Kantable Charakter-Musik

Das Kammerorchester "Sinfonietta" verführt sein Amberger Publikum musikalisch in die Spätromantik. Bild: Huber

Die Barock-Spezialisten des Kammerorchesters "Sinfonietta" haben nicht nur ihr traditionelles Sommerkonzert weit in den Herbst verschoben, sondern auch gleich noch einen musikalischen Sprung unternommen. Mit diesem entführt das Ensemble seine Zuhörer in das Reich der Spätromantik.

Auf dem Programmzettel finden sich Werke von Max Reger, dem britischen Komponisten Edvard Elgar, der hierzulande vor allem durch seine Pomp-&-Circumstance-Märsche bekannt ist, und Jean Sibelius aus Finnland. Eingerahmt werden die drei "modernen" Komponisten in der Amberger Schulkirche durch hervorragende Interpretationen von Barock-Konzerten. Das erste stammt von Johann Wilhelm Hertel, der wie sein großer Kollege Johann Sebastian Bach in Eisenach geboren wurde. Sein Concert No. 3 in D-Dur für Trompete und Streicher gibt dem Solisten Franz Badura gleich die Gelegenheit, seine Virtuosität auszuspielen. Besonders im Largo unterstreicht er mit zurückhaltenden, sanften Tönen den kantablen Charakter der Komposition und stellt damit das Gleichgewicht zwischen den beiden Allegro-Sätzen her.

Auch mit dem Finalwerk, ebenfalls ein Trompetenkonzert in D-Dur, diesmal allerdings italienischer Provenienz, nämlich eines von den vielen, die Guiseppe Torelli geschrieben hat, gelingt dem Ausnahmemusiker eine beeindruckende Leistung. Allegro und Presto im heiter-sonnigen Gewand des südländischen Barock und mit einem Ausklang, der strahlender nicht sein kann.

Partitur erweitert

Für das "Lyrische Andante für Streichquartett" von Max Reger haben die Musiker der "Sinfonietta" die Partitur ein wenig erweitert und damit voluminöser und klangvoller gemacht, als es in der Vierer-Besetzung möglich ist. Herausragend in diesem hochromantischen Werk des Oberpfälzer Komponisten ist der Cello-Part, der weich und fließend all jene Lügen straft, die die Musik Regers bisher für sperrig und streng erachteten. Edvard Elger ist in Deutschland vielen nur durch die bereits oben erwähnten Märsche und vielleicht durch die Enigma-Variationen bekannt. Deshalb ist es recht bemerkenswert, dass die "Sinfonietta" seine Serenade für Streichorchester op. 20 in ihr Programm aufgenommen hat.

Von dem britischen Komponisten gibt es noch viele Werke seines umfangreichen Oeuvres zu entdecken. Die dreisätzige Serenade unterscheidet sich sehr von den genannten "populären" Werken von Sir Edvard. Sie zeigt ihn von seiner lyrischen Seite. Da ist nichts von der Pomp-&-Circumstance-Wucht zu spüren. Die "Sinfonietta" arbeitet hier eher den pastoralen Stil heraus, der dem Werk innewohnt und verwandelt die gedruckten Noten in eine bildhafte Genredarstellung der grünen Hügel des Inselstaates.

Den absoluten Höhepunkt des Konzerts - sowohl kompositorisch, technisch und interpretatorisch - bildet das "Andante festivo" von Jean Sibelius. Dieses kurze Stück bringt die "Sinfonietta" derart spannungsreich und die Aufmerksamkeit des Publikums fordernd zu Gehör, dass es - würde es auf Tonträger erscheinen - für viele andere Interpreten als Referenz-Aufnahme dienen könnte.

Vielseitiges Ensemble

Der herbe nordische Klang, der trotz aller klassischen Überhöhung doch auch die volkstümlichen Einflüsse spüren lässt, an denen Sibelius' Schaffen so reich ist, ist dazu angetan, die Zuhörer in einen hypnotischen Zustand zu versetzen.

Das erweiterte Repertoire, das die Mitglieder der "Sinfonietta" unter Bernhard Müllers, der die Barockkonzerte vom Cembalo aus leitet, und Konzertmeister Daniel Giglberger bieten, zeigt zum einen die Vielseitigkeit des Ensembles und begeistert zum anderen das Publikum. Das Orchester ist damit sicher auf dem richtigen Weg und wird seinen Freunden in Amberg künftig wohl öfter neue interessante Perspektiven eröffnen.
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