Georgette Dee im Stadttheater Amberg
Diva ist eine Berufsbezeichnung

Wenn Georgette Dee ins Theater geht, möchte sie ein Gefühl mit nach Hause nehmen. Das will sie auch den Zuschauern bieten, wenn sie in dem Stück "Helena. Plädoyer für eine Schlampe" auf der Bühne zu sehen ist. Bild: Agentur Charis

Georgette Dee ist Kunstfigur, Schauspielerin und Diseuse. Ein Mann in Frauenkleidern zwar, aber ohne Klischees und Überzeichnungen der Travestie. Im Stadttheater Amberg steht der Star in "Helena. Plädoyer für eine Schlampe" auf der Bühne.

Es braucht keine grelle Wimperntusche, keinen ausgestopften Busen, keine Federboa - auf der Bühne reicht für den Künstler ein langes Kleid als Kostümierung. Die Kulturredaktion führte mit Georgette Dee vor den Auftritten ein Gespräch.

Gleich einmal vorweg: Wie möchten Sie angesprochen werden? Georgette? Mrs. Dee? Frau Dee?

Georgette Dee: Das überlasse ich dem Auge des Betrachters. Den Stress habe ich mir nie selber gemacht.

Warum ist Helena eine Schlampe? Und für wen ist sie das?

Ich denke, dass sie für das breite Publikum seit zweieinhalbtausend Jahren eine ist. Helena ist ja nichts weiter als eine Projektionsfläche, die für das lockende Weib ist, die alle mit in den Abgrund gezogen hat.

Aber doch nicht willentlich.

Das ist wohl wahr. Sie wurde trotzdem meistens als das Biest schlechthin dargestellt. Oder als das dumme Blondchen, das alle mit ins Unglück zieht - à la Marilyn Monroe. Aber der Begriff Schlampe wird da auch boshaft-wohlwollend eingesetzt.

Ist dieser Widerspruch auch Thema des Stückes?

Es ist so etwas wie die Zündschnur zur Rakete. Helena formuliert das auch am Anfang: Erst ist man das dolle Weibsbild und ehe man sich versieht ist man die Schlampe, die Hure, die Hündin.

Ein Problem, das Frauen heute noch kennen.

Auf jeden Fall. Interessant ist auch, dass es da kein Wort für die Männer gibt.

Das Stück heißt "Plädoyer für eine Schlampe". Wer plädiert denn da? Macht sich da auch Georgette Dee für Helena stark?

Sie selber. Für mich kann ich das schwer sagen, ich habe das Stück nicht geschrieben. Allerdings habe ich mich schon sehr mit dem Stück auseinandergesetzt. Und man kann sagen, dass ich da eine kraftvolle Figur entwickelt habe. Die übrigens nicht immer liebenswert ist. Sie ist ein Upper-Class-Girl und hat ihre Fallhöhen. Es geht nicht darum, zu sagen: Sie hatte recht oder sie ist toll. Auch sie hat mitgetanzt unter den Mächtigen.

Ist Helena eine Diva?

In jedem Fall. Sie ist eine Prinzessin, die Königin von Sparta. Und sie ist die schönste Frau der Welt. Ich glaube auch, dass das den Charakter formt. Das Brutale ist diese Grundbedingung der Handlung. Als Tochter des Zeus ist sie unsterblich. Aber weil sie durch ihre Schönheit so viel Elend angerichtet hat, hat Zeus Helena dazu verdammt, zwar unsterblich zu sein, aber trotzdem zu altern. Das ist ein besonderes Sprungbrett, auf das man so einen Abend stellen kann.

Verstehen Sie Ihre Kunstfigur Georgette Dee auch als Diva?

Zu dem Thema habe ich mal gesagt: Zur Diva kann man sich nicht ernennen. Es ist eine Berufsbezeichnung, die einem das Publikum verleiht. Wie eine Professur von einer Hochschule. Ich fände es vermessen, mich als Diva zu bezeichnen, wenn das Publikum nicht der gleichen Meinung ist.

Was mir bei der Recherche aufgefallen ist: Es ist immer die Rede von einer Kunstfigur. Männer, die in Frauenkleidung auf der Bühne stehen, werden gemeinhin Travestie-Künstler genannt.

Ach, ich glaube, das ist ein typisch deutsches Problem, dass immer alles irgendwie benannt werden muss. Ich habe es aufgegeben, mich zu echauffieren. Ich denke, man muss es sehen und kann sich dann selber seine Titulierung ausdenken. Eine Choreografin hat mal gesagt: Wenn man dich sieht, ist für sie irgendwann jedes Geschlecht weg - ob Frau oder Mann. Es bleibt immer ein Mensch über.

Wenn dann der Abend vorbei ist - legen Sie die Kunstfigur mit dem Kostüm ab?

Absolut. Ich möchte nicht mit mir zusammenleben, wenn ich so wäre wie auf der Bühne. Natürlich gibt es da Dinge, die überdeckend sind. Aber das sind Dinge, die gehen nur mich etwas an.

Warum dann überhaupt als Frau auf die Bühne? Hören einem die Menschen besser zu?

Das war auf jeden Fall ein wichtiger Grund für die Entscheidung. Und: Ich bin in gewisser Weise vielgeschlechtlich. Ich habe da mal etwas Interessantes in einer Habilitation gelesen, dass die Indianer acht Bezeichnungen für Geschlechter haben. Die haben diese changierende Vielfalt irgendwie auch benannt. Das finde ich ganz spannend. Das ist das Tolle an meinem Beruf. Ich kann mich frei entfalten, entgegen den Menschen, die da ganz anderen Maßregelungen unterworfen sind, was Verhalten, Benimm und Erscheinungsform anbetrifft.

Sie sind dann für diese Menschen auch so etwas wie eine Leitfigur?

Das ist schon ein Grund, warum wir Kunst machen. Damit wir den Menschen etwas zeigen, worin sie sich spiegeln und woran sie sich orientieren können.

Gab es so etwas wie eine Geburtsstunde der Georgette Dee?

Ich denke, das war meine eigene Geburt. Ich wollte, so lange ich denken kann, darstellende Kunst machen. Ich habe kürzlich ausgemistet und fand ein Zeugnis der fünften Klasse. Da stand drin, dass ich eine besondere Begabung für Sprache habe. Ich war ganz gerührt, dass meine Klassenlehrerin das schon so früh erkannt hat. Dazu kam die Lust am Verkleiden. Aber eines habe ich gemerkt, auch wenn ich Männer liebe, ich will keine Frau sein. Es ist alles gut, so wie es ist.

Sie spielen Ihre Rollen auf großen und kleinen Bühnen, bald auch in Amberg. Was erwartet das Publikum?

Ein intensives Theatererlebnis, ein Abend, aus dem man nicht unbeteiligt rausgeht. Ich glaube, dass ich Menschen oft zum Nachdenken angeregt habe. Ich selber erwarte das auch, wenn ich ins Theater gehe. Wenn ich rausgehe und habe wieder alles vergessen, dann war es ein schlechter Abend. Wenn ich aber das Theater wutentbrannt verlasse oder beglückt, dann ist etwas passiert. Da dass Stück auch das Thema Krieg transportiert, hat es eine Aktualität. Gräueltaten werden klar benannt.

ServiceGeorgette Dee ist in "Helena. Plädoyer für eine Schlampe" am Dienstag, 3. Mai, und Mittwoch, 4. Mai, jeweils um 19.30 Uhr im Stadttheater Amberg zu sehen. Eine Einführung findet um 18.45 Uhr statt. Karten gibt es unter www.ticketonline.de, unter Telefon 09621/10-233 und an der Abendkasse.
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