Gelegt, getrocknet und gebrannt

Luftmuseumschef Wilhelm Koch (hinter einer Schale von Silke Decker) bewährt sich auch als Kurator: Denn gerade das von ihm arrangierte Aufeinandertreffen von Künstlerpersönlichkeiten wie Toni Scheubeck und Decker entfacht einen für das Publikum wertvollen Mehrwert. So entsteht ein Ausstellungs-Ganzes, das die Summe seiner Teile übersteigt. Bild: peg

Fragt man die aus Hamburg stammende Diplom-Designerin Silke Decker nach ihren wichtigsten Handgriffen, so klingt ihre Antwort "Legen, Trocknen und dann Brennen!" fast wie der berühmte Friseursdreiklang "Waschen, Legen, Föhnen".

Dass ihr Kordelporzellan aber alles andere ist als schnell vergängliche, korkenzieherlockenhafte Draperie und aufs Überdauern angelegt ist, wird klar, wer ihre Ausstellung in der gotischen Hauskapelle im Luftmuseum in Amberg besucht. Da sticht zunächst ins Auge, wie sehr Silke Decker sich bei ihren Arbeiten vom Formenkanon der Natur inspirieren lässt. Geht man durch den kleinen Ausstellungsraum oben im ersten Stock des Luftmuseums, so denkt man unweigerlich an Weinranken und Vogelnester, an kristalline Strukturen, Spinnweben und die Blütenblätter von Blumen.

Silke Decker darf für sich beanspruchen, diese Technik des "Kordelporzellans" erfunden zu haben: Vor mehr als zehn Jahren schon hat sie im Rahmen ihres Studiums begonnen, alltägliche Werkstoffe wie Schaumstoff, Papier und Wollfäden mit Gießporzellan zu kombinieren. In die flüssige Masse getunkt baute sie damit geometrische Gebilde auf, die anschließend acht Stunden lang b ei rund 1200 Grad gebrannt wurden, um sie so in ihrer Form zu fixieren. Während das Basismaterial - heute ist es meist Angorawolle - beim Brennvorgang verglüht, bleibt lediglich die Porzellanhülle zurück. So entstehen filigrane Objekte, denen man ihre Materialität und ihr Gewicht gar nicht ansieht.

Auch bei Rosenthal

Den ostbayerischen Raum kennt sie gut, Weiden als Porzellanstadt ist ihr ebenso ein Begriff wie Selb. Die Firma Rosenthal führt einen ihrer Schalen-Entwürfe im Programm - verantwortlich dafür ist Keramiksammler Peter Siemsen, viele Jahre der Leiter der Rosenthal Studio Galerie in Hamburg. Als Förderer junger Talente erfasste er sofort, dass mit Silke Decker ein großes Talent heranreift, weshalb sie vor 10 Jahren auch im Rahmen eines Stipendiums die Möglichkeit erhielt, ihr Verfahren zu verfeinern.

Aber auch sonst ist Silke eine gefragte und vielbeschäftigte Frau: Bei der Web-Recherche jedenfalls stößt man auf eine Vielzahl von Ergebnissen, von der Zeitschrift "Schöner Wohnen" wird sie als "Erfinderin" gefeiert und sie kann auch eine Reihe eigener Buchveröffentlichungen vorweisen.

"Wurzel des Leichten"

Das ist wohl auch der Grund, weshalb sie es nicht selbst zur Ausstellungseröffnung schaffte - aber Amberg, das hat ihr sehr gut gefallen, als sie im letzten Sommer während der Ferien mal vorbeischaute und dem Charme der Vilsstadt erlag.

Wilhelm Koch, nicht nur Leiter des Luftmuseums, sondern auch Ausstellungskurator, hat mit der Kombination von Silke Decker und ihrem ostbayerischen Kollegen Toni Scheubeck seine intuitive Fähigkeit bewiesen, durch das Engagement unterschiedlicher Künstlerpersönlichkeiten deren jeweilige Stärken herauszuarbeiten: Unten, im Erdgeschoss, die der "arte povera" entwachsene Kunst des vom Hohen Bogen stammenden Bayerwäldlers, die ihre Qualität in der Einfachheit der Mittel entfaltet: Steine und Draht, Tesa und Papier.

Silke Decker ihrerseits setzt mit ihrem "Kordelporzellan" dem Scheubeck'schen Motto von der "Schwere, die die Wurzel des Leichten ist", die glasiert-ornamentierte Krone auf: Weil ihre auch als Obstschalen nutzbaren Küchengegenstände viel mehr sind als bloße Dekoration und unter der Kategorie bloßer "Nützlichkeit" gar nicht verhandelbar sind. Sie vereinen Fragilität und Stabilität und stehen obendrein für ein philosophisches Prinzip, das man seit der Antike schon Dialektik nennt und deren höchste Form in der synthetischen Aufhebung besteht.

Der Künstlerin gelingt es mit ihrem Kordelporzellan nicht nur, das Trägermaterial der Wolle überflüssig zu machen und zugleich die Porzellankunst durch die Hinzufügung neuer Techniken zu bewahren. Obendrein hebt sie diese in eine neue Sphäre verlockend-luftiger Transparenz.

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Die Ausstellung "Kordelporzellan" von Silke Decker ist bis 19. April im Luftmuseum Amberg (Eichenforstgäßchen 12) zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14-17 Uhr, Samstag/ Sonntag/Feiertage 11-17 Uhr.
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