Georgette Dee in "Helena. Plädoyer für eine Schlampe".
Objekt der Begierde

Supermodel, Schlampe und Spielball höherer Mächte: Georgette Dee zeigt auf der Bühne alle Facetten der Göttertochter Helena. Bild: Hartl
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
07.05.2016
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Sie war die schönste Frau der Welt. Sie war von göttlicher Abstammung. Sie ist unsterblich, aber nicht gegen das Altern gefeit. Die Rede ist von Helena, der Tochter der Leda, die einst Göttervater Zeus in der Gestalt eines Schwans begattete.

Nun ist sie in dem Stück "Helena. Plädoyer für eine Schlampe", dargestellt von Georgette Dee, als etwas angejahrte Dame im Amberger Stadttheater angekommen, um die ihre "wahre" Geschichte zu erzählen. Einen Blick in die Historie respektive Mythologie der Alten Griechen gibt vor der Aufführung Theaterberaterin Katja Körtge.

Sie weckt damit ein wenig die Erinnerung an die verschollen gegangene, humanistische Bildung und bringt eine gewisse Ordnung in das Personal der Männer und Frauen, die aus Liebe, aus Eifersucht und falschen Vorstellungen von Ehre einen der blutigsten Kriege vom Zaun brachen, der in der Geschichtsschreibung des Menschengeschlechts erzählt wird.

Zwiegespalten


"Helena. Plädoyer für eine Schlampe" bietet einen Monolog, den die Diva Georgette Dee in einer derart spannenden Art und Weise vorträgt, dass man als Zuschauer nicht zu sagen vermag, ob die wenigen eingestreuten Chansons eher stören und den Redefluss unterbrechen, oder eine willkommene Konzentrationspause sind. Denn es sprudelt aus der Transgender-Veteranin nur so hervor, die Wut und der Zorn der Göttertochter über eine Kindheit und Jugend, in der sie mehr miss- und gebraucht wird, in der sie be- und gehandelt wird, als hätte sie keine eigenen Persönlichkeit. Doch als eine solche stellt Georgette Dee das wohl erste Supermodel in der Menschheitsgeschichte dar.

In der Wahrnehmung ihrer Umwelt nur als Schönheit existent, wächst die junge Ikone des Altertums als Spielball höherer Mächte heran. Nun gereift, erkennt sie im Rückblick das perfide Intrigenspiel, in dessen Zentrum sie zwar stand, aber nicht als agierende Person, sondern als Objekt, das beliebig für fremde Interessen eingesetzt wurde.

Arme Gestalt


Der monumentale Monolog aus der Feder des spanischen Autors Miguel del Arco wurde übersetzt von Miriam Smolka, die hier mit ihrer Übertragung ins Deutsche Großes geleistet hat. Zahlreiche Wortspiele prägen den Text, dessen Feinheiten - und auch Grobheiten - die Georgette Dee mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, aber dennoch auch mit viel Sympathie für das bemitleidenswerte Geschöpf Helena interpretiert.

Um die Details im Textbuch und die häufigen Stimmungswechsel perfekt auf die Bretter zu bringen, benötigt man eine große Künstlerpersönlichkeit, und das nicht unbedingt im körperlichen Sinn, obwohl die Protagonistin dieses Solo-Programms nicht gerade klein gewachsen ist. Georgette Dee verfügt über eine ausgeprägte Bühnen-Präsenz, die ihr Publikum von der ersten Minute an in ihren Bann schlägt. Auf den Plakaten war ein Satz aus der Kritik zur Premiere in Berlin abgedruckt: "Ein großer Abend". Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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