Fotograf Stephan Zirwes zeigt Aufnahmen aus der Luft im Luftmuseum
Blick von der Warte der Erhabenheit

Die Welt sieht anders aus, wenn man sie von oben betrachtet: Der Stuttgarter Fotograf Stephan Zirwes wird vom Hubschrauber aus zum Himmelsauge und lenkt so den Betrachterblick auf Muster und Strukturen, die beispielsweise die campierenden Gäste beim Southside-Festival 2013 im südbadischen Neuhausen ob Eck hinterließen. Das Individuelle löst sich auf in Pixel, die ihrerseits zu einem ebenso buntscheckigen wie formierten Bild unserer Gesellschaft verschmelzen. Bild: Zirwes

Höchst Poetisches im Luftmuseum in Amberg: Der Fotograf Stephan Zirwes bricht mit seinen Aufnahmen aus der Luft mit althergebrachten Sehgewohnheiten. Zugleich führt er uns ein Stück Gegenwart vor Augen.

Wer das Luftmuseum in Amberg besucht, weiß mittlerweile: Dieser Ort ist eine Wunderkammer. Denn mit dem Eintritt in diese Heimstätte der Poesie erfährt man immer wieder aufs Neue, wie biegsam sie doch ist, unsere wahrgenommene und für bare Münze gehaltene Realität. Und dass das, wovon wir felsenfest überzeugt waren und für gesicherte Erkenntnis hielten, im Nu, zwischen zwei Atemzügen gewissermaßen, entschweben kann, um sich in Luft aufzulösen.

Verantwortlich dafür ist Museumsdirektor Wilhelm Koch: Der Mittfünfziger kuratiert mit traumwandlerischer Sicherheit das jährlich drei-, viermal wechselnde Ausstellungsprogramm, konterkariert damit nebenbei und flugs - aufgrund der Zugewandtheit zur Gegenwartskunst - alles vermeintlich Museale und dekliniert so den Luft-Kunst-Zusammenhang aufs Vielgestaltigste durch.

Von oben

Der Stuttgarter Fotograf Stephan Zirwes schwebt tatsächlich in ganz anderen Dimensionen als unsereins. Denn sein Lieblingsort fürs Bildermachen ist die Luft. Das heißt: Er sucht, entweder als angegurteter Insasse eines Helikopters oder mit einer selbstgebauten Flugdrohne, die erhabene Position, den Ort über den Objekten, das Oben also, um aus der senkrechten Draufsicht draufzuhalten mit seiner Kamera. Beispielsweise auf Maisfelder.

Die Sensation ist der erste Eindruck des Betrachters. Glaubt man zunächst nämlich, einen Fußabstreifer zu sehen, so weiß man ein Aha-Erlebnis später, dass es sich stattdessen um ein Maisfeld handelt, betrachtet von oben. Und das, was man auf den ersten Blick für ein abstraktes Gemälde aus den Jahren der Klassischen Moderne hielt, ist in Wahrheit eine von Schlacke verunreinigte, großflächige Industriebrache von oben. Und so geht das weiter: Der Wasserschaden an der Hauswand? Ein Alpengletscher von oben. Das Innenleben eines Transistorradios? Ein Stahlwerk von oben. Die Schokostreusel auf der Oblate? Eine Büffelherde in der Wüste von oben. Das Ministeck-Spiel? Ein riesiger Autoparkplatz von oben.

Trotzdem ist dieses spielerische Moment nur ein Aspekt der Kunst des in Stuttgart lebenden Stephan Zirwes, der seine Dienste auch Fernsehsendern wie dem ZDF oder Arte zur Verfügung stellt. Bei den von ihm fotografierten Skilangläufern, da gibt es kein Vertun, ebenso wenig, wenn er die Campierende beim Southside-Festival von oben festhält. Aber die Bilder sind nicht nur "einfach schön", sie setzen auch Gedanken philosophischer Natur frei. Denn der Blick von oben, der hat auch etwas Göttliches.

"Eye in the Sky"

Und somit steht er auch für die menschliche Selbstermächtigung, die mit technischen Errungenschaften wie dem Motorflug einherging. Im faschistischen Italien wurde das Genre der futuristischen "Aeropittura", der Luftmalerei also, geboren. Das war keine feine Kunst, sondern ein Werkzeug militärischer Propaganda, das den Krieg ebenso feierte wie die Zerstörung des Althergebrachten.

Aber auch unsere Popkultur der Gegenwart atmet diesen Geist, sei es, dass mit U2 eine der erfolgreichsten Bands überhaupt den Namen jenes Lockheed-Höhenaufklärers trägt, der in den späten 50er Jahren die Sowjetunion ausspionierte. Oder dass das Alan Parsons Project die Allgegenwart von Kameras vor mehr als 30 Jahren schon mit dem Albumtitel "Eye in the Sky" auf die Vinyl-Agenda setzte.

Heute, da Drohnen in jedem Versandhaus für zweihundert Euro zu haben sind (und bald wohl auch von einem dieser Quadro- oder Hexacopter selbst ausgeliefert werden) und sie, wie uns gesagt wird, "unverzichtbarer Teil" der Militärstrategie auch der Bundeswehr sind, lohnt der Besuch dieser Ausstellung gleich doppelt. Weil er, oh Wunder, auch ein Nachdenken über unsere Gegenwart zur zwingenden Folge hat.

___

Die Fotoarbeiten von Stefan Zirwes sind noch bis 25. Januar 2015 im Luftmuseum (Eichenforstgäßchen 12, Amberg) zu sehen.

___

Weitere Informationen im Internet:

http://www.luftmuseum.de
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2014 (8193)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.