Der Mann mit den Hornhaut-Händen

Allein die Gästeliste bei der Vernissage zeigt, welchen Hochkaräter Luftmuseums-Leiter Wilhelm Koch (links) mit dem Stahlbildhauer Thomas Kühnapfel (zweiter von links) verpflichtet hat: Ambergs Bürgermeisterin Brigitte Netta war ebenso anwesend wie der Galerist des Künstlers, der Linzer Stefan Brunnhofer. Bild: Geiger

Schüttelt man Thomas Kühnapfel die Hand, ist sofort klar: Die Hornhaut an den Innenflächen hat sich der 49-jährige Stahlbildhauer hart erarbeitet. Um aber seine aufgeblasenen Metall-Skulpturen herstellen zu können, braucht er nicht nur handwerkliches Geschick, sondern obendrein eine mit Schweißgeräten und mit Druckluftflaschen bestückte Werkstatt.

Vor einigen Jahren war im Kulturfernsehen ein Interview mit Gerhard Richter zu sehen: Der Ausstellungskurator, der fürs Publikum vor der Kamera als Guide fungierte, war offensichtlich optimal vorbereitet und bemühte sich nach allen Regeln seiner Kunst, den teuersten Maler der Gegenwart durch Impulse und Fragen zum Sprechen zu bringen. Immerhin betrachtete man ja gemeinsam wesentliche Stücke des Richter'schen Oeuvres.

Der Gefragte aber erwies sich als standhaft störrisch, lächelte allenfalls süffisant, schüttelte dann den Kopf und brummte und summte das in sich hinein, was er eigentlich ins Mikro hätte sprechen sollen. Insofern ist Thomas Kühnapfel, geboren 1966 im niederrheinischen Rees, das genaue Gegenteil - und somit ein Glücksfall für jeden Journalisten. Egal, was man ihn fragt, er entwickelt zu dem darin Unterstellten sofort wortreich seinen Gegenstandspunkt und bietet so jede Menge Stoff und Inhalt.

Luftmatratzen und Polster

Zunächst sticht ins Auge die Dekorativität seiner Kunst und der Widerspruch zwischen optischer Anmutung und tatsächlicher Haptik. Denn seine schwarzen Riesen-Luftmatratzen, die da in Reih und Glied aufrecht stehen, seine pastell-bunten gestapelten Polster und die orangefarbenen Lebensrettungskissen, die in ein altes Fahrrad eingeklemmt sind - sie sind allesamt nicht das, wonach sie auf den ersten Blick aussehen. Sie sind weder dazu geeignet, sich von ihnen auf Meereswellen tragen zu lassen noch träumerisch in sie zu versinken - sie sind allesamt aus Metall und damit hart und abweisend.

Für Thomas Kühnapfel aber, der bei dem Briten Tony Cragg an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert hat (dort also, wo auch Gerhard Richter mehr als zwei Jahrzehnte als Professor lehrte), sind die Geschichten und die Assoziationen, die seine Objekte hervorrufen, nachrangig - ja, vielleicht sogar störendes Beiwerk. Jedenfalls lacht er laut auf, lässt man ihn teilhaben an den eigenen Betrachter-Fantasien, und wiegelt sofort ab: "Mich interessiert die Bildhauerei!" Oder mit anderen Worten: "Wie kann ich aus einer Idee mein Objekt formen?"

Denn eine Idee, tja, was ist das? Ein Bildhauer, der nur Ideen hätte, der stünde doch mit leeren Händen da. Für ihn dagegen, den Mann mit den Hornhaut-Händen, ist das Machen das Entscheidende. Und die Erfahrungen, die er dabei sammelt, auf die kommt's ihm an. Für seine Vorgehensweise - in verschweißte Metalltaschen bläst er, begleitet vom donnerhaften Getöse des sich dehnenden Materials, über Ventile Druckluft hinein und verformt auf diese Weise seinen Werkstoff - gibt es weder Vorläufer noch irgendwelche Rezeptbücher.

Über die Schulter schauen

Auf Youtube beispielsweise kann man ihm dabei über die Schulter schauen, wie er vor drei Jahren im Linzer Kunstverein auf die geschilderte Weise einen übermannshohen Metall-Kissenberg gestaltete und dabei fast wie ein Musiker, der an der Klaviatur sitzt, virtuos die Drucklufthebel bedient und so den Druck und die tonnenschweren Kräfte, die aufs Material wirken, austariert. Thomas Kühnapfel ist vernarrt in seine Materialien - weshalb er viele Varianten mittlerweile für seine Produktionsverfahren gefunden hat.

Deklinationen des Themas

Weiter hinten im Luftmuseum, da steht am Boden eine Skulptur mit spiegelnder Oberfläche, eine Edelstahlarbeit, die auch aufgeblasen ist, deren Formensprache aber nicht aus Knicken und Versteifungen besteht, sondern die unmittelbar am Lebendigen geschult zu sein scheint. Ist das ein Delfin-Kopf? Und dort, die Rückenpartie eines Pferdes? Das ist das Faszinierende an diesen Ausstellungen im Luftmuseum in Amberg: Dass es seinem Leiter Wilhelm Koch als Kurator jedes Mal aufs Neue gelingt, Künstler zu verpflichten, die das Luft-Thema durchdeklinieren. So dass den Besuchern immer wieder der Atem stockt.

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Die Ausstellung von Thomas Kühnapfel "sculpture - Amberg 2015" ist bis zum 25. Oktober im Luftmuseum Amberg (Eichenforstgäßchen 12) zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14-8 Uhr, Samstag/Sonntag/Feiertage 11-18 Uhr.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.luftmuseum.de
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