schöne Teil des Theaters“, meint sie entschuldigend, „aber genauso wichtig“. Katja Körtge arbeitet für die Konzertdirektion Landgraf, die in Kooperation mit dem Stadttheater Amberg den Spielplan macht. Nur so kann großes Theater auch abseits der Großstädte in den kleineren Häusern spielen. Körtge kümmert sich dabei um „alles und nichts“ sagt sie. Einigen wir uns auf „sehr viel“. Sie ist da, sobald das Haus öffnet und geht, nachdem es schließt. Sie macht die Öffentlichkeitsarbeit für das Theater und bereitet Süßigkeitenschalen für die Schauspieler. Sie präsentiert das Haus während der Vorstellung und hilft beim Kulissenabbau nach der Vorstellung. Und sie liebt ihren Job, anders geht das wohl nicht.


Der Theatermanager

Im Keller ist auch der Technikerraum, es ist sein Revier. Auftritt des Meisters, des Theatermeisters.


Michael Hirte ist der Techniker und er liebt seinen Job auch, aber er formuliert es anders. „Ich bin der Idiot, der als erstes reingeht und als letztes raus kommt.“ Groß ist er und imposant, lange Haare, langer Bart, schwarze Kleidung. Ein postmoderner Wikinger und ein echter Zyniker. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, der Spruch von Karl Valentin hängt über seiner Bürotür. Michael Hirte kennt viele Häuser, „auch die falsch geplanten“. Wie viele Technikverliebte kann der Theater- und Beleuchtungsmeister sich stundenlang auslassen über technische Details, Möglichkeiten und Begrenzungen seines Hauses.


Die Werkstatt

Szenenwechsel. Auf der Bühne.


Die Kulissen für das abendliche Stück sind bereits aufgebaut. Der Theatermeister erklärt die unzähligen Brandschutzbestimmungen. Theater haben die zweithöchste Sicherheitsstufe nach der Luftfahrt. Er fährt den sogenannten eisernen Vorhang herunter. Er schützt diejenigen, die davor sitzen, wenn es dahinter brennt. Wie in der Politik. Hier ist es ein Vorhang aus feuerfestem Material, der Zuschauerraum und Bühne bei Feuergefahr trennt.

Schon wieder ärgert sich der Meister, diesmal über Theateraufführungen. Jetzt wird er emotional, da steckt mehr dahinter, war er etwa selber mal...? Ja er sei vorher Schauspieler gewesen, zwölf Jahre lang, am liebsten absurdes experimentelles Theater.


Der Licht- und Tontechniker

Szenenwechsel. In der Regiekanzel. Auftritt: der Licht- und Tontechniker.


Im „Reich der 1000 Knöpfe“ sitzt er. Ganz oben über den Zuschauerköpfen, noch über der Loge thront er. Dort „fährt er die Show“, das heißt er kümmert sich um Licht und Ton. Dort „cued“ er, das heißt, er drückt Knöpfe. Joshua Pütter arbeitet für die Konzertdirektion. Das Stück, das heute spielt, ist ein Tournee-Theater. Die Crew spielt also nicht an einem festen Haus, sondern tourt monatelang von Stadt zu Stadt. „Ich habe keine Wohnung. Mein Zuhause ist eine Couch bei guten Freunden in Essen.“


Die Maskenbildnerin hinter der Bühne

Szenenwechsel. Auftritt: die Maskenbildnerin.


Auch sie begleitet die Tournee. Auch sie ist fast jede Nacht in einer anderen Stadt. Der Kontakt zum sozialen Umfeld breche während dieser Zeit total ab, sei nur noch über Internet und Telefon möglich. Es ist einsames und stressiges Leben, aber ein sehr spannendes.

Die Crew ist fast komplett. Was fehlt noch für ein Theaterstück? Richtig, die Garderobenmenschen und der Kartenverkäufer. Eine Garderobenfrau, Schülerin vor dem Abi, ist die einzige an diesem Abend, die sagt, sie würde ihren Job des Geldes wegen machen. Heute ist ein kalter Tag, vielleicht bekommt sie ein paar Euro mehr Trinkgeld.

Eine Stunde vor Beginn des Stücks. Auftritt: der Schauspieler.


Timothy Peach stürmt in die Garderobe. Er schlingt Pommes hinein. „Eigentlich will ich das gar nicht, aber es geht nicht anders.“ Er kommt geradewegs vom Synchronsprechen in München. Gleich spielt er die Hauptrolle des gehbehinderten Philippe in „Ziemlich beste Freunde“. Es war 2011 der große Kinohit aus Frankreich und ist in der Theaterversion nicht minder erfolgreich. Mit vier Schauspielern, einem Techniker, einem Requisiteur und einer Maskenbildnerin fährt das Tournee-Theater ‚Thespiskarren‘ mit dem Theaterstück durch ganz Deutschland. Vorgestern waren sie in Essen, gestern und heute Amberg, morgen Villingen-Schwenningen in Baden-Württemberg, dann wieder Amberg. Terminkollision, geht nicht anders. Das Tournee-Theater sei ein spezielles Geschäft, mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, erklärt Timothy Peach. Bis zu 500 Kilometer führen sie jeden Tag, Essen ist Nebensache, Proben fällt weg. Eine knallige Soap und ein Tournee-Theater seien die Feuertaufe im Schauspielergeschäft. Während der Schauspieler sich schnelle Kohlenhydrate rein schiebt und über das Theater räsoniert, bespricht er mit Joshua Pütter die Tonanweisungen. Multitasking und ein robuster Magen sind Mindestvoraussetzungen in diesem Gewerbe.


Die Hauptdarsteller in der Garderobe

45 Minuten bis sich der Vorhang hebt. In der Maske. Auftritt: Sara Spennemann.


Sie spielt sowohl die Sekretärin Magalie, als auch eine Prostituierte, die Phillippe am Ohr knabbert und Phillippes Angebetete Éléonore. Es ist ihre erste Erfahrung im Tournee-Theater, vorher war sie an einem Stadttheater und bei einem Artistikzirkus. Das hier sei die stressigste Variante. Bewegung, Sonne, Wind und Wasser gäben ihr den nötigen Ausgleich, „und natürlich das Bier nach der Vorstellung“.

Eine Viertelstunde bis zur Vorstellung. Die restlichen beiden Schauspieler trudeln ein.
Plötzlich, ein Anruf von oben. Eine Rollstuhlfahrerin mit ihren Begleiterinnen will rein. Katja Körtge springt auf.

Szenenwechsel. Auf der Bühne.


Zehn Minuten noch. Durch den geschlossenen Vorhang tönt das Stimmengewirr der Zuschauer. Sara Spennemann überprüft ihre Requisiten. Multitasker Timothy Peach findet noch Zeit für ein Interview. Er sitzt bereits im Rollstuhl. Die Steuerung dieses Hightech-Geräts sei nicht leicht. Da die Figur vom Hals abwärts gelähmt ist, steuert er dessen Bewegungen nur über den Kopf. Es ist das einzige Körperteil, mit dem er sich in seiner Rolle als Querschnittsgelähmter ausdrücken kann: „Der Rollstuhl ist mein Körper“. Drei Wochen habe er gebraucht, um die Choreographie einzustudieren.

Fünf Minuten bis zur Vorstellung. Auftritt: der Hauptlöschmeister.


In seiner Uniform schreitet er über die Bühne. Wird nun doch 'Biedermann und die Brandstifter' aufgeführt? Nein, Norbert Bachfischer ist der obligatorische Brandschutzverantwortliche. Bei jeder Vorstellung sitzen zwei Feuerwehrleute neben der Bühne. Bis jetzt ist noch nie etwas passiert, aber wenn, dann sind sie und die Techniker es, die für die Sicherheit hunderter Menschen zuständig sind.


Der letzte Gong. Das Stimmengewirr verstummt.


Hauptlöschmeister und Kollege sind auf Position. Die Schauspieler verwandeln sich in ihre Rollen. Der Vorhang hebt sich, die Show beginnt. Auf der Bühne poltert und lärmt es, die Schauspieler tanzen, weinen, flirten. Hinter der Bühne bewegen sich alle wie auf Samtpfoten und üben sich im Lippenlesen. Auch Sara Spennemann schleicht in hohem Pumps, spitzt durch einen Schlitz in den Kulissen und wartet auf ihren nächsten Einsatz.

Kommen die Schauspieler zum Umziehen nach hinten, schlüpfen sie aus ihren Klamotten und aus ihren Rollen. Der aufgedrehte Pfleger Driss wird zum hochkonzentrierten Felix Frenzen. Er spielt die aktivste Rolle. Früher war er auch in den Pausen aufgekratzt, jetzt spiele er aus der Ruhe heraus. Er schließt die Augen, atmet durch, plötzlich fängt er an zu schreien und stürmt auf die Bühne.
Phillippe alias Timothy Peach fährt mit versteinerter Miene nach hinten, springt wie von der Tarantel gestochen aus seinem Stuhl und schlüpft vom Seidenbademantel in einen Smoking. Er hüpft wieder in den Rollstuhl, richtet sein Halstuch und versteinert wieder vom Hals abwärts.

Szenenwechsel. Während der Vorstellung im Technikerraum.


Katja Körtge verfolgt die Vorstellung über den Bildschirm. Sie wirkt betreten. Der Rollstuhl der Besucherin war zu schwer. Das Haus hat keinen geeigneten Aufzug. Noch nicht, das ändert sich hoffentlich bald. Sie musste die Rollstuhlfahrerin wieder nach Hause schicken. Peinlich. Gerade bei diesem Stück.


Schichteinteilung bei den Bühnenhelfern

Auf dem Bildschirm leert sich die Bühne, es ist Pause.


Die Bühnenhelfer trudeln langsam im Technikerraum ein. Als erstes kommt Charly Rauscher. Er war mal selbst begeisterter Zuschauer, nun verrichtet der pensionierte Soldat im Theater seinen Dienst. Er ist ein Liebhaber des Theaters und glühender Verfechter des Stadttheaters. „Amberg hat so ein Theater verdient und es sollte mehr draus machen“. Karl Valentin war es wieder, der eine „Allgemeine Theaterbesuchspflicht“ (genannt ATBPF) forderte. Das wünscht man sich bei soviel Theaterliebe.

Hinter der Bühne. Applaus! Das Stück ist aus, der Vorhang fällt.


Die Zuschauer haben sich noch nicht einmal alle von ihren Sitzen erhoben, da füllt sich die Bühne wieder. Die Helfer zerlegen das Bühnenbild mit geübten Handgriffen. Der Theatermeister hebt Schrauben auf und erheitert mit zynischen Sprüchen, der Licht- und Tontechniker gibt Anweisungen, der Requisiteur packt die Teetassen ein. Drei Stunden wird es dauern, bis die Kulissen auf dem LKW verladen sind.

Die Bühne ist wieder leer. Und das Theater wartet auf den nächsten Applaus für die kommenden Meisterleistungen, vor und hinter den Kulissen.
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