"Es geht um sie, es geht ums Publikum!"

"Rausgeschmissenes Geld seid ihr!" kreischt die Lehrerin ihren Schülern in der Brennpunktschule in Berlin zu. Oft blieb den Zuschauern das Lachen im Hals stecken bei den aufwühlenden Szenen des Kammerspiels "Verrücktes Blut", das zwischen authentischem Migranten-Slang und klassischer Schillersprache alle gängigen Klischees der Integrationsdebatte bediente und zu intensiven Diskussionen über das Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft anregte. Das Theaterstück war am Donnerstag im Amberger Stadtthe

Ein wilder Schülerhaufen, ein schalldichter Raum und Schillers Räuber? Das sind nur einige der Hauptzutaten, woraus Nurkan Erpulat und Jens Hillje das virtuos-witzige und vielfach ausgezeichnete Theaterstück "Verrücktes Blut" zimmerten.

Verrückt und verdreht geht es zu im Theater-Pingpong, wenn die Schüler sich im Migranten-Slang Gewaltparolen an den Kopf und Fragen und eindeutig-obszöne Gesten ins Publikum schleudern. "Es ist acht Uhr fünfundvierzig - wir können jetzt endlich zum Unterricht übergehen" spricht die brav bezopfte Lehrerin vor der herumgrölenden Gruppe mit deutlich hör- und sichtbarem Migrationshintergrund, die so überhaupt keine Lust auf Dichtung zeigt.

Die Terrorstrategie der Null-Bock-Schüler: Jeder gegen jeden, alle gegen einen, gemeinsam gegen Schiller und die etablierte Gesellschaft! Dann rutscht eine Pistole aus dem Rucksack eines Schülers. Sie ist geladen. Frau Kelich, die total genervte Lehrerin, greift zu. "Ihr haltet jetzt mal die Fresse!", zischt sie und drückt ab... Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, hat sie einem der Jungs ein Loch in die Hand geschossen. Einen anderen zwingt sie, das Wort "Vernunft" so oft nachzusprechen, bis er kapiert, dass es nicht mit m, sondern mit n geschrieben wird: "Wer soll glauben, dass ihr keine Affen seid, wenn ihr nicht mal das schöne deutsche Wort Vernunft aussprechen könnt?"

Bald darauf singen die bewaffnete Lehrkraft und ihre Geiseln gemeinsam und überaus innig das Volkslied. "Ich hab' mich ergeben / mit Herz und mit Hand / dir Land voll Lieb' und Leben / mein deutsches Vaterland."

Aberwitzige Brüche

Ein skurriles Spiel mit wilden Klischees und aberwitzigen Brüchen beginnt. Auf einmal deklamieren sie aufmerksam "Die Räuber" und "Kabale und Liebe". Bei Räuberhauptmann Karl Moor geht es um den Vater-Sohn-Konflikt, die Szene Amalias behandelt die Befreiung der selbstbewussten Frau, der Auftritt von Luise und Ferdinand den Ehrenmord. Das Gespräch über Schillers Abhandlung zur ästhetischen Erziehung wird zur Diskussion über Integration und Heimat, Ehrenmorde, Kopftücher, Gewalt, Selbstbestimmung und Moral - bis die Waffe in andere Hände gelangt ...

Einfühlsam gespielt

Regisseurin Tina Geissinger tritt am Donnerstag vor Beginn des Stücks an die Rampe des Stadttheaters. Sie warnt: Die ersten zehn Minuten müsse man sich anschnallen. Bei dem Stück gehe es nicht um Schüler, Lehrer oder Schule - "es geht um sie, es geht ums Publikum!" Und das Publikum ist von Anfang an fasziniert. Wenn die Darsteller vom gestotterten Schiller-Text zur einfühlsam gespielten und gesprochenen Szene finden, das ist schon berührend. Plötzlich wird aus übler "Kanaksprak" wohltönendes Hochdeutsch.

Die Sprechnuancen beherrscht das extrem spielfreudige Ensemble allemal perfekt, genauso wie es die unterschiedlichen Charaktere in all ihrer Vielfalt glänzend verkörpert: Taneshia Abt (Mariam), Sara-Hiruth Zewde (Latifa), Florian Lüdke (Musa), Jonathan Gyles (Bastian), Daniele Veterale (Hakim), Serkan Durmus (Ferit) und Sandro Stocker (Hasan). Im atmosphärisch kühl gestalteten Bühnenraum von Rolf Spahn setzten sie unvergessliche Akzente, wie auch und besonders Johanna Kollet als Lehrerin Sonia Kelich.

Erst graue Maus und biedere Lehrkraft verwandelt sie sich mehr und mehr zur gewaltbereiten Bildungs-Terroristin, die ihrem Frust mit geladener Waffe und wilden Wutausbrüchen Luft macht. Sie wird dabei ihren aggressiven Schülern auf fatale Weise immer ähnlicher, während diese verstanden haben, dass Aufklärung nicht Todesstrafe, sondern zweite Chance bedeutet.

Langer Applaus

Der Unterricht ist vorbei. Nur der kleine, von allen gemobbte Kurde Hasan, bleibt hocken. Schließlich greift auch er zur Pistole und zielt - ins Publikum. Nach diesem Schock gibt es ein romantisch-süßes Schlaflied als Friedensangebot und zum Schluss langen Applaus für diesen überragenden Theaterabend.
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