Gegensätze ziehen sich an

Nach "ziemlich besten Freunden" sieht es auf der Bühne des Stadttheaters in Amberg auf den ersten Blick nicht aus. Doch Philippe (Timothy Peach, links) und Driss (Felix Frenken) nähern sich trotz grundsätzlicher Unterschiede immer mehr an. Sara Spennemann übernimmt während des Stücks die Rolle des "Mädchens für alles". Bild: Steinbacher

"Ziemlich beste Freunde" ist eine ziemlich anrührende Geschichte, die wunderbar verfilmt ist und auf der Bühne im Stadttheater Amberg außerordentlich gut erzählt wird.

Lebensbejahend und realistisch, eigentlich bedrückend und doch so warmherzig, lustig und ergreifend ist die Bühnenfassung von Gunnar Dreßler nach dem gleichnamigen französischen Film, der auf einer wahren Geschichte basiert. Regisseur Gerhard Hess musste mit den begrenzten Möglichkeiten einer Theaterinszenierung zurecht kommen, auf spektakuläre Außen-Szenen verzichten und das Geschehen einzig und allein ins ziemlich langweilige Bühnenbild (Cornelia Brey) verlegen.

Zum Glück tupft das so gegensätzliche Pärchen mit kleinen, witzigen Szenen richtig Leben und Farbe in die Szenerie, soll heißen in den Raum mit Bett, Tisch und Elektro-Rollstuhl...

Unverblümt und direkt

Worum geht's? Der Aristokrat Philippe ist seit einem Gleitschirmunfall vom Hals abwärts gelähmt. Er ist ein Schwerst-Pflegefall. Sein Verschleiß an Hilfskräften ist hoch. Da platzt eines Tages der dunkelhäutige Ex-Knacki Driss herein. Der will den Job eigentlich gar nicht haben. Er braucht aber eine Unterschrift für das Arbeitsamt, die beweist, dass er sich beworben hat. Aus einer Laune heraus stellt Philippe Driss zur Probe ein.

Ihm gefällt dessen unverblümte, direkte Art, weil er so überhaupt kein Mitleid mit Philippe zu haben scheint. Für ihn ist das die Chance, aus seinem eintönigen Alltag auszubrechen und wieder mehr am Leben teilzunehmen. Was anfangs unmöglich scheint bei diesem ungleichen Paar, wird Wirklichkeit. Zwischen Philippe und Driss entwickelt sich tatsächlich eine Freundschaft, von der beide gleichermaßen profitieren.

Felix Frenken schlüpft in die Jogginghose und das "Stay-Fresh-T-Shirt" von Driss. Der ungestüme Rastalockenträger strotzt vor Gesundheit und Lebensfreude. Er schert sich nicht um Konventionen, hüpft, tanzt, singt um den Mann im "Kinderporsche mit Klingelhupe", tauscht den klobigen Behinderten-Transporter gegen den schnittigen Maserati aus Philippes Fuhrpark, raucht mit ihm Joints und macht sich lustig über die dicken Sänger in der Oper. Eine Traumrolle für den fantastischen Felix Frenken, der sich voll und ganz darauf einlässt und alle Register zieht. Er ist Körper, Sinnlichkeit und Bewegung.

Timothy Peach mimt Philippe, den gelähmten Reichen, den Ruhigen, den Überlegenen, den Feinsinnigen, der weder Hände noch Füße gebrauchen kann. Ihm bleiben ausschließlich Kopf und Stimme. Er kommuniziert mit den Augen, mit dem Gesichtsausdruck, mit Worten. Er spielt seinen Philippe mit Würde, aber auch mit Verzweiflung und Hilflosigkeit. Die schauspielerische Herausforderung ist riesig, das Ergebnis berührend. Es ist spannend, abwechslungsreich und macht einfach Spaß, diesem emotionalen Aufeinanderprallen der Gegensätze von Banlieue und Pariser Nobelviertel zuzusehen.

Beste Unterhaltung

Flankiert werden die beiden großartigen Mimen von zwei ebenfalls überzeugenden Darstellern. Sara Spennemann ist als attraktive Magalie nicht nur "Mädchen für alles" und das Objekt der Driss'schen Begierde. Auch als Prostituierte und Brieffreundin Eleonore weiß sie sich optisch gut in Szene zu setzen. Michel Haebler gefällt in seinen drei Nebenrollen als Antoine, Bewerber und Pfleger ebenfalls. Das ist Theater in seiner besten Form, es berührt, erfreut und stimmt nachdenklich. Es lacht und weint. Sehr viel Zustimmung für diese Inszenierung vom Tournee-Theater Thespiskarren aus dem überwiegend jungen Publikum im gut besuchten Stadttheater.
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