75. Geburtstag von Eckhard Henscheid
Ein Unikum bin ich dann doch nicht

Dass er vom Amberger Oberbürgermeister Michael Cerny kürzlich eine Einladung zum Seniorenstammtisch erhalten habe, inklusive eines Coupons, der zum Verzehr einer Portion Leberkäs und eines kleinen Biers berechtigt, erheitert den Amberger Satiriker Eckhard Henscheid sehr: "Das werde ich mir garantiert nicht entgehen lassen!" Bild: Geiger
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
13.09.2016
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Eins ist eindeutig: Eckhard Henscheid ist der berühmteste Oberpfälzer Schriftsteller weltweit. Ansonsten gelten für den Träger des Amberger Kulturpreises die Gesetze der Ambivalenz. Heute wird er 75 Jahre alt.

Er ist ein Romancier, der die kurze Form wie kein anderer beherrscht. Ein Mann der Hochkultur, der die Würste und den Fußball schätzt. Ein Polterer, der der eigenen Heimat einen idyllischen Kranz nach dem anderen flicht. Ein Sprachgärtner, der verbales Unkraut bekämpft. Ein Opernliebhaber, der die Operette fast genauso hochachtet. Ein Schreibbesessener, der gemütlich die Nachmittage in seinem Garten in Raigering verbringt. Am heutigen Mittwoch wird er 75. Die Kulturredaktion hat Eckhard Henscheid am Wochenende in seiner Wohnung in Amberg besucht.

Herr Henscheid, Sie sind nicht nur der Musik, sondern auch der Mathematik und ihren Rätseln zugetan. Weshalb Ihnen auch nicht entgangen ist, dass die Konstellation Ihres Geburtsdatums sehr günstig war. Denn der 14. 9. 1941 ist nun mal ein perfektes Palindrom, das heißt: Von vorne lässt sich's genauso lesen wie von hinten. Jetzt werden Sie 75, als Bruch ausgedrückt: Drei Viertel von 100. Musikalisch erinnert das an die Leichtigkeit des Walzertakts ...

Eckhard Henscheid: Das Wunder dieses Palindroms besteht ja darin, dass Sie sogar die "19" vorm Geburtsjahr weglassen können - und noch immer stimmt's. Der Nebensegen besteht darin: Wenn ich wieder ein Palindrom will, dann kann ich mir auch schon mein Todesdatum ausrechnen. Das wäre dann der 14. 02. 2041 - da bin ich dann 99 ½. Die Entdeckung geht aber gar nicht auf mich zurück, da hat mich ein Leser drauf hingewiesen. Da war ich aber sehr einverstanden. Ansonsten bin ich im Mathematischen kein allzu überragendes Genie mehr, als Schüler war ich ganz gut, jetzt aber schon gar nicht mehr. In der Musik eher.

Ich habe jetzt erst entdeckt, dass ich mir unbekannte Partituren sehr gut mitlesen, "mithören" kann. Wahrscheinlich ein Nebeneffekt vom jahrezehntelangen Klavierspiel. Selbst wenn die Finger müder werden, so hat sich nolens volens eingeprägt: Ein Erkennen von Akkorden der klassisch-romantischen Epoche, die sich ja wiederholen, mit der schönen Folge, dass man Partituren "hören" kann, ohne die Musik zu hören. Die Leichtigkeit des Walzertakts in meinen Werken? Na, ich will nicht übertreiben.

Die Vorsehung mal beiseite: Sie wurden im Jahr 1941 geboren, also mitten im Krieg. Haben Sie Erinnerungen daran?

Ja, ich wäre beinahe bei einer Evakuierung, bei der Flucht Fichtenhof bei Amberg umgekommen, zusammen mit meiner Mutter und der Schwester. Ich war erst drei Jahre alt und habe gar nicht mitgekriegt, wie nahe ich da dem Tod schon war. Wir waren ein Spielball der amerikanischen Tieffliegerbesatzungen, die hätten mich da ohne weiteres erschießen können. Das führt noch heute dazu, dass mir Fichtenhof ein lieber Ausflugsort ist

Auch an die Flucht in den Keller bei Fliegeralarm hab' ich noch eine schwache und etwas inkompetente Erinnerung - das waren wohl die Angriffe auf Nürnberg, die da auch Amberg als Geräusch erschütterten. Aber ich war mir der Schwere der Ereignisse mit meinen dreieinhalb Jahren nicht so ganz bewusst, wenngleich: Die Flucht in den Keller, das hat mir als dramatisches Geschehen sehr eingeleuchtet. Aber dass ich Hitler mit dreieinhalb aktiv bekämpft hätte, das kann ich so recht nicht behaupten!

Ist es so, dass die Kindheit näher rückt in der Erinnerung, je weiter sie biographisch in die Ferne gerät?

Ja, die Kindheit auch, aber überhaupt Erinnerungen an die ersten 20 Lebensjahre. In gewisser Weise, ohne dass ich das jetzt wissenschaftlich ausdrücken möchte, werden die mehr "Realität" als so manches, was dann später passiert ist und heute passiert. Hin und wieder hab ich das auch mehr marginal schon darzustellen versucht - aber vielleicht nimmt das ja noch zu!

Lässt sich Eckhard Henscheid vorstellen als nicht-schreibender Mensch?

Inzwischen nicht mehr. Wenngleich sich das Talent und die Neigung erst relativ spät entwickelt haben. Ein "Schreibwahnsinniger", wie etwa die beiden Walser es waren beziehungsweise sind, die ununterbrochen, so drückt es Robert Walser einmal aus, "kritzeln" mussten, bin ich nicht. Aber es ist nicht weit davon entfernt, das sozusagen sehr reelle Notizen machen. Mit einem immer noch bestehenden Papierschnipsel-Laptop in der Brusttasche, und diesem Bleistift, der mich nicht verletzen kann, weil er so schön kurz ist. Aber es bewegt sich noch nicht aufs Pathologische zu, es ist nur etwas stärker entwickelt als bei nichtprofessionellen Schreibwilligen!

Hätten Sie Ihren frühen Berufswunsch verwirklicht, dann wären Sie Musiklehrer geworden und schon seit zehn Jahren Pensionist. Als freier Schriftsteller aber arbeiten Sie nach wie vor: täglich?

Ich wäre nicht seit zehn Jahren Pensionist, sondern wahrscheinlich seit 20 Jahren tot. Mir wurde bald schon sehr klar, dass nämlich eine Musik-Tätigkeit im pädagogischen Bereich mich so geärgert hätte, das hätte so an mir gezehrt und genagt, dass das wirklich keine gute Berufswahl gewesen wäre. Von meinen Voraussetzungen her - also Klavierspielen und in zweiter Linie die Geige - hätte ich's wohl gepackt.

Aber die andere Variante, dass ich viel über Musik schreibe - und wie ich gelegentlich lese, auf sehr beachtlichem Niveau, die war entschieden besser. Ich wäre kein Starpianist, ich wäre nicht mal ein guter Musiklehrer geworden. Über Musik zu schreiben, sagt mir zu - und es gibt zumindest Teilbereiche der E-Musik, das machen nicht allzu viele besser.

Vor Jahren schon haben Sie sich entschieden, Ihren langjährigen Lebensmittelpunkt Frankfurt am Main zu verlassen und zurückzukehren, an Ihren Geburtsort Amberg. Eine gute Entscheidung?

Ich habe ja Amberg nie so ganz verlassen, hatte hier immer eine Zweitwohnung aufrechterhalten, und im Laufe der Zeit gab's dann sogar zwei Zweitlogien, nämlich bei Amberg noch einen Garten. Und das hat sich dann auf wundersame Weise auch mit den Visionen und Intentionen meiner Ehefrau gedeckt, die in der Nähe von Regensburg aufgewachsen ist und aber erst spät in der Oberpfalz ihre Idealheimat zu entdecken glaubte. Was übrigens jedes Jahr noch deutlicher wird, etwa auch gestern bei einer größeren Wanderung im Sulzbacher Land: Sie hält die Oberpfalz nämlich noch mehr für ein wahrhaftiges Paradies als ich selber. Und wir sind nicht die einzigen!

Sie sind nach wie vor höchst produktiv und, wie man das heute im "Dummdeutschen" nennt: Breit aufgestellt, weil Sie eben nicht nur als Romancier arbeiten, sondern auch als Essayist und Musikschriftsteller. Einen solchen Kerl wie Sie, sehen Sie den auch an anderer Stelle?

Ich bin ganz ganz breit aufgestellt, aber ein Unikum, ein Solitär bin ich dann doch nicht. Die zentralen Figuren der sogenannten "Neuen Frankfurter Schule", das sind durchgehend Mehrfachtalente gewesen. Weniger wie ich mit der Zweitschiene Musik, sondern in vielen Fällen mit der völlig äquivalenten, manchmal sogar dominierenden Zweitschiene Zeichnerei und Malerei. Und auch sonst ist es wohl kein kompletter Ausnahmefall, dass jemand verschiedene Genres betreut.

Bei mir war schon immer, vielleicht etwas deutlicher als bei anderen, ein Grund, mich selber nicht zu langweilen. Einen Roman nach dem anderen zu schreiben, das hab' ich mir weder zugemutet noch zugetraut. Mein Mitteilungsbedürfnis ging dann immer auch mehr ins Essayistische, Theoretische, auch ins Pädagogische. Nicht ganz ohne Erfolg im Pädagogisch-Didaktischen: Gelegentlich höre ich schon ganz gern, dass Leute, bis hin zu Gymnasiallehrern bei Philologen-Kongressen, mir mitteilen, sie hätten ihren eigenen alltäglichen Sprach- und Redestil aufgrund der "Dummdeutsch"-Weisungen eine Spur gebessert.

Das kann sogar mir selber passieren: Ich krieg' dann Weisungen von der Ehefrau, dass ich manche Wörter auch im Übermaß häufig und nicht so ganz optimal verwende. "Optimal" geht übrigens auch schon in Richtung "Dummdeutsch" - aber wohl noch nicht schmerzhaft.

Ach, hinter Ihnen steht ja immer noch die Gesamtausgabe der "Fackel" des Wiener Sprachkritikers Karl Kraus!

Ja, da wird "optimal" noch nicht als Sündenfall vorkommen! Aber als einer der wenigen hab' ich nachweislich und säuberlich alle dreizehn Bände gelesen und auch davon immer wieder Kunde gegeben, durch starkes Karl-Kraus-Zitieren. Was nicht heißt, dass ich eine Reprise von ihm sein möchte. Aber man kann nach wie vor viel von ihm lernen. In einigen Dingen sprachlicher Art bin ich toleranter und nachgiebiger als der überaus hohepriesterliche Karl Kraus. Denn manchmal kann auch schlechtes und inkorrektes Deutsch schon sehr lebendig und witzig und sogar wegweisend sein - das sind aber wirklich eher die Ausnahmen.

Die Flucht in den Keller, das hat mir als dramatisches Geschehen sehr eingeleuchtet. Aber dass ich Hitler mit dreieinhalb aktiv bekämpft hätte, das kann ich so recht nicht behaupten!Eckhard Henscheid


Meine Frau hält die Oberpfalz nämlich noch mehr für ein wahrhaftiges Paradies als ich selber. Und wir sind nicht die einzigen!Eckhard Henscheid
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