Auf den Spuren von Otto Lilienthal
Gleiter 19 bringt den Tod

Norman Bernschneider (hinten) mit "Checker Tobi" Tobias Krell. Der wollte für den Kinderkanal, auf dem seine Sendung läuft, mit einem Lilienthal-Gleiter, den Bernschneider gebaut hat, dessen Erstflug nachstellen. Abgehoben ist er aber nicht. Bild: hfz
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
08.05.2015
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Vielleicht war Otto Lilienthal nicht der erste Mensch, der geflogen ist. Doch mit ihm beginnt die Ära der Luftfahrt. Dass Lilienthal seine Leidenschaft 1896 mit dem Leben bezahlt hat, beschäftigt seit vielen Jahren einen Amberger: Norman Bernschneider.

Vom Haus der Bernschneiders in Schäflohe aus hat man einen wunderbaren Blick in die Ferne. Ganz deutlich ist Ammerthal zu sehen, am Horizont drehen sich die Windräder zwischen Wolfsfeld und Schwend. Man kann sich gut vorstellen, sich jetzt in den Wind fallen zu lassen, abzuheben und über die raue Oberpfälzer Landschaft zu gleiten.

Lilientahl stürzte und blieb liegen

So ähnlich mag es Otto Lilienthal gegangen sein, als er am 9. August 1896 zum letzten Mal auf dem Gollenberg im brandenburgischen Stölln stand, seinen Hängegleiter anhob, losrannte und sich zum zweiten Mal an diesem Tag in die Luft erhob. Es sollte ein besonders langer Flug werden, den er an diesem Sonntag zu absolvieren gedachte. Und doch wurde es sein letzter. Denn plötzlich riss die Strömung, Lilienthal stürzte aus etwa 15 Metern zu Boden und blieb liegen. "Jetzt wollen wir gleich wieder fliegen", sollen seine letzten Worte gegenüber seinem Assistenten gewesen sein, bevor er in die Bewusstlosigkeit fiel. Einen Tag später starb Otto Lilienthal in Berlin.

Ein seltsamer Gleiter

Norman Bernschneider kennt diese Geschichte in- und auswendig. Er hat das Leben Otto Lilienthals studiert, hat jeden seiner Flüge akribisch aufgezeichnet und ausgewertet. Hat vermerkt, wann sich Lilienthal mit welchem Fluggerät in die Lüfte erhoben hat, weiß natürlich, wie weit der Luftfahrtpionier jeweils gekommen ist. Und er baut seit Jahren die original Lilienthal-Gleiter nach (wir berichteten). "Aber irgend-etwas stimmt mit diesem letzten Flug nicht", sagt er immer wieder. Und was ist das für ein seltsamer Gleiter, der auf dem offiziellen Foto zu sehen ist, das die Polizei später im Hof der Lilienthal'schen Maschinenfabrik in Berlin aufgenommen hat?

Spurensuche


Norman Bernschneider hat sich auf Spurensuche begeben. Er hat Antworten gefunden und ist auf immer neue Fragen gestoßen. Was wollte Otto Lilienthal zum Beispiel in Stölln? "Der war da insgesamt vielleicht drei- oder viermal und nicht ständig, wie immer behauptet wird", so sagt er. Erst kurz vor dem tödlichen Sprung habe sich Lilienthal zudem in Berlin für 5000 Reichsmark einen eigenen Sprunghügel aufschütten lassen. Von dem aus habe er problemlos starten können, habe also keineswegs zum Gollenberg gemusst, um zu fliegen.

Video: Luftsprünge in der Oberpfalz



Doch Bernschneider ist fündig geworden. Offenbar, so hat er herausgefunden, wollte Lilienthal, der gegen gute PR eigentlich nichts einzuwenden hatte, bei seinen Flügen diesmal nicht gesehen werden. Der Absturzapparat, dem Bernschneider die Nummer 19 gegeben hat, war seiner Meinung nach eine völlige Neuentwicklung. "Der wurde auch nicht in Berlin sondern in einer Werkstatt in Stölln gebaut."

Sensation für Norman Bernschneider

Denn offenbar war das Fluggerät im Gegensatz zu den bisherigen Lilienthal-Gleitern mit einer Art Lenkung ausgestattet. Auskunft gibt ein kurz nach dem Absturz erschienener Bericht in einer alten Zeitschrift namens "Alte und neue Welt", die Bernschneider ausgegraben hat. Dort heißt es wörtlich: "Es handelte sich um die Prüfung einer Neuerung, die in einem beweglichen Horizontalschweif bestand." Für Norman Bernschneider eine Sensation: "Ich bin der Erste, der darauf gekommen ist", sagt er nicht ohne Stolz.

Polizeiliche Ermittlungen

Inzwischen hat er den Absturzapparat auf den Fotos, die für die polizeilichen Ermittlungen gemacht worden sind, wieder und wieder vermessen. "Der ist sehr klein", so sein Urteil. "Eventuell war es ein Sturmflügelapparat." Die Proportionen seien seltsam, der sogenannte Gestellkreis in der Mitte eigentlich viel zu groß. "Ich habe diesen Fehler bei meinem ersten Nachbau gemacht, weil ich mich verrechnet habe", erzählt Bernschneider. Doch Typ 19 flog, das steht fest. Der Autor des Artikels in "Alte und neue Welt" schreibt: "Der erste, sehr ausgedehnte Flug glückte. Er dauerte wie gewöhnlich zwölf bis fünfzehn Sekunden."

Besonders langer Flug

Der zweite Flug, das wusste der Autor ebenfalls, sollte dann besonders lang werden. Otto Lilienthal übergab aus diesem Grund seinem Assistenten die Kontrolluhr und flog wie gewohnt ab. "Bis zur halben Flugbahn ging alles gut, dann neigte sich der Apparat auf einmal vornüber und schoss aus etwa 15 Meter Höhe pfeilrecht zu Boden", schildert der Berichterstatter das Unglück selbst. Otto Lilienthal, so wissen wir heute, war in eine "Sonnenbö" geraten, eine thermische Ablösung, die die Strömung unter den Flügeln abreißen ließ. Wahrscheinlich war Lilienthal auch viel zu langsam, weil er so die Länge des Flugs noch einmal erhöhen wollte.

Das alles weiß Norman Bernschneider heute. Und träumt seit Jahren davon, das alles in einen Film über sein großes Idol zu bringen. Er braucht nur noch einen Regisseur.
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