Kraftvoll: "Der kaukasische Kreidekreis"“ im Stadttheater Amberg
Kampf der besseren Mutter berührt

Das ausdrucksstarke Schauspiel "Der kaukasische Kreidekreis" von Bertolt Brecht begeistert im Stadttheater Amberg. Bild: Hartl
Kultur
Amberg in der Oberpfalz
18.02.2016
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Es ist einer dieser Theaterabende, die unter die Haut gehen und nachwirken. Bertolt Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" erlebt im Stadttheater Amberg mit bewegendem Schauspiel und Musik eine in jeder Sekunde fesselnde Aufführung.

In diesem Werk, das die Parabel des alttestamentarischen Königs Salomo als Grundlage hat, geht es um die menschliche Größe der "kleinen Leute" im Gegensatz zur Härte der oberen Zehntausend. "Der kaukasische Kreidekreis" hat zwei Handlungen, die zeitlich parallel verlaufen. Die der Magd Grusche und die des Richters Azdak. Doch sie werden nacheinander gespielt und erst in der Schlussszene beim Kreidekreisurteil zusammengeschlossen. In diesen beiden Handlungssträngen ist der Erzähler der Vermittler des Dramas. Grusche bekommt aus naiver Gutmütigkeit die Verantwortung für ein fremdes Kind übertragen. Um sich und dieses Kind zu schützen, begibt sie sich in Gefahren und Abhängigkeiten, die dazu führen, dass sie sich als die "echte" Mutter des Kindes Michel betrachtet. Dazu tragen der unter dem Pantoffel einer bigotten Frau stehende Bruder, die arroganten Soldaten, der bestechliche Klerus und letztlich auch ihr enttäuschter Verlobter Simon bei. Doch bei Brecht zerbricht und resigniert Grusche nicht, sondern sie wächst zu einer starken Kämpferin für "ihr" Recht heran.

Frau als starke Kämpferin


Der zweite Handlungsstrang zeigt den "Arme-Leute-Richter" Azdak, eine ebenso zweifelhafte wie hinreißende Erscheinung. Eigentlich ein lauterer Mann, der einen Lumpen spielt, ist er mehrfach der Hinrichtung entkommen und hat Richterehren erlangt. Er lässt sich zwar bestechen, richtet aber vom Standpunkt der Niedrigen aus. Hier hat er in der Findung des Urteils, zu wem das Kind Michel gehört, seine große Szene: "Es kommt nicht auf den Anspruch der Magd auf das Kind an, sondern auf den Anspruch des Kindes auf die bessere Mutter" - nach dieser Richtschnur fällt er das Urteil. Und bewegend, ja beklemmend fällt die Entscheidung im "Kreidekreis" aus.

Das"Wettziehen" der beiden Frauen, der auf Macht bestehenden leiblichen Mutter, und der einfachen Grusche, lässt der Richter wiederholen, weil er sieht, dass Grusche "ihrem" Sohn nicht wehtun will. Aber bei der Zerreißprobe gibt sie das Kind frei. Zur Rede gestellt, die bewegende Antwort: "Ich hab's aufgezogen! Soll ich's zerreißen? Ich kann's nicht." Unglaublich fesselnd diese Szenen.

Träger dieser emotionalen Aufführung sind eigentlich zwei Personen: Jennifer Lorenz als eine starke Grusche. Ihre Wandlung von der naiven Magd zur entschlossenen Kämpferin, die Darstellung ihrer inneren Kämpfe großartig. Berührend auch ihre gesungenen Texte. Sie ist in jeder Szene glaubwürdig, überzeugend.

Ihr in nichts nach steht Peter Bause. Zunächst als singender Erzähler, der das Geschehen führte, und später als Richter Adzak ist er eine geniale Besetzung. Wie er spielend die Wirren der Handlung überlebte, um das salomonische Urteil zu fällen ist große schauspielerische Klasse.

Keine Schwachstellen


Die Musik von Paul Dessau, von der Akkordeonspielerin Tatjana Bulava eindrucksvoll und charakterisierend gespielt, gibt den gesungenen Texten die zusätzliche Wirkung. Im ganzen Ensemble gibt es keine Schwachstellen, alle Darsteller, manche in verschiedenen Rollen, sind überzeugend und echt. Kostüme mit den Gesichtsmasken, die die Kälte der "Großen" symbolisieren sollten, passen in Farbe und Charakter.

Schade, dass manche Szenen zu bewegt gespielt werden und dadurch der Text Brechts nicht deutlich zu verstehen ist. Bei Brecht ist kein Wort nebensächlich. Dafür, dass das grotesk herbeigeführte, die unerträgliche Spannung mildernde Happy End Grusches mit ihrem Verlobten nicht ins Seichte abgleitet, sorgt Grusche:"Ich hab ihn genommen in der Nacht, da wir uns verlobt haben. So ist es ein Kind der Liebe". Ein emotionaler, ergreifender Schluss.
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