Künstlerdrama "Rot": Gelungene Aufführung des gleichnamigen Stücks von John Logan im ...
Wie man sieht, sieht man nichts: Horwitz tobt als Rothko über die Bühne

Die Bühne ist offen. Der Blick gleitet in ein Künstleratelier: ein Stuhl, rechts ein kleiner Abstelltisch, überfüllt mit Behältern voller unterschiedlicher Pinsel, mehrere Farbkübel im Raum verteilt, Bilder an den Wänden. Klassische Musik schwebt über dem Publikumsgemurmel. Auf einem hohen Holzgestell steht eine abstrakte Arbeit, ganz in Rottönen.

Der Kunstinteressierte weiß: Das ist ein typischer Rothko! Und eben jener Mark Rothko geistert in farbverschmierten Klamotten unruhig, Alkohol trinkend und Zigarette rauchend durch die Szene. Dominique Horwitz hat diese Hauptrolle. Am 31. Oktober 2011 war die deutschsprachige Erstaufführung von John Logans "Rot" am Renaissance-Theater, Berlin. Von Logan stammen unter anderem die Drehbücher zu Hollywoodfilmen wie "Skyfall", "Gladiator" und "Aviator". Nach erfolgreichen Aufführungsserien im Londoner West End und am New Yorker Broadway wurde "Rot" mit dem Tony Award 2010 und zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet worden. Jetzt geht das Berliner Ensemble auf Reisen und machte am Dienstagabend Station im Stadttheater Amberg.

"Was sehen Sie?"

"Was sehen sie?" Die Frage ist an den geschniegelten Ken (Benno Lehmann) gerichtet. "Gehen sie nah ran, lassen sie es auf sich wirke", fordert Rothko seinen jungen Assistenten auf. Ab sofort jagen die beiden ohne Pause durch 90 Minuten hochklassiges, unterhaltsames, anspruchsvolles und interessantes Theatervergnügen. Horwitz mimt den exzentrischen Choleriker, den zügellosen Schwätzer, den großartigen Künstler, den unsicheren Zweifler, den aggressiven Tyrannen.

Er tobt und schreit, er monologisiert, diskutiert und doziert. Er suhlt sich in Rot und fürchtet das Schwarz. Eine Rolle, die er mit Lust und voller Kraft auslebt. Wenn er die weiße Leinwand in Farbe taucht, dann rinnt ihm der Schweiß von der Stirn. Er schont sich nicht, auch nicht sein Gegenüber - und schon gar nicht das Publikum. Schade, dass nicht alle Worte verständlich sind in dieser Hetze und Fülle von Gedanken und Gefühlen. Und das bei diesem spannenden Drama, das sich sehr gescheit mit dem Leben und Werk von Mark Rothko (1903-1970) auseinandersetzt - dem Maler des abstrakten Expressionismus, dem Einfühlung, Stille, Kontemplation viel bedeuteten.

Intensives Spiel

Gar nicht einfach gestaltet sich die Situation für Benno Lehmann. Er steigt als "tumber Tor" etwas ahnungslos in den Ring, muss sich schauspielerisch gegen diesen Horwitz-Orkan behaupten und unbeschadet die Stürme überstehen. Er macht das bravourös. Ja, er überzeugt mit intensivem Spiel, ohne große Worte und Gesten. Und am Ende hat er es sogar geschafft, Rothko davon abzuhalten, seine berühmten Seagram-Bilder wie vereinbart im "Four Seasons Restaurant" aufzuhängen.

Es scheint, als habe sich Torsten Fischer für seine Regie beim Meister selbst Rat geholt. Differenziert und reduziert erzählt er die Geschichte. Lässt den Schauspielern Raum für psychologische Ausdeutung, symbolträchtige Anspielungen und intensive Begegnung. Ein toller Theaterabend, der mit minutenlangem Applaus honoriert wurde.

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Anmerkung der Redaktion:Unser Fotograf wurde während der Vorstellung an der Arbeit gehindert. Die beiden Schauspieler haben uns im Nachhinein die Veröffentlichung von Fotos der Aufführung untersagt. Das Fotografierverbot war zuvor nicht mitgeteilt worden.
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