Dada-Ikone Hannah Höch hat keine guten Erinnerungen an Amberg
Gestrandet bei „Flügelwesen“

Auch ein bisschen "Flügelwesen": Die Dada-Künstlerin Hannah Höch vor ihrem Wohnwagen, der nicht wintertauglich war und sie deshalb Anfang Februar 1939 in Amberg ins Krankenhaus musste. Bild: Berlinische Galerie
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
06.05.2016
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Nicht von "Flügelwesen", aber von "Flügelhauben" spricht selbst der Orden der Barmherzigen Schwestern. 1964 wurde mit der Einführung eines neuen Habit die auffällige Kopfbedeckung zugunsten einer sehr schlichten Ausführung abgeschafft. Bild: Stadtarchiv/Foto: Max Paulus
 
Hannah Höch: Ohne Titel, Collage, 1930. Bild: dpa

Sie sollte so gar nicht in die Zeit passen. Als Kunstschaffende der Avantgarde bedurfte es ausgeklügelter Überlebensstrategien, um den Nationalsozialismus durchzustehen. Hannah Höch wählte die Stille.

Von Michael Zeißner

Bisher ist kaum bekannt, dass die Protagonistin des Dada im Frühjahr 1939 für eine Woche in Amberg gestrandet ist. Diese vorherige Kunstbegriffe sprengende, internationale Künstlerbewegung, der die stets sehr zurückhaltende Frau pauschalisierend für alle Ewigkeit zugeordnet wird, gründete sich vor 100 Jahren in dem Züricher Cabaret Voltaire. Das feiern die Feuilletons natürlich, und Hannah Höch (1889-1978) kommt wieder einmal zu Ehren. Wohlgemerkt, wieder einmal.

Der gesundheitsbedingte, etwa einwöchige Zwangsaufenthalt der damals 49-Jährigen in der Oberpfalz lässt sich eindeutig datieren. "Zustand elend. Fieber, Husten. Hinchen (Kosename für ihren Ehemann Dr. Kurt Heinz Matthies, Anm.d.Red.) hat mich heute morgen hier in Amberg ins Krankenhaus gebracht", notierte Hannah Höch in einem ihrer sie stets begleitenden kalendarischen Notizbücher am 31. Januar 1939. Die Künstlerin war schwer angeschlagen. Seit Jahren litt sie unter erheblichen Problemen mit der Schilddrüse. Akut waren die Widrigkeiten einer der "zahlreichen Dienst- und Fluchtreisen" (Cara Schweitzer, "Schrankenlose Freiheit für Hannah Höch") des Paars hinzugekommen.

Nicht wintertauglich


Für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich, zogen Hannah Höch und ihr um 21 Jahre jüngerer Ehemann mit einem Wohnwagen-Gespann durch das damalige Deutschland. Lange hatten sie ihren im Herbst zuvor erworbenen Berger "Karawane" - vom Volksmund als "Wanderniere" verspottet - noch nicht. Offenbar unterschätzten beide die Winterfestigkeit der mobilen Sperrholz-Konstruktion. "Habe furchtbaren Husten. Fühle mich sehr elend. Nachts sehr kalt. Ich immer unter der Decke ohne Luft", notierte die Künstlerin am Tag der Ankunft, 30. Januar 1939: "Amberg. Stehen bei einem Tankwart. Ich nicht aufgestanden." Minus 17 Grad soll es die Nächte zuvor gehabt haben, schreibt die Höch-Biografin Cara Schweitzer. Dass damals ein strenger Winter herrschte, legt auch ein kurzer Brief von Matthies an seine kranke Frau nahe. Er datiert auf "5. II. 39. 2230h": "Bin heil in Nürnberg seit etwa 1/2 8 Uhr. Sitze im Münchner HB u. habe tüchtig gefuttert. Strasse zwischen Sulzbach u. Herbruck stark vereist, sodass ich tatsächlich mit 30 paar 'Dingern' (wohl Geschwindigkeit, Anm.d.Red) fuhr", schrieb der Ehemann an seine Frau und wünscht ihr: "Werde recht gesund. Kuschle bald in Gedanken lieb mit Dir."

Es ist keineswegs ungewöhnlich, dass Matthies nicht die Genesung von Hannah Höch abwartete. Er arbeitete als Handelsvertreter unter anderem für Schweißelektroden, obwohl er ausgebildeter Konzertpianist war und ein unfreiwillig abgebrochenes Jurastudium hinter sich sowie als Ökonom promoviert hatte. Hinter diesen biografischen Brüchen steckt die Strafakte Matthies. Der Mann war mehrfach wegen Exhibitionismus' vorgeahndet.

Die Katastrophe


Deshalb dürfte er Bayern in nicht allzu guter Erinnerung gehabt haben. Ab Ende Oktober 1937 war der Handelsvertreter wegen des Verdachts von Rückfällen eines "gewohnheitsmäßigen Exhibitionisten" zur Fahndung ausgeschrieben, während er mit seiner damals mit ihm noch nicht verheirateten Lebensgefährtin beruflich Süddeutschland bereiste. Gesucht wurde auch nach dem Firmenwagen, einem Opel Super 6 mit dem Kennzeichen IA-26 1703. Wegen seiner Vorstrafen musste Matthies Meldeauflagen erfüllen, gegen die er - ein Bagatelldelikt - mehrfach verstoßen hatte.

Deswegen klickten eigentlich am 7. November 1937 in Nürnberg die Handschellen. Die Verhaftung zog die üblichen polizeiinternen Kreise, so dass bald Vorwürfe von Wiederholungstaten in München und Berlin auf dem Tisch lagen. Die Festnahme warf offenbar (nur fragmentarische, zerrissene und durchgestrichene Notizen) Hannah Höch erst einmal aus der Bahn. Sie stand jedoch zu ihrem deutlich jüngeren Lebenspartner, für den sich bald eine erneute einschlägige Verurteilung abzeichnete. Unweigerlich stand eine Freiheitsstrafe im Raum und - viel schlimmer noch - die gerichtlich angeordnete oder freiwillige "Entmannung". So kam es auch, wobei Matthies ausdrücklich sein Einverständnis erkläre, weil er sich davon offenbar eine mildere Haftstrafe erhoffte.

Diese Rechnung schien aufzugehen. Höchs Lebensgefährte wurde als "Sittlichkeitsverbrecher" zu einem Jahr Haft und der gerichtlich angeordneten Kastration verurteilt. Nach dem medizinischen Eingriff und neun Monaten im Gefängnis öffnete sich für den 28-Jährigen wieder die Zellentüre. Die Reststrafe von drei Monaten wurde zur Bewährung auf drei Jahre ausgesetzt. Matthies und Höch versuchten unverzüglich, in die Normalität ihrer Beziehung zurückzukehren. Im September 1938 heirateten sie (Scheidung 1944), und der Handelsvertreter wollte beruflich schnell wieder Fuß fassen.

Die neuen Zeiten


Das war nicht mehr einfach. Die Firma Schönthal, für die der Außendienst-Mitarbeiter vor der Haft hauptsächlich unterwegs war, hatte den Eigentümer gewechselt, um einer Zwangsarisierung zuvorzukommen. Das Paar Matthies/Höch und das jüdische Unternehmer-Ehepaar Schönthal waren sich vor dem Hintergrund gemeinsamer kunstsinniger Interessen auch privat verbunden. Womöglich ist diesem Umstand zu verdanken, dass der Handelsvertreter seinen früheren Dienstwagen nun erwerben konnte, um als Freiberufler auch für andere Firmen wieder auf Tour zu gehen. Ihren Steinway-Flügel schenkten offenbar die Schönthals, die Deutschland verließen, dem Konzertpianisten, der sich dieses Instrument nicht hätte leisten können.

Gute Geschäfte


Schon für den Wohnwagen waren 1700 Reichsmark Schulden gemacht worden. In diese Phase, das gemeinsame Leben wieder in die Spur zu bekommen, fiel der Amberger Zwangsstopp im Februar 1939. Die süddeutsche Rüstungsindustrie und deren Zulieferer versprachen für den Schweißelektroden-Verkäufer nicht nur gute Geschäfte, sie stellten sich auch besonders im Nürnberger Raum ein. An seine Frau schrieb Matthies am 6. Februar ins Krankenhaus. "Auftrag Strassenbahn hat übrigens endgültig geklappt. Wo ich morgen Abend hinfahre, kann ich noch nicht voraussagen. Bin wieder ziemlich müde durch die vielen Besuche bei Reichsbahn, Triumph, Strassenbahn, Dynamit, Arolie."

Warum das Paar Richtung Amberg aufgebrochen war, ist nicht geklärt. Denn es kam aus Nürnberg. Am 22. Januar hatte Höch noch notiert: "Voll von Kunst gefressen." Sie meinte damit ihren Besuch im Germanischen Nationalmuseum und der Lorenzkirche. Das gehörte zum Alltag der beiden. Matthies klapperte Kunden ab, und seine Frau Sehenswürdigkeiten oder Museen. "Schönste Winterlandschaft", notiert die 49-Jährige für die Fahrt nach Amberg und fügt hinzu: "Bin aber krank." Zwei Tage später brachte sie ihr Ehemann ins Marienspital, wie das Klinikum damals hieß.

Noch am Tag der Einlieferung notiert die geschwächte Frau: "Ruhe, Pflege, den ganzen Tag mühen sich 'Flügelwesen' um mich (katholische Schwestern). Inhalieren. Packung mit Schwitzen." Dass Hannah Höch die in St. Marien tätigen Barmherzigen Schwestern (Orden der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul) so wahrnimmt oder beschreibt, verwundert nicht. Ihr Schaffen (überwiegend Collagen, Puppen, Kostüme, Malerei und Grafik) hat viele Figuren hervorgebracht, die als "Flügelwesen" tituliert werden könnten oder Assoziationen in diese Richtung lenken.

Die Künstlerin hatte es im Marienspital gut erwischt. Sie lag mit nur noch einer Patientin in einem Zimmer. 2. Februar: "Blutproben abgenommen. Inhaliert. Schon was gegessen. Die Pflege empfinde ich als wunderbar." Hannah Höch nutzte "all die Tage 'Rousseaus Bekenntnisse'" (3. Februar) zu lesen , zumal der "Arzt will dass ich noch ein paar Tage hier bleibe" (4. Februar). Die ihrem Wesen nach sehr zurückhaltende Künstlerin störte aber auch einiges. "Hier fängt der Tag um 5 Uhr morgens an. Dann sausen die Schwestern wie verrückt um ja zum Gottesdienst 1/2 6 Uhr fertig zu sein" (4. Februar). Ihre "Zimmermitbewohnerin (...) Frau Geis aus Hirschau" sei zudem krankheitsbedingt sehr unruhig, "besonders Nachts. Ich schlafe also auch fast nicht" (6. Februar). Doch am Tag darauf ist sie "im Krankenhaus schon etwas herumspaziert, damit ich morgen weg kann".

Das war's dann


Zum Abschluss des stationären Aufenthaltes versuchte sich Hannah Höch - aus bayerischer Sicht eine waschechte Preußin - noch in Oberpfälzer Mundart: "die Schwester: 'Essens Ihna e Bredchen, göll.'" Gegen Abend wurde sie von ihrem Ehemann abgeholt, und beide hatten wohl von ihrem Wohnwagen die Nase voll und schliefen im "Hechten" in der Georgenstraße. Doch: "Heinz auch sehr erkältet" (8. Februar). Am nächsten Tag sind sie "gefahren bei wundervollem Winterwetter nach Ingolstadt". Amberg taucht später nicht mehr in den Alltagsnotizen von Hannah Höch auf, obwohl sie die Gegend später öfters streifte.
Essens Ihna e Bredchen, göll.'Hannah Höch versuchte sich in Oberpfälzisch
Den ganzen Tag mühen sich 'Flügelwesen' um michHannah Höch über die Barmherzigen Schwestern


Hannah HöchGerne - besonders jetzt zu 100 Jahre Dada - wird Hannah Höch (1889-1978) als die Grande Dame dieser Künstlerbewegung, die alle gängigen Muster damaliger Ästhetikbegriffe auf den Kopf stellte, beschrieben. Mit Blick auf das gesamte Schaffen dieser Frau trifft das nur bedingt zu.

Höchs Durchbruch als bildende Künstlerin ist allerdings eindeutig dieser avantgardistischen Bewegung zuzuordnen. Nicht nur wegen ihrer jahrelangen Liaison mit dem Dadasophen (so bezeichnete er sich selbst) Raoul Hausmann. Die auch akademisch ausgebildete Künstlerin stand mit nahezu allen namhaften deutschen Dadaisten in engem Kontakt, arbeitete zum Teil mit ihnen, pflegte aber auch die Nähe zu der holländischen De-Stijl-Gruppe oder den Futuristen.

Höchs Schaffen war in ausgedehnten Phasen mehr grafisch ausgerichtet, sie gilt als eine der führenden Protagonisten der Foto- und Papiercollage, später kamen Assemblagen hinzu. Sie experimentierte zudem mit Puppen sowie Kostümen und orientierte sich dabei an den bühnenbildnerischen Arbeiten von Wassili Kandinsky. Zum Broterwerb arbeitete sie zeitweise als fest angestellte Grafikerin für den Ullstein-Verlag. Ihr Privatleben war von etlichen Aufs und Abs geprägt. Ihre Beziehungen zu Hausmann, der niederländischen Schriftstellerin Til Brugmann und die Ehe mit Kurt Heinz (Karl Heinz) Matthies stehen exemplarisch dafür.

Danach führte Höch bis zu ihrem Tod ein zurückgezogenes Leben in ihrem 1939 erworbenen, bescheidenen Haus in Berlin-Heiligensee und wandte sich still als einer Art Gesamtkunstwerk ihrem Collage-Carten zu. (zm)
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