Erwin Pelzig im ACC
Politisch, witzig, gut

Pelzig hält sich, unterhält sich oder stellt sich. Aber vor allem wundert er sich über die dominierende Ungerechtigkeit und eine Politik, die es offenbar aufgegeben hat, daran etwas ändern zu wollen. Bild: Huber

Pelzig stellt sich - und wie er sich stellt! Gedankenschnell und zielsicher lotst er sein Publikum durch alles, was nicht niet- und nagelfest ist in Politik und Gesellschaft. Kabarettist Frank-Markus Barwasser lässt seine Kunstfigur eine lange "Ich-möchte-wissen-Litanei" herunterbeten. Denn er sucht Antworten auf Fragen.

Von Marielouise Scharf

"Was ist Lüge, was ist Wahrheit, was ist verlogen?", will er wissen. Dabei sind ihm Zweifler näher als Besserwisser. "Glaube denen, die die Wahrheit suchen und zweifle an denen, die sie gefunden haben." Der Satz passt zu Erwin Pelzig, obwohl er dem französischen Schriftsteller André Gide zugeschrieben wird.

Hartmut und Dr. Göbel


Wie immer macht der Franke eine "dodal unmodische" Figur mit seinem geknautschten Hütli, dem rotkarierten Hemd und dem Herrenhanddäschle, das am rechten Handgelenk festgetackert ist. In der Mitte der Tisch mit den Getränken für seine Kumpane: Weizen für Hartmut, Rotwein für Dr. Göbel und Antialkoholisches für Pelzig. Rechts der Nachdenke-Stuhl, auf den sich Pelzig dann und wann zurückzieht, um Karl "Bobber", Jean-Claude Juncker ("Wenn es ernst ist muss man lügen!") oder Erich Fromm ("Eine gesunde Wirtschaft braucht kranke Menschen") zu zitieren und über Gott und die Welt und die "kognitive Dissonanz" zu reflektieren. Links eine Lostrommel. Die rührt er mehrmals an diesem Abend, um im Zufallsprinzip einen Landwirtschaftsminister zu finden. Gekürt wird Sandra aus Kötzersricht. Sie sitzt mitten im Saal und Pelzig überreicht ihr zwar keine Urkunde, erstattet aber das Eintrittsgeld zurück. Was ihr nach zweistündiger Amtszeit das Genick brechen werde, weil Spiegel online Wind davon bekomme und sie wegen Bestechlichkeit anprangere...

Pelzig nützt seine Redezeit, macht sich seine Gedanken zur "dodal diregden Demogradie", philosophiert über den "Traum einer europäischen Union" und findet, Europa sei eigentlich nur ein Euro-Rettungs-Zweckverband. Rendite- und Glaubensversprechungen koppelt er zusammen in dem Satz: "Ökonomie ist wie Religion, die Erwartungen sind wichtiger als das Ergebnis!" und die Profilsuche der Parteien bringt ihn zu Äußerungen wie "Die SPD wünscht sich Charakter" und die "Union ist ein Kanzlerwahlverein auf Profilsuche"! Sein Rat: "Neue Wege wagen und nicht alte Wege wägen!" Angst schade dabei durchaus nicht, denn: "Nur wer die Hosen voll hat, sucht den frischen Wind." Zur Macht der Wirtschaft vertritt er seine eigene Auffassung: "Ich glaube zum Beispiel nicht, dass die Autoindustrie an den Gesetzen mitschreibt. - Nein, die liefern die bereits fix und fertig."

Flapsig und mit Tempo


Unvergleichlich seine Assoziationen, großartig die Stammtischrunden mit dem dröhnend schwatzhaften Prolo Hartmut und dem phrasendreschenden Öko-Feingeist Doktor Göbel. Pelzig pfeffert sein anspruchsvolles Programm mit Tempo und Witz, mit ernsten Gedanken und flapsigen Kommentaren. Es gibt kaum ein Thema, bei dem er nicht bohrt oder nachhakt - auch bei sich selbst.

Ja, der gelernte Journalist Frank-Markus Barwasser gibt sogar Persönliches preis. "Ich bin der unneidischste Mensch!", behauptet er. Ungläubiges Lachen im Publikum. Daraufhin tritt er den Beweis an: "Ich bin heute eine halbe Stunde durch Amberg gelaufen - ich beneid' euch net!" Das Publikum lässt sich nicht provozieren. Ganz im Gegenteil, Erwin Pelzig wird nach etlichen Zugaben noch mit riesigem Applaus überhäuft.
Ich bin heute eine halbe Stunde durch Amberg gelaufen - ich beneid' euch net!Erwin Pelzig
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