Kommentar zur Beuys-Ausstellung
Nichts anfassen!

Joseph Beuys war ein durchaus ernster Zeitgenosse. Die Umweltverschmutzung bereitete ihm große Sorgen, der gesellschaftliche Verlust an politischer Teilhabe trieb ihn um. Doch bei allem Argwohn hat er nie seine kindliche Freude verloren. Das sieht man an Objekten, wie der absurd-genialen Capri-Batterie oder den legendären, leeren Holzkisten, von denen er 12 000 Stück anfertigen ließ, um sie von ihren Eigentümern individuell mit Intuition füllen zu lassen.

Wenn die Mitarbeiter des Kongresszentrums in eineinhalb Wochen die Exponate aufbauen, verfügen sie hoffentlich über dicke Glasvitrinen und starke Absperrbänder. Denn Beuys' Objekte gehen vom Kopf über das Herz direkt in die Hand. Gut möglich, dass Schüler, die gerade aus der Physikstunde kommen, das Bedürfnis verspüren, die Lampen-Installation vor Ort auszuprobieren. Wir erinnern uns an die dreckige Badewanne, die der große Meister 1973 in einem Leverkusener Museum ausgestellt hatte. Eine Putzfrau schrubbte sie versehentlich sauber. Da macht jemand Kunst, und dann passiert etwas ganz Menschliches.

Unsere Stadt steht Leverkusen da in nichts nach. Vor sechs Jahren traktierte eine Reinemachefrau im Luftmuseum ein Exponat auf ähnliche Weise. Die Frau saugte Hornissen von einer Lautsprecher-Membran, ohne zu wissen, dass sie damit das Kunstwerk "Tanz für Insekten" zerstörte. Allein schon deswegen ist Amberg natürlich erste Adresse für eine Beuys-Schau. Eine Bitte richtet sich dennoch an alle, die in den nächsten Wochen durch das ACC flanieren, dort Kisten stapeln oder staubsaugen: Auch wenn die Intuition zu etwas anderem drängt - bitte einfach alles so stehen und liegen lassen!

uli.piehler@derneuetag.de
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