Christian Ude und Blechschaden im ACC
Weihnachten mal ganz heiter

Von diesem Blechschaden wollten die Zuhörer am Ende gerne noch mehr: Das Publikum hatte am musikalischen Seitensprung der Profis aus den Reihen der Münchner Philharmoniker mindestens so viel Spaß wie diese selbst. Bilder: Huber (2)
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
22.12.2015
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Wer hätte das gedacht: Christian Udes bekannt-typischer getragen-betonter Duktus passt perfekt zum Vortrag etwas anderer Weihnachtsgeschichten.

Drei Tage vor Heiligabend: Im ACC sitzen 13 Engel auf der Bühne. Davon einer, der mal Oberbürgermeister von München war. Das kann ja heiter werden! Wird es auch. Ist schließlich kein gewöhnliches Weihnachtskonzert, dieses Gastspiel von Blechschaden und Christian Ude.

Die Akteure zeigen Flagge. Nicht für Weihnachten. Sondern für den Fußball. Das ist in München ja so eine Sache. An einem Notenpult prangt die Fahne des FC Bayern. Von Udes Tisch hängt das Pendant der Sechzger. Doppelt so groß. Am Dirigentenpult werden die weiß-blauen Freistaat-Rauten dezent überdeckt vom weißen Andreaskreuz auf hellblauem Grund: Bob Ross (nicht der mit dem Pinsel), der hier den Takt angibt, ist Schotte. Und Fan der Spielvereinigung Unterhaching. Ohne Fahne.

Ein beschwingter Abend


Damit sind die Zugehörigkeiten geklärt. Und der Weg frei für einige Schottenwitze. Die serviert der Maestro gratis zwischendurch. Zuerst aber führt er Musiker und Publikum durch ein Winterwunderland. Schön, diese amerikanischen Weihnachtssongs. Gerade weil sie nicht so dramatisch sind wie das deutsche Liedgut. Also ein beschwingter Auftakt für einen swingenden Abend mit erstklassiger Musik, genial gegen den Strich gebürstet und eingerahmt von echten Münchner Geschichten, bei denen ein prominenter Anwalt und OB a.D. hintersinnig aus dem Nähkästchen plaudert - egal, ob es um den Immobilien-Wahnsinn in der Landeshauptstadt geht oder um seine schmerzhaften Erfahrungen als jugendlicher Musikschüler.

Dass einem das Ganze zwischendurch mal spanisch vorkommt, ist gewollt - und zwar nicht nur, weil der bayerische Fußball seinen Pep verliert. Das Programm ist auch ein musikalischer Parforceritt - ein fröhlich-frecher Trip quer durch die Genres und die Länder der Welt. Letzterer gipfelt in einer internationalen Hommage an den Tannenbaum, bei der sich die 13 Mann auf der Bühne kongenial die Bälle zuspielen: Zum Bläser-Tango berichtet Ude, dass die Tanne in Spanien fast nichts kann, außer nadeln, sich aber trotzdem breit macht - wohinter die Bevölkerung eine EU-Vorschrift vermutet.

Die Weihnachtspalme


In Brasilien sind weiße Weihnachten eher selten, den Südamerikanern geht es da nicht viel anders als den Oberpfälzern. Aber sie nehmen's nicht so tragisch, dekorieren einfach Palme und Mangobaum und lassen das Münchner Blech im ACC Samba tanzen. Rudolf, das rotnasige amerikanische Rentier, schaut musikalisch natürlich auch vorbei. Obwohl sich laut Ude "immer mehr Amis fragen, warum man nach der spektakulären Geburt in der Krippe nichts mehr von dem Kleinen gehört hat".

Bach minus Orgel


Die Musiker - allesamt Münchner Philharmoniker und Meister ihres Fachs - haben mindestens so viel Spaß an ihrem musikalischen Seitensprung mit Blechschaden wie ihre Zuhörer. Voller Respekt und doch ohne ihn vergreifen sich die Bläser dabei auch mal schnell an Schostakowitsch oder an Bachs berühmte Toccata (in der schottischen Version: "minus Orgel") und garnieren das Ganze mit einem Andachtsjodler und einem Abstecher aufs Oktoberfest. Vermutlich hätte Christian Ude, der Oberbürgermeister, der zum Kabarettisten wurde (oder war's umgekehrt?), dazu gerne ozapft. Ganz aus seiner Haut konnte er aber nicht, dirigierte zwischendurch gerne mal von hinten mit, gab mit der Triangel den Ton an (sogar zum richtigen Zeitpunkt) und hatte als Griechenland-Fan mit Bob Ross einen bemerkenswerten Sirtaki-Auftritt in einem Duett für drei Stöcke - einem Dirigentenstab und zwei Krücken.

Kein Wunder, dass danach das Publikum stehend applaudierte. Um dann bei der vierten und letzten Zugabe zu einem bewegten Haufen von Dorfleuten zu werden: Wie einst die Village People tanzte Amberg zum blechernen "YMCA" - natürlich mit der berühmten Party-Choreografie. Ein denkwürdiger Anblick bei einem Weihnachtskonzert. Wer's nicht gesehen hat, kann Christian Ude fragen, vielleicht rückt er seinen Film heraus: Er hat diese finale Publikums-Show mit seinem Handy aufgenommen.

Münchner Gschichten"Vier wahre Geschichten" aus München steuerte dessen OB a.D. Christian Ude zum Blechschaden-Programm bei. Ob sie's nun wirklich waren oder nicht - köstlich waren sie allesamt. Diese etwas anderen Weihnachtsgeschichten.

Wie beispielsweise die von Udes jugendlichen Erfahrungen als Orff-Musiker wider Willen. In der der Begriff des Luftgitarrenspiels eine ganz neue Bedeutung bekam. Und die erklärte, warum Ude heute lieber die Triangel schlägt, wenn er bei Blechschaden mitmusiziert.

Und die nebenbei zeigt, dass der damit bestens unterhaltene Zuhörer in jungen Jahren nicht der einzige war, der sich angesichts des Liedklassikers "Es ist ein Ros(s) entsprungen" fragte: "Was hatte dieser flüchtige Gaul eigentlich mit Weihnachten zu tun?" (eik)


ZitateWir sind als Blechschaden schon seit 30 Jahren unterwegs. Manche Kollegen zahlen Alimente in fünf Währungen.

Lieber ein Flügelhorn-Solo als ein Gildo-Horn-Solo.

Einer unserer Musiker stammt aus der Oberpfalz. Aus Hofdorf. Kennen Sie das? Dort gibt es täglich zwei Höhepunkte: Sonnen-auf- und -Untergang.

Unser Posaunist war Matrose bei der Schweizer Marine. Er konnte nicht schwimmen - aber in sieben Sprachen um Hilfe rufen.

Unser Schlagzeuger stammt aus Niederbayern. Da gab's kein Telefon. Also hat er trommeln gelernt.

Das Schwerste an der Triangel ist es, zu wissen, wann man aufstehen muss.

Ein Schottenwitz: Ein Drink zum Preis von zweien

Woran erkennt man bei einem Faschingskostüm, ob ein Pirat Österreicher ist? An den beiden Augenklappen.

Dirigent Bob Ross

Die Geschichte spielt dort, wo München am herzigsten ist - auf dem Immobilienmarkt.

Die Musiker sollten wegen unterlassener Ruhestörung entmietet werden.

Wer Weihnachten für das Schlimmste hält, hat noch nicht in die Abgründe des Muttertags geblickt.

Christian Ude
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