Die Meerschweinchen-Invasion

Symbolbild: dpa

Die Lage des finanziell nicht auf Rosen gebetteten Tierfreundes war prekär. Seine Meerschweinchen vermehrten sich in Karnickel-Manier, auch Hamster und Katzen brauchten Unterkünfte samt Futter. Der immer größer werdende Zoo ließ den Mann zum Betrüger werden.

Dieser außergewöhnliche Fall sorgte dafür, dass Einzelrichterin Julia Taubmann bereits bei der Verlesung der langen Anklageschrift ein Lächeln nicht vermeiden konnte. Denn was die Juristin von Staatsanwalt Jan Prokoph vernahm, mussten sie und alle anderen Prozessbeteiligten sich irgendwie bildhaft vorstellen.

Da saß ein 37-Jähriger, der die Gesellschaft von Haustieren in seiner Wohnung mag. Drei Katzen, dazu Hamster und anfangs zwei Meerschweinchen. Letztere konnte der Amberger allerdings vom Geschlecht her nicht auseinanderhalten. "Ich habe sie zusammen gelassen", verriet er der Richterin. Mit der Folge, dass es explosionsartig Nachwuchs gab. Zum Schluss bevölkerten 18 Meerschweinchen den Heimtierzoo. Von Hamstern und Katzen ganz zu schweigen.

Auch Torwarthandschuhe

Hungern sollten die vierbeinigen Gesellen nicht. Auch Streu war vonnöten. Finanziell wurde die Geschichte zum Drahtseilakt für den 37-Jährigen. Also setzte er sich, klamm wie er nun einmal war, an den Computer und bestellte, was für das Wohl seiner Mitbewohner unabdingbar erschien. Futter traf ein, Pakete mit Einstreumaterial wurden geliefert. Auch einen Hasenstall schleppte der Postbote in die Wohnung.

Doch wozu brauchte der Mann, von Natur aus mit eher bescheidener Größe ausgestattet, zwei Paar Torwarthandschuhe? Auch diese Bestellung via Internet löste eine gewisse Erheiterung aus. Die Antwort des 37-Jährigen: "Ich spiele Fußball." Aha!? Doch egal wie: Die vom Auftraggeber mitgeteilten Kontonummern und Bankverbindungen waren in allen zwölf zur Debatte stehenden Betrugsfällen gefälscht.

Zur Begutachtung des Mannes saß Landgerichtsarzt Dr. Reiner Miedel im Gerichtssaal. Er attestierte dem 37-Jährigen zwar leichte geistige Defizite, hielt ihn aber für schuldfähig. Das führte zu einem Strafantrag von Staatsanwalt Jan Prokoph, der auf 21 Monate mit Bewährung wegen gewerbsmäßigen Betrugs lautete.

Da mochte Verteidiger Jörg Jendricke nicht mitmachen. "Gewerbsmäßig?", fragte er und fügte gleich auch noch eine entrüstet gestellte Frage hinzu: "Er musste sich um seinen Heimtierzoo kümmern. Was also blieb ihm in seiner schlechten finanziellen Lage übrig?"

Richterin: "Herz für Tiere"

Die von Jendricke verlangte Geldstrafe wurde dann zwar nicht verhängt. Der 37-Jährige bekam ein Jahr Haft zur Bewährung, hörte aber von Richterin Taubmann, dass er "ein Herz für Tiere" habe.

Von seinen Tieren will sich der Mann übrigens nicht trennen. Sie existieren bis heute. "Allerdings", so ließ er verlauten, "sind männliche und weibliche Meerschweinchen jetzt getrennt." Das freute auch seinen Betreuer.
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