Gruseliges Hörbuch zum Anschauen

Stimmungsvoll-schaurig mimte Dr. Jasper Paulus den transsilvanischen Bösewicht. Die Gothic Novel "Dracula" von Bram Stoker war Vorlage für "Der Graf" im Amberger Stadttheater. Bild: Huber

Allerheiligen - oder neudeutsch Halloween - ist nicht mehr weit. Selbst im Amberger Stadttheater war wohliges Gruseln angesagt, denn Graf Dracula nahm die Bühne in Beschlag.

Das Midnight-Story-Orchestra war mit dem Stück "Der Graf" nach Amberg gekommen. Wie man dieses Werk, das Andreas Wiersich konzipierte, bezeichnen könnte, ist auch am Ende einigen Zuschauern nicht ganz klar gewesen. Lesung mit Musik oder Hörbuch zum Zuschauen, da gingen die Meinungen auseinander.

Vielleicht ist hier der wenig sagende, etwas abgegriffene und bei Künstlern dennoch recht beliebte Terminus "Projekt" zutreffend. Dafür haben sich Toni Hinterholzinger an der elektrischen Orgel, der Perkussionist Florian Bührich mit Vibra- und Marimbafon, der Bassist Alex Bayer, der Schlagzeuger Stefan Seegler und Mastermind Andreas Wiersich an der Gitarre zusammengetan, um - da ist das Wort schon wieder - ein Konzeptalbum zu produzieren, das Literatur und Musik vereint. Das ist nicht neu, man denke da nur an die verschiedenen Rilke- und Schiller-Projekte, die in den letzten Jahren mit viel Erfolg den Musikmarkt bereicherten.

Stück aus einem Guss

Aber im Gegensatz zu diesen, bei denen mehrere Schauspieler und Musiker mit ihren eigenen Intentionen für einen Stilmix sorgten, hat das Midnight-Story-Orchestra ein Stück aus einem Guss abgeliefert. Basierend auf Modern-Jazz-Rhythmen vereinten die Musiker, jeder für sich ein Meister seines Instruments, Balkan-Folklore mit psychedelischen Klangexperimenten, harten Rock mit gefälligen Melodiefolgen und steigerten damit die Dramatik der Erzählung.

Diese dürfte hinlänglich bekannt sein. Unzählige Male wurde der Roman von Bram Stoker verfilmt. Großartige Schauspieler wie Max Schreck und Klaus Kinski, Christopher Lee und Gary Oldman haben der Figur des Grafen Dracula ein Gesicht gegeben. Weniger ein Gesicht, da ungeschminkt, aber dafür eine Stimme, die sich einprägte, gab Dr. Jasper Paulus dem transsilvanischen Blutsauger. Flüsternd, heiser zischend und auch markerschütternd schreiend gab er dem seelenlosen Ungeheuer eine Seele, die zwischen Gier und Verzweiflung, zwischen Eros und Tod changierte.

In der Rolle des Erzählers gab sich Paulus zurückhaltend bis unterkühlt. In lakonischer Manier las er die Tagebucheinträge des Handlungsgehilfen Jonathan Harker über dessen Reise ins Grauen. Umso beeindruckender erschienen dann die wörtlichen Reden, bei denen er verschiedene Rollen zwar mit leichten, auf der Bühne jedoch durchaus erlaubten, Übertreibungen glaubhaft verkörperte. Besonderes Augenmerk genießt dabei natürlich die Titelfigur, Graf Dracula.

Bedrohliches Ungemach

Wenn Jasper Paulus den Untoten Jonathan Harker mit einem schmeichlerischen "mein Freund" ansprach, klang das recht bedrohlich, und der geneigte Zuhörer wusste, dass nun weiteres Ungemach auf den jugendlichen Helden zukommen würde - bis hin zu seiner ewigen Verdammnis bei den grauenhaften Dienerinnen des Herrn aller Fledermäuse im Schloss im hintersten Siebenbürgen.

Der Chefmusiker, Andreas Wiersich, dankte am Ende dem Beleuchter. Dessen unheimliches Licht, in das die Musiker und der Erzähler getaucht waren, hatte die Stimmungen der einzelnen Szenen verstärkt und damit so manche der besonders feinen Nuancen in Bram Stokers Meisterwerk verdeutlicht.
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