Gedenkkonzert für den Amberger Komponisten H. E. Erwin Walther im Stadttheater
Subversive Kraft der Musik

Auf der Leinwand über der Bühne des Amberger Stadttheaters prangt eine etwa sechs Quadratmeter große abstrakte Zeichnung - Striche, Punkte, Cluster. Scheinbar unzusammenhängend. Nichts Außergewöhnliches in der bildenden Kunst. Für H. E. Erwin Walther aber eine Methode seine Kompositionen zu visualisieren. Er selbst nannte das Audiogramme.

Genuss ist harte Arbeit

Frank Zappa soll einmal gesagt haben: "Über Musik zu reden ist wie zu Architektur zu tanzen". Was ist dann der Versuch, als ungeübter Hörer über einen Abend mit Stücken von H. E. Erwin Walther zu schreiben? Eines ist es auf jeden Fall: Maximal subjektiv.

Assoziationen zu Kerkelings "Hurz" oder zu der Museumsszene in "Ziemlich beste Freunde" tauchen unwillkürlich auf. Aber man muss sich die Frage stellen: Ist etwas erst Kunst, wenn ich es verstehe? Ist etwas nicht schön, nur weil ich es nicht so empfinden kann? Schönberg meint das Gegenteil: "Denn wenn es Kunst ist, ist sie nicht für alle, und wenn sie für alle ist, ist sie keine Kunst."

Der Genuss von Walther'scher Ästhetik ist wirklich harte Arbeit - die sich lohnt. Hilfreich ist der kommentierende Pianist Frank Gutschmidt. So gerät für den Laien der Zugang zu den sperrigen Kompositionen und den scheinbar chaotischen Visualisierungen wesentlich geschmeidiger. "In der Avantgarde wurden die Stücke immer komplexer. So komplex, dass man sie mit herkömmlichen Partituren nur noch schwer darstellen konnte", erläutert Gutschmidt. Dennoch: Das erste Audiogramm "Kreisen innerhalb eines Kreises" kann verstören. Ein mit dem Unterarm gespielter Mehrklang erinnert einen an die ersten Gehversuche auf der malträtierten Klaviatur der älteren Schwester. Das kennt Gutschmidt und greift es auf: Viele mögen sagen, dass kann meine Katze ja auch.

Aber das allein mache keine Kunst. "Dieses subversive Element ist eine Kraft in der Kunst, die wichtig ist." Flindell lässt den Geigenbogen auf den Saiten kreisend summen und kreischen. Gutschmidt lässt die Hände über die Tasten wirbeln, verlässt dann die Klaviatur und erzeugt mit allerlei Utensilien Klänge im Inneren des Flügels. So zufällig und improvisiert das klingen mag: Wenn man aufpasst, hört und sieht man beim zweiten Audiogramm "Kreisen verschiedener Kreise zu-, in- und auseinander gleichzeitig" die beiden Musiker korrespondieren, mit ihren Instrumenten zu kommunizieren. Auch die Notation wird nachvollziehbarer.

Verkopfter Sound

Trotzdem: ein Audiogramm von Walther wird wohl immer ein Unikat bleiben. "Als wir das geprobt haben, klang es ganz anders." Lachen im Publikum - das entspannt. Und: Gutschmidt und Flindell tragen an diesem Abend auch Stücke vor, denen durchaus anzuhören ist, dass Walther sein Geld auch bei Film und Fernsehen verdiente. "Die Sonatine für Violine und Klavier" geht vergleichsweise (!) leicht ins auf Harmonien konditionierte Ohr - ohne freilich den verkopften Sound ganz aufzugeben. Und genau das fehlt mir (ganz subjektiv): Wärme und Herz, aber vielleicht finde ich das beim nächsten Mal.
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