Dr. Ilka Scheidgen zeichnet das Leben der Autorin Hilde Domin nach
Große Fragen fragen und große Antworten hören

Dr. Ilka Scheidgen wurde von den Musikern von "Gondwana Drift" wundervoll begleitet. Bild: mma

Hilde Domins Leben und ihr dichterisches Werk trug im Café Zentral ihre Biografin Dr. Ilka Scheidgen vor. Sensibel begleitet wurde sie dabei mit Eigenkompositionen des Duos "Gondwana Drift", alias Dr. Gerhard Legat auf der Dulcimer und der Nyckelharpa sowie Peter Zorn auf der Geige.

Anlass war das zehnte Todesjahr der jüdischen Dichterin Hilde Domin, die 2006 mit 96 Jahren als Frau Palm in Heidelberg starb. Ilka Scheidgen unterstrich Domins "Dennoch-Einstellung" zu ihrem Schicksal mit dem Zitat: "Nicht müde werden, sondern dem Wunder wie einem Vogel die Hand hinhalten." Hilde Domin habe ihren Gedichten sehr viel zugetraut, betonte die Lektorin.

Wichtigste Erfahrung der Kindheit von Hilde Domin sei es gewesen, dass sie nie lügen musste und auch dadurch im großbürgerlichen Elternhaus in Köln "die beste Ausrüstung" für ihr späteres "entwurzeltes Leben" bekommen habe. Beim Studium in Heidelberg verliebte sie sich auf der Stelle in ihren späteren Mann, Erwin Walter Palm. Beide flohen vor Hitler nach Italien. Den dortigen Promotionen der beiden folgte 1939 als nächste Station England und bald das Exil in der Dominikanischen Republik.

Im Wort unvertreibbar


Das dortige "Aufheben aller Freiwilligkeit", die "innere und äußere Heimatlosigkeit" "am Ende der Welt" trieb die Dichterin förmlich "in das Wort, wo sie unvertreibbar war". Mit ihrem "Schreiben gegen das Sterben" wollte Domin "die unlebbare Wirklichkeit in lebbare Wirklichkeit" verändern, erklärte Ilka Scheidgen.

Erst bei der Rückkehr nach Europa brachte sie ein Beamter auf ihren Künstlernamen Domin, als er lapidar meinte: "Ach, schreiben Sie einfach, woher Sie kommen." Zurück in Deutschland konnte sie kaum die Bilder der Leichenberge der in den Vernichtungslagern Getöteten verkraften, zu denen auch alle Verwandten ihres Mannes gehörten. Doch bewusst wollte sie "ohne Bitterkeit und Hass", "mit offenen Armen vertrauend auf alle anderen zugehen".

Immer wieder drehen sich Domins Texte um "Wunder und Gnade", um eine beständige "Anrufbarkeit" und den unerschütterlichen Glauben an eine Menschheit, für die Humanität und Zivilcourage nicht nur Worte sind. Auch wollte sie "nicht klagen, sondern Zeugnis ablegen" und es wagen, "die große Frage zu fragen und die große Antwort zu hören".

Eines von Hilde Domins wichtigsten Gedichten "Abel" verlange ein "aufstehen, damit es anders anfängt" auch bei "schwersten Wegen". Denn "der Hass darf nicht vermehrt werden, sondern das Vertrauen". Ihre Grabinschrift fasse wohl gut ihre Einstellung wieder: "Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug." Dieses "Leben im Unmöglichen", das davon wusste, dass "nur die Ewigkeit kein Exil kennt" und dort "die blühenden Bäume ihre Blüten nicht mehr in dem ewigen Morgen verlieren".

Ilka Scheidgens Vortrag war unprätentiös, sensibel, ruhig und gefasst. Mucksmäuschenstille Zuhörer waren ganz Ohr, auch in den sehr harmonischen musikalischen Intermezzi. Hans Bauer, der für die KEB und die EBW mit Präsenten dankte, zeigte sich begeistert von der "spirituellen, ja fast mystischen Weltmusik" und dankte der Lektorin für die Einblicke in ein reiches Leben.
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