Bach und Schubert auf dem Laptop
Thomas E. Bauer und Kit Armstrong erbauen und erschüttern im Stadttheater Amberg

Kit Armstrong verzichtet auf Noten bei der Klavierbegleitung von Thomas E. Bauer, einem ehemaligen Domspatz, im Stadttheater Amberg. Bild: Hartl
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
15.02.2016
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Der niederbayerische Bariton Thomas E. Bauer und der amerikanische Pianist Kit Armstrong erbauen und erschüttern im Stadttheater Amberg. Das klug zusammengestellte Programm kreist um das Thema Tod.

Ihr Recital beginnt geistlich-protestantisch als Kantatenkonzert mit Bachs BWV 82 und endet weltlich-irdisch mit Schuberts "Schwanengesang". Rund 100 Jahre liegen zwischen beiden Werken, die Musikästhetik hat sich seither radikal gewandelt. Bachs Arien stellen drei Affektbereiche dar: Klage (Ich habe genung), Ergebenheit und Seligkeit (Ich freue mich auf meinen Tod), die Erlösung von aller Not der Welt. Es wäre verfehlt, diese Affekte als persönliche Emotionen darzustellen. Hier darf der Sänger keine Larmoyanz, keine Weinerlichkeit, keinen opernhaften Freudentaumel vorführen. Nicht das "Ich" spricht, sondern die gläubige Seele der Christenmenschen.

Nicht nur "schön gesungen"


Der 45-jährige Thomas Bauer weiß um die Herausforderungen und Tücken von Bachs Arien und Rezitativen und beherrscht sie souverän. Sein Gesang ist suggestiv und von schier pastoral-bekehrender Überzeugungskraft. Er verzichtet auf jede theatralische Überzeichnung. Er vertraut auf die spirituelle Kraft von Bachs großartiger Musik und tritt hinter sie zurück. Dennoch wirkt sie niemals nur "schön gesungen", unverbindlich, distanziert-virtuos. Ein großes Kunststück, das ihm da gelingt, obwohl Bauer auf seine etwas angegriffene Stimme hinweist und mit den Kräften haushalten muss.

Der 23-jährige Kit Armstrong schleppt keine Noten mehr, er hat sie alle im Notebook. Bachs Orchestersatz hat er geschickt arrangiert, er fasst den komplexen Klavierpart wie mit Samthandschuhen an. Farben und Ausdruckskraft des Klaviers können sich allerdings nicht mit denen des "Neuen Orchesters Köln" (Christoph Spering) in Bauers superber CD-Einspielung messen. Armstrong rückt die Oberstimmen ins rechte Licht, den führenden Generalbass zu wenig. Die abgeklärte Würde von "Schlummert ein, ihr matten Augen" gerät beiden zum mystischen Höhepunkt der Kantate.

Notebook statt Noten


Dann wendet sich der Fokus zum "Ich", zu den Freuden und Leiden der Dichter Rellstab, Heine, J. G. Seidl und des Komponisten Franz Schubert. Nun lässt uns Bauer private Betroffenheit, Grimm (In der Ferne), Tragik (Der Atlas), Verzweiflung (erschütternd trostlos der Doppelgänger), Freude und Übermut spüren. Dispositionsbedingt dominieren die lyrischen über die dramatischen Register, wieder wirkt Thomas E. Bauers Gesang beredt und authentisch, gerade weil er auf jede billige Show oder Rührseligkeit verzichtet.

Kit Armstrong begleitet auch Schubert versiert, seine Pianissimokultur ist beachtlich. Es sprechen aber auch nicht alle Töne an, es werden Zugeständnisse an die Klarheit gemacht. Er versteht sich als dienender Begleiter, nur selten setzt er Impulse. Applaus für einen vielfältigen Gesangsabend, der seine Botschaften stilsicher über die Rampe brachte.

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Hinweis: Der Titel der Bach-Arie lautet wirklich "...genung".
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