Ellen Galle aus Amberg hilft Überlebenden und Opfern des Tsunamis auf Sri Lanka
Mit Not der Kinder Geld verdient

Adith war fünf Jahre alt, als ihm der Tsunami seine komplette Familie nahm. Die Männer, die ihm ein Dach über dem Kopf, Kleidung und Essen gaben, raubten seine Unschuld. Ähnlich erging es Ashani, Chandrika, Santeny und Ranuka. Auch sie landeten in der Prostitution. Doch zum Glück gibt es Ellen Galle aus Amberg.

Amberg. Die Welt blickt in diesen Tagen zehn Jahre zurück. Auf den 26. Dezember 2004, als ein Tsunami ungeahnter Dimensionen im Indischen Ozean über 230 000 Menschenleben auslöschte. Ellen Galle (Jahrgang 1940) wird diesen Tag nie vergessen. Die Ambergerin musste die Katastrophe nicht miterleben und hat auch keinen persönlichen Verlust zu beklagen, doch es vergeht kein Tag, an dem sie nicht an die Opfer und Überlebenden auf Sri Lanka denkt.

Wettbewerb der Deutschen Multiplen-Sklerose-Gesellschaft

Ellen Galle, die an der unheilbaren Krankheit Multiple Sklerose leidet und auf den Rollstuhl angewiesen ist, entdeckte das ehemalige Ceylon 1989 für sich. Die Ambergerin nahm damals an einem Wettbewerb der Deutschen Multiplen-Sklerose-Gesellschaft teil, die einen Preis für die meisten Mitgliederwerbungen ausgeschrieben hatte. Ellen Galle gewann und durfte sich über einen Urlaub im Wert von umgerechnet rund 1500 Euro freuen. Eine Zielvorgabe gab es nicht und so entschied sich die damals bereits allein lebende Frau, nach Sri Lanka zu reisen.

Hilfe vom Rollstuhl aus

Ellen Galle fand ein Hotel vor, das alles andere als behindertengerecht gebaut war. Doch das Personal erwies sich als freundlich und zuvorkommend: "Sie haben mir Rampen gebaut und Bretter hingelegt, dass ich mit meinem Rollstuhl bis zum Ozean gekommen bin." Die Multiple-Sklerose-Patientin wurde sogar ins Meer getragen, damit sie dort schwimmen konnte und auch im Dschungel wurde ihr geholfen, um einmal Elefanten in freier Wildbahn beobachten zu können: "Ich habe dort so viel menschliche Zuneigung erfahren, wie es in Deutschland nur selten der Fall ist." So war es wenig verwunderlich, dass sich Galle auf Anhieb in Land und Leute verliebte.

Klinikaufenthalt über Weihnachten

Diese wohltuenden Gefühle im Bauch und die dazu passenden Bilder immer vor ihrem geistigen Auge, buchte die Ambergerin für 12. Januar 2005 ihren 17. Flug auf die ehemalige britische Kolonie. Doch zuvor war noch über Weihnachten ein Klinikaufenthalt erforderlich. Die Krankheit hatte sich wieder einmal massiv bemerkbar gemacht und den Gesundheitszustand der Rentnerin derart verschlechtert, dass sie in eine Spezialklinik musste. Dort lief am 26. Dezember der Fernseher. Was in den Nachrichten zu sehen war, wollte die damals 64-Jährige zunächst nicht wahrhaben. Mosterwellen biblischen Ausmaßes vernichteten ganze Regionen - auch auf Sri Lanka.

Wasser 2,30 Meter hoch

"Ich war natürlich geschockt und habe sofort versucht, Verbindung aufzunehmen", erinnert sich die Ambergerin, die ihre Freunde und Bekannten nicht erreichen konnte, weder am Handy noch am Festnetz: "Keine Chance. Ich habe es rund um die Uhr probiert." Erst am dritten Tag nach der Katastrophe konnte sie mit Tissa, guter Freund und mittlerweile stellvertretender Hoteldirektor, sprechen. In Galles Unterkunft stand das Wasser 2,30 Meter hoch, das Umfeld war verwüstet und das Schlimmste: Fischer, die das Hotel üblicherweise beliefern, hatten sich auf dem Meer befunden, als der Tsunami kam.

Wie viele Menschen aus der ihr bekannten Region starben, weiß Ellen Galle nicht. Sie wird aber nie vergessen, dass sie noch vom Krankenbett aus versuchte, Hilfe zu organisieren. Sie bat im Kreis der Familie, von Freunden und Bekannten um Spenden. 8000 Euro kamen so zusammen. Krankheit hin oder her. Bereits am 6. März saß die Ambergerin im Flieger und blieb für sechs Wochen.

Spendengelder für die Sonntagsschule

Schon fünf Kilometer hinter der verschont gebliebenen Hauptstadt Colombo waren die Ausmaße der Katastrophe deutlich zu sehen: Zerstörung, Not und Elend wohin das Auge reichte. Vor Ort musste die Ambergerin feststellen, dass von den weltweit gesammelten Spenden nicht viel zu sehen war: "Das große Geld ist ausgeblieben. Was angekommen ist, ist teilweise in Kanälen verschwunden, die mit dem Tsunami nichts zu tun haben. Die fragen sich teilweise heute noch, wo das Geld hin ist." Aber Ellen Galle hatte ja ihre 8000 Euro dabei, von denen sie einen Teil für eine Sonntagsschule ausgab. Da der 26. Dezember 2004 ein Sonntag war, hatten sich die Mädchen und Buben dort aufgehalten. Dann kamen die monströsen Wassermassen. "Man hat die Kinder später einen Kilometer weiter im Dschungel gefunden", trauert Ellen Galle noch heute. Damals kaufte sie vor allem Backsteine, um beim Wiederaufbau helfen zu können. Gerne hätte sie einigen Fischern auch neue Boote geschenkt, doch der Markt war leer. Viele Familien standen vor dem Nichts.

Aus Prostitution geholt

Ellen Galle konnte nicht allen helfen, aber sie versuchte es. Viel Zeit und Geld investierte die Rollstuhlfahrerin auch in den Jahren danach in das Rainbow Centre. Dort werden Waisen versorgt, die zuvor teils auf der Straße lebten. Wer durch den Tsunami seine Eltern verloren, aber dennoch ein Dach über dem Kopf hatte, befand sich meist in der Gewalt von Zuhältern, die mit der Not der Kinder Geld verdienten. Die Rentnerin wollte das nicht hinnehmen, suchte und fand Wege, die Kinder in Sicherheit zu bringen. Zum Beispiel Adith, der im zarten Alter von fünf Jahren in die Prostitution gezwungen worden war.

250 Patenschaften wurden vermittelt

Ashani, Chandrika, Santeny und Ranuka gehören zu den mittlerweile Erwachsenen, denen die Ambergerin ein Leben in der Gosse ersparte. Besonders stolz ist sie auf Meenu. Die 21-Jährige hat ihren Abschluss und arbeitet jetzt als Juristin: "Weil wir ihr geholfen haben." Wir, das sind neben Ellen Galle auch alle Unterstützer. Etwa 250 Patenschaften hat die Rentnerin in Deutschland, Österreich und Südtirol vermittelt. 60 Euro kostet das Schulgeld im Jahr. Schon in einem Monat wird Ellen Galle wieder auf Sri Lanka sein und nach den Pattenkindern schauen. Mit dann 75 Jahren: "Ich habe schon das Ticket."
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