37. Erlanger Universitätstage in Amberg
Das Smartphone als Geometer

Das Thema D@tenflut der Erlanger Unitage konkretisierte der Inhaber des Lehrstuhls für Kulturgeographie, Prof. Dr. Georg Glasze, dahingehend, dass alle Nutzer von digitaler Mobilfunktechnik zu meist unfreiwilligen Datenlieferanten von Geoinformationen werden. Bild: Steinbacher
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
25.02.2016
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Jedes Handy, Smartphone, Navi oder GPS, jede Aktivität im Netz produziert Daten. Gespeichert und je nach Gusto zusammengeführt, entstehen Abbilder unserer Lebenswelt. Geprägt von bestens gehüteten Betriebsgeheimnissen, was auch immer wer im Schilde führen möge.

Dessen sollte sich jeder bewusst sein, der über einen Internet-Dienstleister beispielsweise eine Karte von Ambergs Altstadt aufruft. Tut ein anderer das auch, dürfte der eine im Detail abweichende Version auf den Bildschirm geliefert bekommen. Weshalb das so ist, darüber sprach Prof. Dr. Georg Glasze am Dienstagabend im Historischen Rathaussaal bei den 37. Erlanger Universitätstagen.

Auf den ersten Blick klingt der Titel seines Vortrags sperrig: "Wie Big (Spatial) Data und Crowdsourcing uns alle zu Kartographen machen - ob wir wollen oder nicht". Eine Ausgangsthese des Inhabers des Lehrstuhls für Kulturgeographie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) lässt sich unschwer nachvollziehen: Jede geografische Karte ist immer nur das Abbild einer vom kulturellen, sozialen und politischen Entwicklungsstand einer Gesellschaft abhängigen Vorstellung, Sichtweise der Welt.

Das bedeutet beispielsweise, bevor Kolumbus 1492 (Nord-)Amerika entdeckt hatte, konnte dieser Kontinent nicht auf einer Seefahrer-Karte eingezeichnet sein. Oder: Zu Beginn der zwei Weltkriege des 20. Jahrhunderts sahen die nationalstaatlichen Landkarten von Europa und Übersee anders aus als zu deren Ende. Die Kartographie, so Glasze, hat also einen primär beschreibenden Charakter und schafft lediglich Projektionen von Wirklichkeit.

Der Filter machts


Daran ändert die Digitalisierung von Geodaten nichts. Der entscheidende Unterschied besteht in der unbeschreiblich umfangreichen Menge der zugrunde gelegten Informationen und deren unkontrollierten, automatischen Gewinnung. Erst ein nachträglich über diese Datenfülle gelegter Filter entscheidet, welche Sichtweise sich dem Betrachter erschließen wird oder soll. Geodaten bestehen aus nichts anderem als einer eindeutigen räumlichen und zeitlichen Zuordnung eines Gegenstandes oder Umstandes auf der Erdoberfläche.

Gigantisches Geschäft


Als Informationen werden sie freiwillig (SMS an Verkehrssender: "Stau nach Unfall auf der ...") oder unfreiwillig (Lokalisierung eines sich zuvor zügig bewegenden Mobilfunkgeräts wird stockend) weitergegeben. Die bei diesem Beispiel daraus entstehende Stauwarnung kann es nur geben, wenn der Inhaber der Ursprungsdaten sie entsprechend verwertet. In der Regel handelt es sich um Privatunternehmen, sprich Mobilfunk- und Internet-Dienstleistungskonzerne, die damit florierende Geschäfte machen. Konsequent weiter gedacht, fragt Glasze deshalb, "was für eine Art von Weltbild entsteht dabei überhaupt?". Eine klare Antwort hat er nicht parat, maximal einen Trend. Die Allgemeingültigkeit kartographischer Beschreibungen von Wirklichkeit sinkt, weil sie von Individualinteressen überlagert wird, die lediglich den Anschein erwecken, ein umfassendes Bild zu zeichnen. Denn jedes zielgerichtete Filtern von Daten bedeutet immer auch ein Ausgrenzen konkurrierender Tatsachen.

Deshalb zurück zum Eingangsbeispiel: Die zwei unterschiedlichen Altstadt-Karten haben die beiden fiktiven Nutzer selbst ausgelöst. Einer fragt über Internet-Suchmaschinen öfters mal nach Sehenswürdigkeiten, der andere nach Pizzerien. Schon bedient Big Data diese Vorlieben.

Prof. Dr. Georg GlaszeSeine Forschungsansätze sind sehr breit angelegt, schon im Studium zeigte sich Prof. Dr. Georg Glasze sehr vielseitig interessiert: Geografie im Hauptfach, daneben Soziologie, Öffentliches Recht, Physik und Biologie an den Universitäten Mainz und Dijon. Nach diversen internationalen Stationen und Stipendien übernahm er 2009 an der FAU den Lehrstuhl für Kulturgeographie. Forschungsschwerpunkte setzt Glasze vor dem Hintergrund der Frage, wie und weshalb sich unterschiedliche geografische Räume konstituieren und von einander absetzen? Die Antwort: Das ist von Menschen gemacht. Mithin stellen kulturelle, soziale und politische Verhältnisse wesentliche Determinanten dar. Immer prägender wird dabei die Digitaltechnik. (zm)
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