In Amberg bricht ein politisches Tiefdruckgebiet über das Publikum herein
Urban Priols Gewittersturm

Die Haare auf Sturm, ein alkoholfreies Bier und ein zentimeterdickes Manuskript - Urban Priols politisches Kabarett ist unverwechselbar. Bild: tat
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
14.11.2016
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In Amberg stehen die Zeichen auf Sturm - zumindest auf der ACC-Bühne. Denn dort lässt Kabarettist Urban Priol mit seiner markanten Sturmfrisur drei Stunden lang ein politisches Tiefdruckgebiet über das Publikum hereinbrechen. Alles andere als ein Sturm im Wasserglas.

Urban Priol startete erst einmal als angenehmes Lüftchen. Passend zu seinem neuen Programm "Jetzt", das sich um den Irrsinn der sich ständig überschlagenden Neuigkeiten dreht, wartete der Kabarettist quasi zum Warmwerden zunächst mit Donald Trump auf. Ein gefundenes Fressen für den Aschaffenburger, denn: "Wenn jeder Trottel Präsident werden kann, vielleicht meld ich mich dann mal für uns. Fünf Jahre trinken und winken krieg ich hin."

"Alternativlose Merkel"


Priol schwenkte als nächstes nach Deutschland, und der politische Wind frischte merklich auf. Wer wird der nächste Kanzler? "Alternativlos" war bisher nur ein (Un-)Wort zu Angela Merkels Flüchtlingspolitik, doch dieses "Alternativlos" beträfe eher sie selbst, wetterte Priol über Merkels Ansinnen, erneut für das Amt des Staatschefs zu kandidieren. Ob Angela Merkel, ihr "neuer treuer Rückenstärker" Winfried Kretschmann, Ministerpräsident Horst Seehofer oder Verkehrsminister Alexander Dobrindt - Urban Priol ließ an keinem ein gutes Haar, und der Dampf im Kessel stieg.

Kein Wunder, denn der Kabarettist hatte eine Menge zu sagen. Einfach, weil er sich politisch auskennt. "Wir regen uns über die falschen Sachen auf", meinte Priol. Der VW-Skandal, das "bedenkliche Anhäufen der Vorbestraften" im Vorstand des FC Bayern München, die "Lichtgestalt Franz Beckenbauer, die zum Fürsten der Finsternis" geworden sei. All das bliebe ohne Folgen. Während in den USA Milliardenklagen gegen VW laufen, tut sich in Deutschland - nichts. Auch die anderen Automobilhersteller verhielten sich verdächtig ruhig.

Der Deckel bleibt drauf


Und schon spann Priol den Faden weiter zu den Landesregierungen, die lieber den Deckel über Audi und Co. halten, und zu einer "leidenschaftslosen Kanzlerin, die von nichts gewusst haben will und deren betriebswirtschaftliche (und physikalische) Sicht der Dinge auch Europa massiv schadet". Der Gewittersturm auf der Bühne verdichtete sich immer weiter und jagte von Großbritannien über ganz Europa bis in die Türkei.

Politisch versiert


Auch das Publikum ließ sich gerne anstecken und donnerte in Form von Applaus mit. Streng genommen waren die rund 800 Besucher nur zum Zuhören verdammt, aber es war spannend, erhellend und sprachlich hervorragend aufbereitet, was der politisch sehr versierte Redner aufs Tableau brachte.

Und sehr oft deckte sich seine Sicht der Dinge mit der der Anwesenden. So traf Urban Priol ein ums andere Mal ins Schwarze. Doch mitunter gingen die kabarettistischen Schläge auch arg Richtung Gürtellinie. Seine teilweise bitterbösen Äußerungen kamen im Publikum nicht immer gut an.

Vor keiner Grenze Halt


Wenigstens machte der Bühnenprofi vor keiner Grenze Halt, weder politisch noch gesellschaftlich, nahm Menschen sämtlicher Couleur aufs Korn und verpackte sein enormes politisches Wissen in plakative Pointen. Es durfte und musste gelacht werden, um sein Drei-Stunden-Programm durchzustehen. Und danach? Erst mal ein kühles Weißbier für Urban Priol, für die anderen eine wohltuende Ruhe nach dem Sturm.

Priol-ZitateÜber Twitterer Markus Söder:

"Wenn du denkst, es geht nicht blöder, kommt ein Tweet von Markus Söder."

Über Angela Merkels Flüchtlingspolitik, die die Meinungen auseinandergehen lässt:

"Die Dame ist Physikerin. Spalten ist ihr Kerngeschäft."

Über Dobrindt und die Maut:

"Als der klein war, müssen sie die Schaukel zu dicht an die Hauswand gesetzt haben."
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