Auftaktvortrag der 37. Erlanger Universitätstage in Amberg
Bücher sind bloße "Datenhaufen"

Prof. Dr. Rudolf Freiburg.
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
17.02.2016
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Ohne Druckmaschine ging Jahrhunderte lang nichts in der an Schrift gebundenen Massenkommunikation. Jetzt reicht ein handelsüblicher PC, selbst ein Smartphone genügt. Das verändert die Welt.

Es ist also schon passiert. Technisch gesehen. Die ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Folgen halten sich in Deutschland noch in Grenzen. Aufzuhalten sind sie aber nicht. Dieses Resümee kann aus dem Auftaktvortrag zu den 37. Erlanger Universitätstagen in Amberg gezogen werden. Sie tragen den Titel D@tenflut, und Prof. Dr. Svenja Hagenhoff setzte einen ersten inhaltlichen Akzent.

Das Wesen ändert sich


"Außer Kontrolle und auch noch außer Form - Zur Digitalisierung des Publikationswesens" war der Beitrag der Buchwissenschaftlerin überschrieben. Aus ihrem Blickwinkel hat sich die an Schrift gebundene Massenkommunikation (im Unterschied zur gesprochenen Sprache) ihrem Wesen nach bereits tiefgreifend verändert. Hagenhoff ging nicht auf die Folgen für die Inhalte und die damit verbundenen Auswirkungen ein, sondern legte ausschließlich dar, was die Digitalisierung in der Theorie der Kommunikation per Schriftstück, Buch oder Zeitung bedeutet. Buchstaben, Ziffern und Sonderzeichen sind demnach nichts anderes als ein Datensatz, und Publikationen in der logischen Folge "Datenhaufen". Das gilt gleichermaßen für bis ins Mittelalter übliche Handschriften und ab 1450 aufkommende Druckerzeugnisse. Der große Unterschied: Erstere sind handwerklich angefertigte und damit auch individuell geprägte Einzelstücke als Auftragsarbeiten. Der Druck ermöglicht hingegen eine serielle, weitgehend stückidentische Produktion auf Vorrat.

Differenziertes System


Hier kommt das Phänomen der breitgestreuten Massenkommunikation ins Spiel. Sie erfordert neben den nötigen technischen Fertigkeiten allerdings das enge Zusammenspiel eines entsprechend leistungsfähigen ökonomischen (Druckerei) und infrastrukturellen (Vertrieb) Systems. Das funktioniert in Deutschland noch ausgezeichnet, rekapitulierte Hagenhoff. Aktuell sind auf dem Buchsektor beispielsweise 1,5 Millionen Titel in der Regel binnen eines Tages verfügbar. Jährlich kommen 90 000 Neuerscheinungen hinzu, herausgegeben von 3000 Verlagen. 400 Millionen Bücher gingen 2014 über den Ladentisch.

Prozesse verschmelzen


Der E-Book-Anteil liegt aktuell gerade bei vier Prozent. In den USA sind es 25. Doch dort funktioniert wegen der Größe des Landes auch der Buchhandel nicht derart reibungslos wie in Deutschland. Das vermag nach der Auffassung der Buchwissenschaftlerin nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die digitale schriftgebundene Massenkommunikation bereits weit verbreitet existiert. Der große Unterschied zum auf Vorrat produzierten gedruckten Buch (das gilt ebenso für Zeitungen) ist jedoch, dass die technische Herstellung und Verbreitung dieser anfangs zitierten "Datenhaufen" per Tastendruck nun identische Vorgänge darstellen.

Da und nicht da


Die Vervielfältigung findet im Augenblick der Materialisierung der Nachricht als aufgerufener Text statt. Ebenso schnell verschwindet er wieder von der typografisch variablen Leseoberfläche eines PC-Bildschirms oder Smartphones, kann aber jederzeit wiederbelebt werden. Parallel verfügt jeder Nutzer über den Zugang zu dieser Form der Massenkommunikation. Das können Netzwerke, Communities oder Social-Media-Plattformen sein. Deren Leistungsfähigkeit bei der Streuung steht außer Zweifel. Der Input entzieht sich jedoch wegen der möglichen Anonymisierung einer inhaltlichen Prüfung, die bisher eine der Kernfunktionen des Verlagswesens war.

Big Data: Privat war früher

Amberg. (zm) Der Anglist Prof. Dr. Rudolf Freiburg hat sich für die 37. Universitätstage das Thema D@tenflut ausgedacht und betrachtet es mit skurrilem englischen Humor, was noch auf uns zukommen mag, sollte es nicht schon vor der Türe stehen. Den Smombie (Smartphone + Zombie) vor Augen, wunderte er sich nicht, welch fatale Folgen eine Buchbestellung bei einem Internet-Versandhandel haben kann.

Am Ende seiner Kausalkette von Verstrickungen im Cyber-Alltag wusste er, wie viele Fläschchen sündhaft teueren Veuve- Clicquot-Schampus' der Nachbar im Kühlschrank liegen hat, während er sich noch am schnöden Sixpack-Bier labte. Big Data hat zugeschlagen. Auch das nimmt Freiburg mit Humor, wenn er sich in die Zeit der kindlich-naiven Befürchtung versetzt sieht, ob der liebe Gott auch wirklich gesehen hat, was man den ganzen Tag über so angestellt hat.
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