In Eisenstein herrscht emotionale Kälte

Ohne große Bühnen-Accessoires kommen die Darsteller von "Eisenstein" aus. Die Schauspieler brillieren dabei in durchwegs mit negativen Eigenschaften belasteten Rollen. Bild: Huber

Kein nennenswertes Bühnenbild, kaum Requisiten, neun Darsteller auf sich allein gestellt. Spartanisch inszeniert, wie eben auch die Zeit war, in der Christoph Nußbaumeders Familiensaga um die Hufnagels aus "Eisenstein" beginnt.

Die Ereignisse der letzten Kriegstage 1945 gehen auch an dem kleinen Städtchen im Bayerischen Wald und seinen Bewohnern nicht spurlos vorüber. Auf der Flucht vor der Roten Armee verschlägt es Erna Schatzschneider, überzeugend dargestellt von Anna Dörnte, auf den Hufnagelhof, auf dem ihr Onkel als Knecht arbeitet.

Eine Nacht mit einem entflohenen KZ-Häftling zeitigt Folgen. Sie ist schwanger. Um auf dem Hof bleiben zu können und Arbeit zu finden, beginnt sie ein Verhältnis mit dem Patriarchen der Familie und überzeugt ihn, das erwartete Kind sei seines. Aus dieser Lüge erwächst die Ur-Katastrophe, die alle Beteiligten in einen Strudel aus weiteren Lügen, Intrigen und Gewalt hineinzieht. Gefangen in überkommenen Verhaltensmustern und einer Tradition, die auch die "Stunde Null" nicht brechen konnte, verstricken sich die Familienmitglieder immer mehr in ein Geflecht, aus dem ein Entkommen schier unmöglich erscheint.

Machtmensch alter Schule

Die emotionale Kälte - gelegentlich aufflackernde Liebe und Zuneigung erweisen sich als trügerisch und nicht von Dauer - die auf dem Hufnagelhof herrscht, wird durch die Einsamkeit des Einzelnen in den zu Zweckgemeinschaften verkommenen Ehen und den wechselnden Beziehungen zwischen den handelnden Personen für das Publikum erschreckend spürbar. Der Gutsbesitzer Josef Hufnagel, ein Machtmensch und Patriarch alter Schule, hat seine kleine Welt fest im Griff. Aber nur so lange, bis sein vermeintlicher Sohn herangewachsen ist.

Zunächst ist er stolz auf "seinen" Georg, der offensichtlich die Eigenschaften seines Ziehvaters geerbt hat, sich dann aber unglücklicher- und unwissenderweise in seine vermeintliche Schwester verliebt. Hubert Schedlbauer gibt in der Rolle des Georg eine beeindruckende schauspielerische Leistung zum Besten, mit der er den Charakter dieses in die Welt geworfenen Mannes und seine vom Ehrgeiz getriebene Entwicklung als Aufschwungsgewinner über die Wirtschaftswunderjahre hinaus bis zum Global Player in der Zeit nach dem Zusammenbruch des Kommunismus drastisch verkörpert. In einer rücksichtslos erfolgsorientierten Welt ist der emotional abgestumpfte offenbar ein Gewinner, zerbricht aber dennoch an der Gefühlskälte, die ihn seit der erzwungenen Trennung von seiner großen Liebe beherrscht.

Ebenso wie Hubert Schedlbauer beeindrucken auch die weiteren Akteure, die auf eindringliche Weise oft mehrere Charaktere im Wechsel darstellen. Unter der Regie von Jochen Schölch agieren die Schauspieler des Stadttheaters Regensburg lebensnah und zeigen auf erschreckend realistische Weise, wie Menschen von ihrer Umwelt geformt oder gar gebrochen werden. Diese Ensemble-Leistung wurde bei den Bayerischen Theatertagen 2012 ausgezeichnet. Dass sie, die "Eisenstein" seit jenem Jahr im Repertoire führen, diese Ehrung absolut verdient haben, stellen die Regensburger Mimen auch im Amberger Stadttheater unter Beweis. In einem Stück, das keine Helden kennt, in dem jede Bühnenpersönlichkeit durch negativ belegte Eigenschaften charakterisiert wird, in dem Egoismus und Egomanie als Ursache für die Handlungen dominieren, kann kein Darsteller mit dem Sympathiewert seiner Rolle beim Publikum punkten und damit herausragen. Auch dadurch wird klar, dass es sich bei "Eisenstein" um ein Stück handelt, dass vom Engagement des Ensembles in seinen allzu menschlichen Rollen abhängt.

Eisenstein ist überall

Es gelingt Regisseur und Darstellern, mit sparsamsten Mitteln ein Werk auf die Bühne zu bringen, das niemand unberührt lässt, das mit seiner emotionalen Kälte und den in ihrer lieblosen Welt gefangenen Protagonisten Eindruck und Betroffenheit zurücklässt. Ist die Geschichte Fiktion und der Kreativität des Autors entsprungen? Nein. Eisenstein ist überall.
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