Die Kehrseite des Plakativen

So sehr Helmut Rösels Werk von apokalyptischen Ängsten getrieben ist, so sehr bleibt er in seinem ästhetischen Willen in der Kunst. Bild: Geiger

Helmut Rösel ist ein die Zeitläufe dokumentierender Maler. Er macht sich Sorgen um seinen Nachlass. Deswegen schenkt er dem Stadtmuseum Amberg seine 140 Arbeiten.

Helmut Rösel ist ein leiser Mensch. Unterhält man sich mit ihm, dem 1941 in Sulzbach-Rosenberg geborenen Maler und ehemaligen Kunsterzieher, so fallen die Antworten oft sparsam aus. Und trotzdem ist alles, was er in seinen kurzen, mit tiefer Stimme dahingehauchten Sätzen offenbart, gehaltvoll. Und verfügt über Substanz. Ist spürbar das Ergebnis langer Denkvorgänge. Der Großgewachsene mit der weißen Mähne ist einer, der sich nicht hetzen lässt.

Einer, der über einen langen Atem verfügt. Und der es nicht nur versteht, die Welt intensiv wahrzunehmen, sondern der die gewonnenen Eindrücke auch in großen Gedächtnisspeichern einzulagern weiß. Im Sommer, so bekennt er, da male er kaum. Da gehe er lieber ins Schwimmbad. Oder er verbringe seine Zeit mit Gartenarbeit. Aber manchmal, da sitze er auch nur da und betrachte die Natur in ihrer Pracht, den blauen Himmel, die Wolken und die Felder.

Und wenn dann der Sommer vorbei ist, dann beginne er zu malen in seinem Atelier. Dann nutze er die Herbst- und die Wintermonate, um seine Bild-Ideen zu Papier zu bringen - so lange, "bis ich mich abgearbeitet habe und dann wieder Flaute herrscht". Das Ergebnis aber, das sei das genaue Gegenteil von "Wald- und Wiesenbildern": Ihm komme es auf Hintergründigkeit an, auf die Kehrseite des Plakativen. Der Betrachter seiner Arbeiten soll sich mit dem, was er zu sehen bekommt, beschäftigen müssen.

Nukleare Apokalypse

Betrachtet man die 140 Arbeiten, die er jetzt dem Stadtmuseum Amberg in einer Feierstunde als Schenkung übergeben hat, der Reihe nach, so wird deutlich, dass eine Stimmung ihn stets ganz besonders zu seinem Oeuvre motiviert haben muss. Eine tief empfundene Angst nämlich und das Gefühl apokalyptischer Bedrohung, die von den Gefahren des Nuklearen ausgeht. Eine Serie über den Atombombenabwurf von Hiroshima erfährt ihre Fortsetzung in Bildern, die den GAU von "Tschernobyl" thematisieren.

Zum Denkmaler geadelt

Und wer Helmut Rösel kennt, weiß auch, dass er in den 1980er Jahren zu jenen Künstlern gehörte, die sich intensiv gegen die Pläne zum Bau einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf wandten. Vor zwei Jahren schon hat er diese Bilder dem Stadtmuseum vermacht - und man wünschte sich, Museumschefin Judith von Rauchbauer könnte diese Arbeiten gemeinsam mit den jetzt übergebenen tatsächlich bald einem interessierten Publikum zeigen. Würde doch so dem gegenwärtig so schrill geführten Energie-Diskurs, der von Begriffen wie Trassenführung oder Windradhöhe dominiert wird, eine vitale Ernsthaftigkeit gegenübergestellt, die offenbart, dass es weit mehr als ästhetische Empfindlichkeiten waren, die einst diese Frage in Bayern so anheizte.

Angst spielt für Helmut Rösel aber noch aus einem anderen Grund eine wichtige Rolle: Ganz bewusst habe er sich deshalb für eine Schenkung an die Stadt Amberg entschieden, um zu verhindern, dass das eigene malerische Werk irgendwann in Abfallcontainern landet. Solches kleingeistiges Banausentum habe er im konkreten Fall des Regensburger Malers Hans Geistreiter (zu Lebzeiten von seiner Heimatstadt immerhin mit dem Kulturpreis bedacht), nach dessen Tod im Jahr 1996 beobachten müssen - weshalb es ihm ein wichtiges Anliegen sei, seine Arbeiten im geschützten Raum des Stadtmuseums zu wissen.

Oberbürgermeister Michael Cerny, der Rösel in eine Reihe mit Michael Matthias Prechtl stellte und ihn zum "Denkmaler" adelte - und die Leitung des Stadtmuseums freilich sind zu loben für ihre Weitsicht: Sichert sie doch nicht nur das Werk eines die Zeitläufte dokumentierenden Malers, sondern auch das eines filigranen Handwerkers und Meisters, der in der Tradition der klassischen Moderne fußend Momente der politischen Geschichte der Bundesrepublik festgehalten hat.
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