Das Ausmaß der Nase

Aus dunklem Carrara-Marmor hat die Münchener Bildhauerin Maria Rucker die Nase ihrer Hündin Chikka herausgeschält - und so nicht nur ein ideales Abbild des Realen geschaffen, sondern die Schnauze der mittlerweile verstorbenen Hündin in die Ewigkeit hinübergerettet. Bild: Geiger

Das Luftmuseum Amberg lässt sich vom Geist unserer Gegenwart beflügeln: Mit den "Atmenden Gegenständen" des Niederländers Ronald van der Meijs ebenso wie mit "Von der Nase zur Skulptur" der Münchenerin Maria Rucker, die bis 24. Januar zu sehen sind.

Was ist klein? Und was ist groß? Wir Menschen, die wir zoologisch betrachtet zur Familie der Trockennasenaffen gehören, wissen, dass schmalste Nüstern bereits ausreichen, unsere wesentlich voluminöseren Lungenflügel und damit einen Körper ein Leben lang zu belüften. Deshalb ist sie ein großes Organ, unsere Nase, auch wenn sie allenfalls vier, fünf Zentimeter misst, in ihren maximalen Ausmaßen.

Ästhetische Sättigungsbeilage

Im Luftmuseum ist es normalerweise so: Im Erdgeschoss, da findet das Hauptereignis statt. Und oben, in der eher engen, nur 26 Quadratmeter kleinen kurfürstlichen Kapelle, da findet sich dann noch für besonders Kunsthungrige die ästhetische Sättigungsbeilage. Diesmal aber ist alles anders. Und das liegt nicht daran, dass die Skulpturen des Niederländers Ronald van der Meijs eklatant schwach wären. Im Gegenteil: Sie sind grandios. Aber was die Bildhauerin Maria Rucker an steinernen Tiernasen zeigt - das ist schon von ganz außerordentlicher Qualität.

Ausweg aus kreativem Loch

Und auch die Geschichte, wie sich die Münchenerin mit Hilfe einer Hundeschnauze münchhausengleich aus einem kreativen Loch herausbeförderte, sie muss erzählt werden: In einer Denkpause kam ihre Mischlingshündin angerannt, um ihren Kopf auf den Schreibtisch zu legen. "Für gewöhnlich arbeite ich mit geometrischen Formen - aber ich hatte ein bisschen das Gefühl, dass ich in einer Sackgasse gelandet war.

Genau in dem Moment, als ich aber die Form von Chikkas Nase sah, da war mir klar: Das ist es! Weil hier, wenn man sie ganz isoliert betrachtet, Geometrie erweitert wird ums Organische! Und so begann ich, zunächst mal mit Gips, eine solche Nase zu modellieren." Die Idee nahm dann steinerne Formen an - und wuchs sich aus zu einer Serie von Arbeiten, von denen nunmehr zehn in Amberg zu sehen sind. So entstand ein kleiner Tiernasenpark, der neben Hunden auch Affen, eine Robbe, einen Tiger, ein Lama und einen Schneehasen zeigt. Das Wunderbare dabei ist, wie das Material - vor allem weißer und schwarzer Marmor - angesichts des Dargestellten an Härte ebenso zu verlieren scheint wie an Gewicht.

Und wie diese Körper ihre Konturen wahren, dabei aber in ihrer Anmutung der natürlichen Maserung wegen ins Ledrig-Feuchte mutieren. Maria Rucker poliert zwar hier und da das Fleckige weg, um an anderer Stelle markante Irritationen be- und entstehen zu lassen, durch Farbe wie durch Form. Denn die von der Natur selbst generierten Vorbilder, sie sind oft nur scheinbar symmetrisch - und weichen im Detail von der Perfektion ab. All das fängt Maria Rucker ein mit ihrer Kunst, und schafft so ein ideales Abbild des Realen.

Wie oben schon angedeutet: Die drei raumgreifenden Arbeiten des in Amsterdam lebenden Bildhauers Ronald van der Meijs, soeben mit dem renommierten "De Vishal Art Prize" ausgezeichnet, sie sind allesamt grandios. Das liegt auch daran, weil es so eigentümliche Apparate sind, die er da zeigt, mit sonderbaren Bezeichnungen wie "Play it one more time for me, La Ville Fumée". Dabei handelt es sich um eine traumhaft wolkige Hommage an die Stadt Eindhoven, die nicht nur den Elektronikkonzern Philips und den Autobauer DAF beherbergt - sondern lange Zeit auch Heimstatt der niederländischen Tabakindustrie war.

Gewicht des Rauchs

So sind es herunterbrennende handgerollte Zigarren, die dafür verantwortlich zeichnen, dass die mechanische Konstruktion (die ein bisschen an Vogelschnäbel erinnert) mithilfe von vier Flöten - Bass, Alt, Tenor und Sopran - ein wechselhaftes Lied anstimmt. Klingt komisch? Ja, ist es auch. Und ist zugleich höchst poetisch und von sirrender Zauberhaftigkeit. Es erinnert an jene Geschichte, die Paul Auster in "Smoke" erzählt, dass es möglich sei, das Gewicht des Rauchs einer Zigarre zu bestimmen. Ein Gang durchs Luftmuseum dagegen stößt uns mit der Nase drauf, wie sich Quantitäten auflösen, angesichts der Qualität, die hier gezeigt wird.
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