Bilder aus der Reflexion des Daseins

Indem beide, Alexandra Hiltl wie Korbinian Huber, dem vordergründig Schönen misstrauen, schaffen sie aus der Reflexion ihres Daseins Bilder, die sich auch der Kategorie der Wahrheit verpflichtet fühlen. Bild: Geiger

Auch wenn die Frage eigentlich etwas Kleingeistiges hat, sie drängt sich auf: Was die Malerei der Alexandra Hiltl mit den Arbeiten des Holzbildhauers Korbinian Huber gemeinsam hat? Immerhin stellen die beiden fünf Wochen gemeinsam aus, in der Alten Feuerwache in Amberg.

Alexandra Hiltl lacht: "Bei mir wollen schon viele Leute wissen, ob das noch konkret ist, was ich da mache? Oder doch schon abstrakt? Mein Kollege Korbinian Huber dagegen wagt einen anderen Grenzgang: Bei ihm kippen die Figuren nicht ins Gegenstandlose - sondern sie taumeln oder stehen da in Posen, die etwas Unnatürliches und Unmögliches ausstrahlen."

Bei beiden also ist der Wille vorhanden, die bloße Natur zu überwältigen und ihr etwas hinzuzufügen, sei es ein Moment der Schönheit oder der Wahrheit. Wenn Korbinian Huber Schönheit hört, schüttelt er sofort den Kopf, denn sie ist für ihn eine leere Kategorie, eine unbestimmte Größe, die ohne Fundierung in der Wahrheit gar nicht vorstellbar wäre: "Ich bin sehr skeptisch, was Perfektion anbelangt, denn das Geschliffene und das Glatte, das ist doch gerade das Langweilige! Mich interessiert vielmehr das Zusammengestückelte, und das, was ich mir technisch erst erobern muss! Das Charmante einer Arbeit entsteht doch erst aus der Unstimmigkeit!"

Beulen und Risse

So dass die größte seiner Figuren, die nackte, lebensgroße Frauenstatue wettergegerbt daherkommt: Da sind Risse im Holz und Beulen und immer wieder auch Platten, die Verbindungen herstellen zwischen den Gliedmaßen. "Die Vorstellung, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sein soll, die ist für mich heute nicht mehr tragbar", sagt Korbinian Huber, der 1965 in Freising geboren wurde und nach einer Steinmetzlehre in jungen Jahren in Nürnberg bei Prof. Wilhelm Uhlig studierte: "Angesichts dessen, was unsere Spezies dem Planeten antut, stehen wir doch alle auf einem wackligen Brett." Genau diese Empfindung überträgt der heute in Duggendorf - nördlich von Regensburg - lebende Künstler in seine Skulpturen: Wir sehen Menschen- wie auch Tierkörper in extremer Haltung, offenbar alarmiert von dem, was in ihrer Umwelt passiert. Der prägnante Augenblick macht sich in einem überspannten Alarmismus bemerkbar, so, als wäre es nur noch eine Sekunde bis zum alles ändernden Glockenschlag.

Bei Alexandra Hiltl dagegen glaubt man ein größeres Einverständnis mit der Welt und auch Affirmation beobachten zu können. Die 1974 in Neumarkt geborene Künstlerin ist heute, nach Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München und Jahren der Erfahrung, wieder an jenem Punkt angelangt, der einst für die Schülerin Impuls war, mit dem Malen zu beginnen: Sie will den Augenblick, wie sie ihn erlebt, aufzeichnen, dokumentieren und ihm dann künstlerische Form verleihen.

Dies passiert beispielsweise in Gestalt von zarten Bildern, die wie Aquarelle anmuten und vom Farbenreichtum der Blumen inspiriert sind. Was man zunächst, bei oberflächlicher Betrachtung, als bloße florale Ornamentik abtun könnte, erweist sich bei genauer Inaugenscheinnahme als raffinierte und mehrschichtige Malerei. Und obendrein als eine Kunst, die, wie bei Korbinian Huber schon, vom Wasserzeichen des Vorbehalts gegenüber dem nur vordergründig Schönen getrübt ist. "Die Blume besteht für mich nicht nur aus der Blüte. Ihr Glanz ist nicht vorstellbar ohne die Zeichen der Vergänglichkeit, also etwa die Partien des Verwelkens."

Betrachter spiegelt sich

Und noch etwas macht die Malerei von Alexandra Hiltl so sympathisch und so wertvoll: Dass es für sie eine wichtige Erfahrung darstellt, wie sich der Betrachter in ihren Bildern spiegelt. "Oft sagen mir Menschen, die etwas von mir in der Wohnung hängen haben, dass bei veränderten Lichtverhältnissen unentdeckte Aspekte zu Tage getreten seien."

Dies wiederum liegt daran, dass sie ihre Farben aus selbst gefundenen Pigmenten mischt. Und so wird aus dem Ausstellungsmotto "Komm zu mir" tatsächlich ein synästhetischer Aufruf, der Bilder in Gang setzt, die aus der Reflexion des Daseins entstehen.
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