Amberg ist Gropius-Stadt
Ein Stück Oberpfalz in Boston

Hinwendung zum Erbe: Wenn 2019 die Glaskathedrale 50 Jahre alt wird und auch das Bauhaus den 100. Jahrestag seiner Gründung feiert, dann will Amberg diese Jubiläen standesgemäß begehen. Bild: Erich Spahn
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
02.07.2016
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Beim Besuch in der Bibliothek des "Massachusetts Institute of Technology" entdeckte Ambergs Baureferent Markus Kühne auch dieses Modell der Glaskathedrale. Bilder: Peter Geiger (6)
 
Der Architekt Howard Elkus freut sich, als er hört, dass er Besuch aus Amberg erhält - und formt sogleich mit seinen Händen ein Dreieck. So signalisiert er, dass ihm die charakteristische Form der Glaskathedrale in Fleisch und Blut übergegangen ist.
 
Mit Samthandschuhen durchsuchte Ambergs Kulturreferent Wolfgang Dersch die Bibliothek im Wohnhaus von Walter Gropius- und stieß prompt auf Spuren seiner Heimatstadt! "An dem Ort, an dem Walter Gropius jahrzehntelang gelebt und seine Ideen entwickelt hat, der Glaskathedrale zu begegnen, das hat schon fast etwas Mystisches!", bekannte er anschließend ehrfürchtig.

Amberg ist so vieles: Nicht nur die festeste unter den Fürstenstädten des alten Reichs, und nicht nur ehemalige Hauptstadt der Oberpfalz. Amberg ist auch Zentrum dessen, was man als "Ruhrgebiet des Mittelalters" bezeichnet und Garnisonsstadt, Schulstadt und Luftkunstort. Aber Amberg ist auch noch etwas ganz Besonderes - und das wissen selbst viele Bürger der Stadt nicht: Amberg ist auch eine Gropius-Stadt!

Bald ein halbes Jahrhundert ist es her, dass einer der berühmtesten Architekten des 20. Jahrhunderts, dass Bauhaus-Gründer Walter Gropius die Pläne für das Thomas-Glaswerk am Bergsteig, draußen im Stadtosten entwarf. Auftraggeber war die Firma Rosenthal aus Selb, die hier in der Oberpfalz schon seit den 1950er Jahren Eigentümer der Elisabeth-Hütte war und dort Glas produzierte. Firmenchef Philip Rosenthal hatte mit Walter Gropius schon länger zusammengearbeitet: In Selb hatte der Jahrhundertarchitekt 1967 das neue Porzellanwerk auf dem Rotbühl vollendet. Nunmehr sollte Gropius, einer der maßgeblichen "Erfinder der architektonischen Moderne", gemeinsam mit seinem Büropartner Alexander Cvijanovic eine Glashütte für vier Schmelzöfen und vier Kühlbahnen errichten.

Das Ergebnis, das 1970, ein Jahr nach dem Tod von Walter Gropius, eröffnet wurde, verkörperte den Bauhaus-Wahlspruch, dass die Form sich der Funktion unterzuordnen habe, auf außerordentliche Weise: Entstanden war ein 100 Meter langer Bau, der aus der grünen Talsenke auftaucht. Als Riesendreieck radikal klar in der Form und seriell, ganz im Geist der Zeit, aus Betonfertigteilen errichtet, bildete die "Glaskathedrale" so etwas wie den Schlussstein im beispiellosen Lebenswerk von Walter Gropius. Neben der markanten Form ist auch die Dachfläche bemerkenswert, wurde sie doch als eigenständiges Fassadenelement gestaltet. Die Pressekommentare fielen euphorisch aus. So war unter anderem zu lesen, das Gebäude stelle den "Abschied von der tristen Fabrikarchitektur" dar.

Allerbeste Qualität


Zwar wird in der "Kristall-Glas-Fabrik Amberg", die mittlerweile zur Riedel-Gruppe gehört, noch immer gefertigt - und zwar allerbeste Qualität. Aber: Das Gebäude ist, was seine Bekanntheit anbelangt, in eine Art Dornröschenschlaf verfallen. Ira Mazzoni, eine namhafte Architekturjournalistin, bezeichnet die Glaskathedrale als "Bayerns wichtigsten Industriebau". Aber: Wer weiß das schon? Das wiederum war das Motiv für den Amberger Kulturreferenten Wolfgang Dersch und seinen Kollegen aus dem Baureferat, Markus Kühne, der Sache näher auf den Grund zu gehen. "Wenn wir die bevorstehenden Jubiläen im Jahr 2019 - also 100 Jahre Bauhaus und den fünfzigsten Todestag von Walter Gropius angemessen feiern wollen, dann müssen wir jetzt die Gelegenheit beim Schopf packen!" Wolfgang Dersch hatte bei seinen Recherchen zum Thema "Glaskathedrale" nämlich herausgefunden, dass der schon erwähnte Alexander Cvijanovic, der Büropartner von Walter Gropius, 92-jährig in Boston lebt. An jenem Ort also, wo Gropius als Exilant in den 1930er Jahren Zuflucht vor den Nazis gefunden hatte - und wo das Architekturbüro "The Architects Collaborative" (TAC), das den Bauauftrag in Amberg ausführte, seinen Sitz hatte.

Alexander Cvijanovic wurde 1923 in Belgrad in eine großbürgerliche Familie hineingeboren. Sein Vater war Landwirtschaftsminister, die Mutter Opernsängerin. Und er selbst? Ein Mann vieler Talente! In den frühen 40ern verbrachte er ein turbulentes Jahr in Paris, verdingte sich als Sänger und Pianist, um gereift und geläutert nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Amerika auszuwandern. Dort fand er auch seine eigentliche Bestimmung und studierte Architektur an der "Harvard Graduate School of Design".

Von Vorteil für seine Einstellung im TAC-Büro waren seine Sprachkenntnisse, Französisch beherrschte er ebenso wie das Deutsche. Gleichzeitig verband ihn von Anfang an eine ganz besondere Freundschaft zu Walter Gropius: "Ich war der Sohn, den er nie hatte. Und er war der Vater, den ich schon ganz jung verloren hatte." Eines der Ergebnisse dieser engen Freundschaft steht heute in Amberg. "Wenn man die Wohnung von Alexander Cvijanovic betritt, dann fallen einem sofort drei Bilder ins Auge: Ein Schwarzweißfoto des 1963 vollendeten, berühmten PanAm-Buildings in Manhattan! Und: Die Glaskathedrale in Amberg, einmal schwarz-weiß, und einmal in Farbe!"

Wolfgang Dersch, dem Kulturreferenten, ist die Freude über diese Entdeckung noch anzumerken: Nicht nur, dass er gemeinsam mit Markus Kühne in die Privatwohnung im Stadtteil Watertown, nur einen Steinwurf von Cambridge und der Harvard-University entfernt, eingeladen wurde. Sondern dass er in Boston ein Stück Amberg entdecken durfte! "Ich glaube schon, dass das eine Auszeichnung der Extraklasse ist! Dieser Mann hat überall auf der Welt gebaut! Aber die Glaskathedrale in Amberg, die - das betonte er immer wieder in den Gesprächen - die war ihm und Gropius besonders wichtig!"

Auch Baureferent Markus Kühne gerät ins Schwärmen: "Es waren zwei lange, intensive Gespräche, die wir mit "Alex" Cvijanovic führen durften. Und: Wir haben alles dokumentiert! Das heißt: Wir haben die Unterhaltungen, die wir an zwei Vormittagen mit dem Gropius-Partner führen durften, aufgenommen, zum Teil auch gefilmt und ungeheuer viel fotografiert!" Aber nicht nur selbstproduziertes Material haben sie mitgebracht, bei einem Besuch im Archiv des berühmten "Massachusetts Institute of Technology" (MIT) konnten sie die dort eingelagerten Bestände sichten: "Auch das ist natürlich sehr aufregend: Wenn man im Archiv einer der namhaftesten Eliteuniversitäten weltweit auf reichhaltiges Material aus der Oberpfälzer Heimat stößt!" Mit der dortigen Mitarbeiterin Ulrike Heine, einer gebürtigen Magdeburgerin, wurde schon die Digitalisierung von Beständen vereinbart: "Künftig", sagt Wolfgang Dersch, "werden wir bei uns in Amberg also Material beherbergen können, das bisher kaum greifbar war, lagern sie doch an einem Ort, der 7000 Kilometer entfernt ist von Deutschland!"

Natürliches Licht


Besonders reizvoll war es, aus dem Mund von Alex Cvijanovic zu hören, wie sehr es ihm gemeinsam mit Walter Gropius darum gegangen war, einen menschen- und arbeiterfreundlichen Industriebau zu errichten: "Gerade, weil es bei der Glasproduktion so heiß hergeht, wussten wir: Die Arbeiter schwitzen ungeheuer. Und das wollten wir verhindern, durch das neuartige Lüftungskonzept. Außerdem wollten wir, dass in die Halle so viel natürliches Licht wie möglich fallen kann."

Harvard-Absolvent Howard Elkus war in den 1960er Jahren nicht unmittelbar in die Planungsarbeiten der Glaskathedrale involviert. Sein Aufgabenbereich beschränkte sich auf Selb, den dortigen Bau der Rosenthal-Porzellanfabrik und die allerdings nur in Teilen verwirklichte Neugestaltung der Innenstadt. Aber als er, der heute 75-jährige Chef eines 300-köpfigen Architekturbüros, hört, dass der Besuch aus Amberg käme (seine Sekretärin hatte ihm zunächst per Notizzettel "Hamburg" übermittelt), da grinst er. Und formt sogleich mit seinen Händen ein Dreieck. Und bringt damit die der Glaskathedrale zugrunde liegende Philosophie auf den Punkt: Einfache und klare Formen, die sich der Funktion des Gebäudes unterordnen.

Dieser Idee begegneten Dersch und Kühne auch in Lincoln, Massachusetts: Denn hier hat sich Walter Gropius im Jahr 1938, nach seiner Flucht aus Nazi-Deutschland, ein Wohnhaus errichtet. Ganz im Stil der Bauhaus-Philosophie, inmitten der Parklandschaft des Staates Massachusetts steht, dort, wo sich im 19. Jahrhundert der Philosoph Henry David Thoreau dem Rausch der Einsamkeit hingab. Auch in diesem Urbanität verströmenden weißen Kubus entdeckten die beiden Besucher aus der Oberpfalz prompt Spuren ihrer Heimatstadt! Denn die reichhaltig bestückte Bibliothek, sie ist auch bestens mit Architekturbänden ausgestattet. "An dem Ort, an dem Walter Gropius jahrzehntelang gelebt und seine Ideen entwickelt hat, der Glaskathedrale zu begegnen, das hat schon fast etwas Mystisches!", bekennt Dersch ehrfürchtig.

Nach ihrer Rückkehr nach Amberg berichteten Wolfgang Dersch und Markus Kühne dem Stadtrat von ihrer Reise - und präsentierten ihre Fundstücke. Der Beifall aus allen Fraktionen war groß. So zeigt sich Amberg also bestens gerüstet, für die Jubiläen, die bevorstehen. Dersch und Kühne jedenfalls sind schon dabei, eine Dokumentation dessen zusammenzustellen, was sie aus Boston nach Amberg mitgebracht haben. So dass "Amberg ist eine Gropius-Stadt" zum geflügelten Wort werden kann!

HintergrundDie "Glaskathedrale", das ehemalige Thomas-Glaswerk in Amberg, ist der mächtige Schlussstein, den Bauhausgründer Walter Gropius (1883 bis 1969) ans Ende seiner Karriere setzte, die 1911 mit dem Bau der Schuhleistenfabrik FAGUS im niedersächsischen Ahlfeld begonnen hatte.

Während sein erster Industriebau Legende ist, gehört die Oberpfälzer Glashütte zu den beinahe vergessenen Werken, obwohl sie ebenfalls über alle Tugenden des "neuen Bauens" verfügt.

Im Vorfeld des Jubiläumsjahrs 2019 möchten die Verantwortlichen der Stadt Amberg nunmehr diesen Dornröschenschlaf der "Glaskathedrale" beenden. Anfang Oktober 1967 muss Bauhaus-Gründer Walter Gropius in Amberg zu Gast gewesen sein. Das Kulturreferat der Stadt Amberg hat großes Interesse an persönlichen Erinnerungen und Dokumenten, die Anwohner oder Mitarbeiter der Glaskathedrale gesammelt haben.

Wenn Sie, liebe Leser, Wissenswertes beizutragen haben zum Thema Glaskathedrale, dann melden Sie sich bitte beim Kulturreferat. Postanschrift: Zeughausstraße 1 a 92224 Amberg. Telefon 09621/1 08 69. Email-Adresse: verena.preisinger@amberg.de. (stg)
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