Anna Franca Poddighe seit über zwei Jahren verschwunden
866 Tage der Ungewissheit

Diese Aufnahme von Anna Franca Poddighe entstand vor zirka sechs Jahren. Als sardische Flagge hat Piero DelDrò ihr Gesicht geschminkt. Der Stylist ist ein in Italien bekannter Make-up-Artist, bei dem schon Sänger Eros Ramazzotti in der Maske saß und der bereits Moderatorin Michelle Hunziker schminkte. In Platamona auf Sardinien hat die Familie Poddighe ihr Sommerhaus, DelDrò ist dort ihr Nachbar. Bild: privat
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
31.10.2014
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Sie will nach Hause. Zurück nach Sardinien, wo ihre Eltern und ihr Bruder leben. Und dennoch bleibt Daniela Poddighe (41) in Amberg. "Ich muss meine Schwester finden", sagt sie leise. Denn seit Juni 2012 fehlt von Anna Franca jede Spur.

Bundesweit sind knapp 7000 Menschen vermisst. Sie sind spurlos verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Sie heben kein Geld ab, sie tanken nicht, sie kaufen nicht ein. Sie reisen nicht aus und ebenso wenig wieder ein. Sie müssen nicht zum Arzt, sie geraten in keine Polizeikontrolle. Untergetaucht, Suizid, Unfall, Verbrechen: Angehörige leben mit offenen Fragen, auf die es keine Antwort gibt, vielleicht nie geben wird. Eine Ambergerin kennt diese quälende Ungewissheit. Am 15. Juni 2012 hat sie ihre Schwester Anna Franca das letzte Mal gesprochen.

Im Nebenzimmer einer Pizzeria erzählt die zierliche Frau von sich, vom Leben auf Sardinien, von der Familie, die in Sassari, der zweitgrößten Stadt der Insel, zwei Geschäfte hat. Seit zwölf Jahren ist sie in Deutschland. Ihre Schwester folgte ihr drei Jahre später. Daniela Poddighe lacht. "Zuhause, da war ich die kleine Schwester. Hier in Deutschland ist es umgekehrt, da bin ich so was wie die Große." Schließlich sei sie länger hier.

"Ich kenne meine Schwester, sie kennt mich. Das ist eine ganz besondere Beziehung." Wann immer sie von Anna Franca redet, dann nur in der Gegenwart, nie in der Vergangenheit. Dabei sind es über zwei Jahre her, dass sie sie zum letzten Mal gesehen hat. Im Mai 2012, am Tag der Kommunion ihrer jüngsten Tochter. "Kontakt hatten wir aber jeden Tag, entweder haben wir telefoniert oder uns über Facebook geschrieben", erzählt Daniela Poddighe. Sie schildert den Tag, an dem sie zum letzten Mal die Stimme ihrer Schwester hörte. Es war der 15. Juni 2012.

Zu Konzert in die Schweiz?

Daniela Poddighe rief ihre Schwester an, gegen 11 Uhr, als diese in der Arbeit gerade Pause machte. Die Frauen sprachen über den Besuch eines Freundes aus Italien. Daniela Poddighe bat Anna, ihn mit am Flughafen München abzuholen. Ihre Schwester wollte mit ihrem Lebensgefährten übers Wochenende zu einem Konzert in die Schweiz, habe aber versprochen, zur Ankunft des Freundes wieder da zu sein.

"Sie hat mich noch gefragt, ob ich zum Konzert mitkomme, aber Blues ist nichts für mich." Daniela Poddighe erinnert sich, dass sie vorgeschlagen habe, sich später in der Stadt zu treffen. Anna Franca habe abgelehnt - keine Zeit, sie müsse zur Bank, Geld holen und für die Schweiz packen. Einen Tag später, am Altstadtfest-Samstag, versuchte Daniela Poddighe die zwei Jahre ältere Anna zu erreichen. Vergeblich. Ihre Schwester ging an kein Handy, rief nicht zurück. "Wo ist sie?", wunderte sie sich.

Auch auf Facebook bleibt Anna von da an inaktiv - sehr ungewöhnlich, da sie über Internet viele Freundschaften pflegte, unter anderem mit Freunden von früher und Kollegen, die wie sie Archäologie studiert haben. Daniela Poddighe hat recherchiert: Der letzte Post datiert vom Samstag, 16. Juni, um 17 oder 18 Uhr. Anna kommentierte den Post einer Kollegin. Seitdem ist die Italienerin verschwunden, aus der realen Welt ebenso wie aus der virtuellen.

"Anna, wo bist du?"

Hinter Daniela Poddighe liegen 866 Tage der Ungewissheit und unendlich viele möglicherweise vor ihr. Mit dem Verschwinden ihrer Schwester hat sich ihr Leben um 360 Grad gedreht. Sie leidet seitdem an Klaustrophobie, geschlossene und dunkle Räume machen ihr Angst. "Da kriege ich keine Luft mehr", sagt sie und entschuldigt sich für etwas, für das man sich nicht entschuldigen muss: Tränen. Nur noch selten schaut sie sich Fotos von Anna an: "Der Schmerz ist zu groß."

Sie erzählt, wie sie eine Woche nach dem letzten Telefonat zur Wohnung ihrer Schwester und deren Lebensgefährten fuhr, das Auto sah und dachte, die beiden seien daheim. Sie klingelte, doch niemand öffnete. In ihr stieg ein beklemmendes Gefühl auf. "Mir war, als würde jemand am Fenster stehen, aber nicht wollen, dass ich ihn sehe." In der virtuellen Welt klopfen Freunde und Bekannte bei Anna Poddighes Profil an. "Anna, wo bist du?", wollen sie wissen. Eine Frage, die sich auch Daniela Poddighe stellt - und keine Antwort hat.

Die 40-Jährige wartete Annas ersten Arbeitstag nach dem Urlaub ab. Doch sie kehrte nicht in die Betriebskantine von Siemens zurück. Für Daniela Poddighe war der 2. Juli 2012 ein schrecklicher Tag. "Da wusste ich, ich habe meine Schwester verloren, sie kommt nicht zurück." Sie geht alle möglichen Szenarien durch, immer und immer wieder. Fuhr Anna in die Schweiz? Plante sie kurzfristig um? War sie am Sonntag, 17. Juni, auf dem Altstadtfest, wie ihr Freund erzählt hatte oder doch nicht? Alles endet an einem einzigen Punkt: "Egal, wo sie wäre, sie hätte angerufen." Daniela Poddighe glaubt, dass Anna Franca an jenem Freitag im Juni zur Bank gegangen war, entdeckt hatte, dass auf ihrem Konto Geld fehlte und deswegen ihren Freund zur Rede stellte. Sie glaubt, dass das der Schlüssel zum mysteriösen Verschwinden sein könnte. Die Italienerin erzählt wieder von ihrer Familie und wie unterschiedlich die drei Geschwister sind. Sie selbst gehe auf Leute zu, Anna brauche eine gewisse Zeit, werde nicht mit jedem gleich warm, sei geradlinig und sehr direkt. "Und unser Bruder ist die Mischung von uns beiden."

Sie schildert, wie sie und ihr damaliger Freund über 200 Plakate in der Stadt verteilten, um nach Anna zu suchen. Ein einziges existiere noch, in einem Geschäft am Eisberg. Alle anderen seien verschwunden - so wie Anna Franca Poddighe. "Ich sehe nur noch schwarz-weiß, nicht mehr die Farben", sagt die dreifache Mutter über ihr Leben seit Juni 2012. Manchmal wünscht sie sich, alles wäre nur ein schrecklicher Traum und Anna wäre nie verschwunden. In ihren Träumen redet sie mit ihrer Schwester. "Sie sagt mir, dass ich nicht weinen soll, ein anderes Mal hat sie mich in die Arme genommen." Aufzuwachen und in der Realität anzukommen, sei irre schwer.

Das erste Jahr extrem hart

Daniela Poddighe erzählt, dass vor allem das erste Jahr nach dem Verschwinden ihrer Schwester extrem hart war. "Ich war so fertig", gesteht sie und redet über Menschen mit falschem Mitgefühl oder mit extremer Neugier, spricht von einem Ehepaar, das gut mit Anna Franca und deren Lebensgefährten befreundet war. Dieses hatte auf Sardinien die Gastfreundschaft der Familie Poddighe genossen. Und hernach, nach dem Verschwinden, habe es nichts, aber auch gar nichts unternommen, um Anna Franca zu finden.

Die Italienerin ist froh, Menschen zu haben, mit denen sie über die Vermisste und das mysteriöse Verschwinden reden kann, die mit ihr Erinnerungen an Anna Franca teilen und heute noch nach ihr suchen. "Wir machen das für sie", sagt Daniela Poddighe. In Deutschland fehlt ihr vor allem ihre Familie. Sardinien ist weit weg, zuletzt war sie letztes Jahr im Sommer dort, für drei Wochen. Vieles am Verschwinden von Anna Franca Poddighe ist und bleibt mysteriös. Für ihre jüngere Schwester gibt es viele Ungereimtheiten. Zum Beispiel, was mit dem Auto ihrer Schwester passiert ist. Angeblich verkaufte es der Lebensgefährte an einen Unbekannten. Oder: Warum der Mann bei der Polizei angegeben hat, sie habe sich früher öfters eine Auszeit genommen. "Das stimmt nicht, es war nur einmal, nach einem Streit, den die beiden hatten. Da war sie bei mir, das wusste er auch."

An manchen Tagen, wenn ihre Sehnsucht zu groß wird, geht Daniela Poddighe in die Barbarastraße, wo ihre Schwester bis zum Juni 2012 gelebt hat. Sie stellt sich unter die Wohnung, die bis heute nicht wieder vermietet ist und an deren Klingelschild mit dem Namen Poddighe ein schwarzer Klebestreifen pappt. Da steht sie dann, wartet und wartet - in der illusorischen Hoffnung, ein Licht würde angehen, ein Fenster geöffnet, Anna würde ihren Kopf rausstrecken, winken und lachen. "Manchmal muss ich dort hingehen, ich kann nicht anders." In solchen Momenten fühlt sie sich ihr nahe, gesteht sie.

Seit dem Verschwinden gibt es viele harte Tage im Leben von Daniela Poddighe, Weihnachten sind die härtesten. Noch schlimmer sind ihre eigenen Geburtstage. Ihre Schwester habe ihr immer ein ganz besonderes Geschenk gemacht: eine Panna Cotta, das traditionelle puddingartige italienische Vanille-Dessert, in der eine Kerze steckte. Die Erinnerungen an Anna Franca sind bittersüß. Der Facebook-Account der Vermissten ist bis heute online. Daniela Poddighe führt ihn weiter - ein öffentliches Profil, als ein winziger Strohhalm, an den sie sich klammert. "Ich warte darauf, dass jemand was postet, wodurch ich einen Hinweis bekomme."

Es sind so viele Fragen, auf die sie eine Antwort haben möchte, eine Antwort bräuchte, eine Antwort verdient hätte. 1000 Situationen hat sie gedanklich durchgespielt, unendlich viele Möglichkeiten in Betracht gezogen, was passiert sein könnte. Energisch schüttelt die dunkelhaarige Italienerin den Kopf: Anna ist nicht freiwillig weggegangen. Das passe nicht zu ihr. "Sie hätte sich gemeldet, bei mir oder bei ihrer Tochter Andrea, bei unserer Familie - bei irgendjemanden hätte sie sich gemeldet, ganz bestimmt." So denkt auch der große Bruder, Antonello, der wie der Rest der Familie auf Sardinien lebt.

Heimweh nach Sardinien

Weder die Plakate noch soziale Netzwerke, weder ein Beitrag in "Aktenzeichen XY ungelöst" noch einer im italienischen Pendant "Chi l'ha visto" ergaben eine Spur. Nach 866 Tagen der Ungewissheit möchte Daniela Poddighe Gewissheit haben. Längst ziehen sie, ihr Bruder und Annas Tochter Andrea in Betracht, dass die Vermisste nicht mehr lebt. "Meine Mutter sagt, sie fühlt, dass Anna noch lebt. Sie glaubt, jemand hat sie eingesperrt und hält sie gefangen."

Tapfer kämpft Daniela Poddighe gegen die Tränen an. "Ich hoffe, sie musste nicht leiden bei dem, was ihr zugestoßen ist", sagt sie mit bebender Stimme. "Ich will sie finden, ich muss sie finden. Das bin ich ihr schuldig." Zu 90 Prozent glaubt sie, dass jemand aus Anna Francas allerengstem Umfeld etwas mit deren Verschwinden zu tun hat, zu zehn Prozent, dass es ein unbekannter Internet-Kontakt gewesen sein könnte. "Ja", sagt die 40-Jährige und zögert, auszusprechen, was sie befürchtet: "Ich denke, sie ist tot." Und dennoch hofft sie, dass ihre Schwester lebt - nach 866 Tagen ohne Lebenszeichen.
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