Amberg und Harry Christlieb
Der vergessene Künstler

Harry Christlieb 1962 mit seiner bekannten Elchskulptur im Tierpark Berlin.
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
18.03.2016
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Beim Kurfürstenbad steht diese Flamingofamilie. Bilder (5): pwim

Die Flamingos vor dem Kurfürstenbad, das Rehlein beim Krankenhaus, Seelöwen in der Dreifaltigkeitsschule: Wer aufmerksam durch Amberg läuft, dem könnten diese Kunstwerke schon öfter aufgefallen sein. Aber nur die Wenigsten wissen wohl, welch großer Künstler hier am Werk war.

Harry Christlieb, einer der bedeutendsten Tierbildhauer Deutschlands, verbrachte einen Teil seiner Lebenszeit in Amberg. Jahrelang studierte er Tiere im Berliner Zoo und bildete sie dann naturgetreu nach. Er galt als Tierfreund. Seine Werke zeugen von Einfühlungsvermögen und Beobachtungsgabe. Seine Plastiken stehen seither in Gärten, Parks und Museen in ganz Deutschland. Auch in Amberg sind noch fünf von ihm geschaffene Skulpturen erhalten. Und obwohl in den 50er und 60er Jahren immer wieder in der Amberger Presse über ihn berichtet wurde und sogar eine Straße im Sebastiansviertel nach ihm benannt ist, erlangte der gehörlose Harry Christlieb in der Region nie allzu große Bekanntheit.

Aus Liebe zum Tier


In den vergangenen Tagen hatte Björn Christlieb sein Quartier in Amberg aufgeschlagen - genauer gesagt im Stadtarchiv. Dort recherchierte der Historiker aus Welver-Borgeln in Westfalen über seinen entfernten Verwandten. Harry Christliebs Großvater war der Cousin von Björn Christliebs Urgroßvater. "Die Kunstgeschichte ist das eine und auch sehr interessant, aber ich möchte den Personen Alma und Harry näherkommen, mehr über sie und ihre Lebensumstände erfahren und so ihre Geschichte farbiger gestalten", erklärt Björn Christlieb sein Anliegen.

Vor 1945 arbeitete der Bildhauer Harry Christlieb sehr erfolgreich in Berlin, umgeben von anderen Künstlern und Mäzenen. Doch im Verlauf des Zweiten Weltkrieges verarmte Harry Christlieb und musste sich mit seiner Frau Alma dem allgemeinen Flüchtlings-Treck anschließen. In Amberg fand das Paar in den Baracken der Drahthammer-Siedlung Unterschlupf und lebte dort in elenden Verhältnissen. Harry war abgeschnitten von seinen alten Kontakten und Gönnern. Trotz dieser Widrigkeiten blieb er der Kunst treu. Deshalb können nun auch hier in Bayern seine Skulpturen bestaunt werden, zum Beispiel der Pinguin-Wandbrunnen in Erlangen und Reliefs in Regensburg und Nürnberg. Zu seinem 75. Geburtstag 1961 wurden in Amberg 60 seiner Werke ausgestellt. Hierzu war sogar der ehemalige Berliner Zoodirektor angereist.

Ahnenforschung in Amberg


Der Historiker Björn Christlieb setzt bei seinen Recherchen auf die Hilfe der Amberger. Denn: wie er bereits herausfinden konnte, lebte Harry von 1950 bis zu seinem Tode 1967 - also 17 Jahre - in Amberg. (Aufruf)

Harry ChristliebDie Eltern von Hermann, genannt Harry, Christlieb wanderten im 19. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Dort wurde Harry am 26. Mai 1886 in Cincinnati geboren. 1890 ging die Familie zurück nach Deutschland. Auf der Rückreise erkrankte der vierjährige Harry so schwer an Scharlach, dass er sein Gehör verlor.

In Deutschland besuchte er zunächst eine Gehörlosenschule, später machte er eine Lehre zum Stuckateur, absolvierte daraufhin die Kunstgewerbeschule in Hamburg und trat in die Münchner Kunstakademie ein, bis er sich schließlich in dem Berliner Künstlerviertel Kleinmachnow niederließ. Dort war er gut vernetzt und beteiligte sich an zahlreichen Ausstellungen. Spezialisiert hatte sich Harry Christlieb auf die Darstellung von Tieren. Sowohl große als auch kleine Figuren aus verschiedensten Materialien fertigte er an. Besonders viel Zeit verbrachte er im Berliner Zoo, um die dort lebenden Tiere zu studieren.

1950 kam er mit seiner ebenfalls gehörlosen Frau Alma nach Amberg. Hier lebte bereits Almas Tochter in den Baracken der Drahthammer-Siedlung. Sie nahm die beiden auf. Erst 1956 zogen der Künstler und seine Gattin in die Neubauten in der Reichstraße 12 um. Gleichzeitig bekam der Bildhauer in der Sulzbacher Straße ein ehemaliges Posthaus als Atelier zur Verfügung gestellt. Dieses Gebäude wurde nach seinem Tod 1967 von dem Künstler Manfred Raumberger erworben.

Beerdigt wurde Harry am Katharinenfriedhof. Seine Frau Alma lebte noch bis 1981 und wurde dann ebenfalls dort bestattet. Das Grab der beiden existiert heute jedoch nicht mehr. (pwim)


AufrufHistoriker Björn Christlieb braucht Hilfe. Falls jemand Auskünfte über Harry oder Alma Christlieb geben kann, freut sich der entfernte Verwandte über Hinweise. "Nützlich sind Schriftstücke, Fotografien, Bilder oder auch Werke von Harry", sagt Christlieb.

Möglicherweise hat jemand aus Amberg den Künstler oder seine Frau in den 50er- und 60er-Jahren persönlich kennengelernt oder Geschichten über das Paar gehört. Dann wäre der Westfale der richtige Ansprechpartner. Auch alte Fotos von der Drahthammer-Siedlung, dem Atelier im gelben Posthaus in der Sulzbacher Straße sind für seine Arbeit hilfreich. Genauso Geschichten oder Informationen über die damaligen Lebensumstände in den Baracken. Kontakt: Björn Christlieb, Handy: 0175/820 53 59, E-Mail: post@bjoernchristlieb.de
Ich möchte Alma und Harry näherkommen, mehr über sie und ihre Lebensumstände erfahren und so ihre Geschichte farbiger gestalten.Björn Christlieb, Historiker
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