Erich Kästner fesselt noch immer

Ulrich Gebauer (rechts) und Ralf Schink bringen dem Publikum im Amberger Stadttheater mit ihrem Programm "Herzleidlos" Erich Kästner näher. Bild: Petra Hartl

Es ist keine leichte Kost, die Ulrich Gebauer und Ralf Schink in ihrem Programm "Herzleidlos" im Stadttheater Amberg servieren. Aber Erich Kästner, dem diese Hommage gilt, war ja zu Lebzeiten (1899-1974) auch kein bequemer Autor.

Satirisch, zeitkritisch, mit einem ausgeprägten Sensus für die Menschen auf der Schattenseite des Lebens, schrieb Erich Kästner seine Gedichte, Glossen, Reportagen. Gebauer und Schink bringen in ihrer literarischen Reise Kästners Vermächtnis nahe und können oftmals darlegen, dass seine Gedichte bis heute nichts an Brisanz und Aktualität verloren haben.

Dabei soll die musikalische Untermalung durch Ralf Schink an Flügel und Lichtharfe die Aussagen der Texte zusätzlich plastisch machen. Doch Kästners Texte leben von der Sprache, von der Artikulation des Rezitators, sie brauchen das konzentrierte Zuhören, um das Publikum zu berühren. Hier tut der brillante Pianist mit den eigens zu diesen Gedichten geschaffenen Kompositionen oft etwas zu viel des Guten, besonders im ersten Teil. Da ist der Flügel häufig zu dominant, da gehen die Feinheiten des Textes verloren, vor allem dann, wenn Ulrich Gebauer die leisen Töne anschlägt.

Gelebte Gedichte

Denn Gebauer spricht nicht die Gedichte, er lebt sie mit Gesten, Mimik und schauspielerischer Beweglichkeit, vor allem aber mit der Flexibilität seiner Sprache. Die Nuancen reichen von schrillem Entsetzen über leise, lyrische Momente bis zu augenzwinkerndem, humorvollem Rezitieren dort, wo Kästner es "erdacht" hatte. Es ist sein Abend, diese Reise durch Kästners Werk.

Es braucht im Stadttheater fast keine Kulisse dazu: eine alte Straßenlaterne, ein Absperrgitter mit allerlei Utensilien dahinter, ein dunkler Hintergrund, in dem die Umrisse einer Hochhauslandschaft zu sehen sind. Mehr ist nicht nötig. Sowohl im Sprechgesang mit Ralf Schink am Flügel, aber besonders eindringlich dann, wenn er ohne Musik spricht, vermag er zu fesseln, zu berühren, gelegentlich auch zu erheitern. Den bekannten "Klassefrauen" verleiht er bösen Sarkasmus. Bei "Ankündigung einer Chansonette" beeindruckt er mit lyrischen Nuancen und bei "Monolog mit verteilten Rollen", hier ohne Klavierbegleitung, ist sein Vortrag besonders eindringlich, zwingend. "Modernes Märchen" im Sprechgesang mit dezentem Klavier, das ist beklemmend in Rezitation, in Gestik und Mimik. Intensiv, unter die Haut gehend wird jedes Gedicht von ihm vorgelebt.

Nach der Pause verblüfft Schink an seiner selbst gebauten Laserharfe, mit der er seine Vision, Musik und Licht zusammenzuführen, realisieren kann. Sie besteht aus acht in den Himmel ragenden Laserstrahlen, die er mit Unterstützung eines Synthesizers durch Berühren mit den Händen zum Klingen bringt. Das gibt dem Vortrag Gebauers noch zusätzliche Impulse. Überhaupt erscheint der zweite Teil zwischen Sprache und Musik besser abgestimmt. Doch immer ist Ulrich Gebauer am stärksten, wenn er "solo" rezitiert. Die "Hummermarseillaise" beispielsweise mit dem Text "das Leben ist doch nur zum Sterben da" - eine großartige Präsentation. "Maskenball im Hochgebirge" als Sprechgesang ist in der Schilderung der "Rache der Natur" bestechend, "Weihnachtslied - chemisch gereinigt" eine makabre Story über den Zynismus der Reichen.

Soziale Schieflage

Stets zeigt die gespannte Aufmerksamkeit des Publikums, wie unmittelbar die Texte "über die Rampe" kommen. "Der Herbst beschert uns den Verfall der Dinge und jedes Mal auch den Verfall der Welt" - plastisch, mit exzellenter Textverständlichkeit die "Elegie nach allen Seiten" und zum Schluss, beklemmend in der gesprochenen Hoffnungslosigkeit, "Wunder werden nicht wahr, wer nichts sieht, ist unsichtbar" in "Der Blinde". Es ist der Kästner mit dem kritischen Blick auf die soziale Schieflage, der hier so eindringlich dargestellt wird, und der wohl gerade deshalb so fesselnd gerät.
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