Hana Malke über das KZ in Auschwitz
"Alle anderen gingen ins Gas"

Hana Malka ist aus Israel angereist, um eine Woche lang jungen Leuten von ihren Erlebnissen in drei Konzentrationslagern zu erzählen. Heute ist sie beim Überlebendentreffen in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Bild: Hartl

Hana Malka hat nicht viel geweint im Konzentrationslager. Blieb keine Zeit dafür, sie musste sich ja ums Überleben kümmern. Aber einmal konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Es ging um ein Radio.

Bei Hana Malka heißt es aber nicht so, die im südböhmischen Strakonice aufgewachsene 92-Jährige nennt es Transistor. Das Gerät stand im Zimmer einer Aufseherin im KZ Oederan, einem Außenlager von Flossenbürg in der Nähe von Chemnitz. Die Aufseherin erklärte der bei ihr aufräumenden Hana, dass sie das Radio nicht anfassen dürfe, weil sonst Musik rauskomme. Dadurch überfiel die "Halbjüdin" schlagartig die Erkenntnis: "Diese Frau glaubt tatsächlich, dass ich nicht weiß, was ein Transistor ist, dass wir Untermenschen sind." Danach habe sie das einzige Mal geweint.

"Garten Eden in der Hölle"

Jetzt erzählt die zierliche Frau davon ohne sichtbare Regung. "Als der Krieg anfing, war ich in eurem Alter", verdeutlicht sie der Technik-Klasse der Amberger BOS im "Zeitzeugengespräch". Die Worte sprudeln nur so aus der alten Dame heraus. Gelegentlich fährt sie mit den Fingern die Silhouetten ihrer Erinnerungen nach. Einmal lächelt sie - "weil ich all diese Sachen noch weiß, die mehr als 70 Jahre her sind, aber vergesse, was ich vor fünf Minuten getan habe".

Im November 1942 kommt Hana Malka mit ihrer Mutter ins "Vorzeigelager" Theresienstadt, in das die Nazis viele jüdische Künstler sperrten. Jeden Tag seien dort 50 Leute gestorben, sagt Hana Malka, die älteren vor allem an Hunger. "Und die SS hatte Angst vor all den ansteckenden Krankheiten, die es im Lager gab." Den Häftlingen sind aber Kulturveranstaltungen erlaubt - "das geht, auch ohne was zu essen". Ein Buch über die Pianistin Alice Herz-Sommer in Theresienstadt heiße "Ein Garten Eden inmitten der Hölle" - "und das ist es, was Theresienstadt war". Die SS ließ 1944 sogar das Rote Kreuz das "Musterghetto" inspizieren. "Seitdem habe ich ein schlechtes Verhältnis zum Roten Kreuz." Denn dessen Beauftragter habe gar nicht hinter die herausgeputzte Fassade des Lagers schauen wollen.

Im Viehwaggon wird Hana Malka im Herbst 1944 nach Auschwitz transportiert. Weil sie bei der Ankunft aus dem hintersten Waggon nach vorne rennt, um ihre Freundin zu finden, gehört sie zu den 200 jungen Frauen, die ausgewählt werden, um in Deutschland in einer Fabrik zu arbeiten. "Mehr haben sie nicht gebraucht, alle anderen gingen ins Gas." Die Selektion erledigt der KZ-Arzt Josef Mengele. Der lächelt dabei so fein, dass die Neuankömmlinge gar nicht glauben wollen, was für eine Bestie er ist. Als sie wenige Stunden nach der Ankunft erfahren, dass alle anderen 1500 Leute aus dem Transport schon tot sind, können sie es nicht fassen. "Schaut in den Himmel, dann seht ihr den Rauch, wie sie verbrannt worden sind", sagen die erfahrenen Häftlinge.

Eine Woche in Auschwitz

Eine Woche muss Hana Malka in Auschwitz bleiben, ehe sie weitertransportiert wird. "Ich war nicht in Auschwitz", sagt sie mehrmals. Als wolle sie diese Wartezeit nicht mit dem auf eine Stufe stellen, was die Menschen erleiden mussten, die länger dort waren. Sie kommt nach Oederan, muss Munition für Flieger zusammenbauen. Was sich ihr dort am tiefsten einbrennt, sind die Bewegungen zweier Tänzerinnen, die ihren Schicksalsgenossinnen vortanzen, was in Auschwitz war: "Das kann man nicht vergessen, weil der ganze Schmerz drinsteckte. Sie hatten ja ihre Kinder oder ihren Mann verloren."

Als die Rote Armee näherrückt, wird Hana Malka wieder nach Theresienstadt gebracht und am Kriegsende hier befreit. So schließt sich für sie der Kreis. Sprechen will sie über diese Zeit aber jahrzehntelang nicht. "Wir wollten nicht, dass die Kinder wissen, was ihre Eltern durchgemacht haben." In Israel selbst erzählt sie jungen Leuten erst seit zwei Jahren, was es für sie bedeutete, ein "Untermensch" in einem KZ zu sein.
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